Claudia Grieser kommt mit Badetasche an den See. Sie wohnt in Sipplingen und ist froh, dass sie wieder ins Wasser darf. Angesichts der Hitze dieser Tage ist das für viele die einzige Möglichkeit, etwas Abkühlung zu erhalten. Am vergangenen Wochenende herrschte hier ein Badeverbot, weil Bürgermeister Oliver Gortat darin die einzige Möglichkeit sah, dem Corona-Virus vorzubeugen. Die Besucher hielten sich einfach nicht mehr an die Abstandsregeln, stellte er fest und machte komplett dicht.

35 Kilometer seeaufwärts, im Landratsamt Friedrichshafen, sorgte das für erhöhte Büro-Temperaturen. Die Kreispolizeibehörde untersagte dem Rathaus-Chef die Sperrung, und der reagierte verschnupft. Er könne „überhaupt nicht nachvollziehen“, so Gortat, warum man ihm in die Parade fährt.

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Es stimme nicht, sagt Gortat, dass er eine einsame Entscheidung getroffen habe, vielmehr sei er „im engen Austausch“ mit den Bürgermeistern der Nachbargemeinden gewesen. Wenn Überlingen dann nicht nachzieht und die öffentlichen Seezugänge offen lässt, dann habe er als Sipplinger Bürgermeister das zwar nicht zu bewerten, seine Verantwortung sehe er aber zuerst in seiner eigenen Gemeinde verortet.

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Nach dem Stopp aus Friedrichshafen reagierte Gortat prompt. Er verfügte, dass schon ab diesem Wochenende Tagestouristen nur noch auf vergleichsweise wenigen Parkplätzen ihr Auto abstellen dürfen. Der Rest muss weiter fahren, wohin auch immer. Schließlich handle es sich ja nur um „eine Freizeitbeschäftigung“, stellte Gortat fest. Die Unversehrtheit des Lebens sei höher zu bewerten. Also sperrte er den Ortskern ab, auch den ersten großen Parkplatz, wenn man von der Autobahn abfährt und von Westen her in den Ort einfährt.

Tagesgäste ignorieren die Schilder

„Anlieger frei“ steht an der Zufahrt zum Parkplatz seit Freitagmorgen. Mit Anliegern sind etwa die Liegeplatzbesitzer am Hafen gemeint. Trotzdem: Gegen 11.30 Uhr war der Parkplatz voll. Bevor die Mitarbeiterin des Ordnungsamtes den Verkehr regeln konnte, ignorierten zig Autofahrer das Schild. Ob aus Gewohnheit oder weil sie es übersehen wollten? Jedenfalls müssen sie mit einem Bußgeld rechnen. Weitere Schilder im Dorf machen klar, dass hier praktisch kein Parkplatz mehr zu finden ist.

Bürgermeister Oliver Gortat wollte zum Schutz vor Corona eigentlich den Seezugang sperren. Nachdem ihm das Landratsamt das verboten hat, sperrt Gortat nun am Wochenende den Ort für Tagesgäste, die mit dem Auto kommen, ab.
Bürgermeister Oliver Gortat wollte zum Schutz vor Corona eigentlich den Seezugang sperren. Nachdem ihm das Landratsamt das verboten hat, sperrt Gortat nun am Wochenende den Ort für Tagesgäste, die mit dem Auto kommen, ab. | Bild: Hilser, Stefan

Die Sipplingerin Claudia Grieser lobt diese Regelung. „Genau so ist es richtig“, findet sie. Sipplingen ertrinke sowieso im Tagestourismus. Über die Ufersperrung, von der sie vergangenes Wochenende selbst betroffen war, habe sie sich sehr geärgert. Jetzt findet sie lobende Worte für ihren Bürgermeister.

„Anlieger frei“: Heißt, in das Dorf dürfen Tagestouristen am Wochenende nicht einfahren und nach Parkplätzen suchen. Bisher herrschte hier Chaos, und die Bewohner befürchteten zuweilen an Wochenenden, dass Rettungskräfte nicht mehr durchkommen würden.
„Anlieger frei“: Heißt, in das Dorf dürfen Tagestouristen am Wochenende nicht einfahren und nach Parkplätzen suchen. Bisher herrschte hier Chaos, und die Bewohner befürchteten zuweilen an Wochenenden, dass Rettungskräfte nicht mehr durchkommen würden. | Bild: Hilser, Stefan

Gortat eilte am Freitag von einem Pressetermin zum nächsten. Von Sipplingen geht Signalwirkung aus. Wie mit Corona umgehen, wie klar machen, dass Abstände eingehalten werden müssen? Gortat nimmt sich Zeit für jede Presseanfrage, Kommunikation sei ihm wichtig. Die vielen Besucher aus dem Einzugsgebiet zwischen Schwarzwald und Schwäbischer Alb sollten wissen, woran sie sind, bevor sie ihre Badetaschen packen.

Parkbeschränkung durchgehend von Freitag bis Sonntag

Gortat betont, dass die Beschränkungen nur freitags bis sonntags gelten, und dass sowohl in den Morgen- als auch den Abendstunden genügend Platz vorhanden sei. Die Sperrung der Uferzone hätte von 11 bis 17 Uhr gegolten, die Parkbeschränkungen gelten jetzt das komplette Wochenende, belohnen aber gleichsam die, die morgens anreisen, mit der Aussicht auf einen freien (von wenigen) Parkplätzen. Gortat nimmt die Kritik, mit der er auch in vielen Kommentaren im Internet überzogen wird, gelassen. „Das gehört bei meinem Beruf dazu.“

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