Das Bild vor der Musikmuschel in Friedrichshafen war geprägt von Regenschirmen. Nur auf der Bühne und am Rande unter einem Pavillon fanden sich Schilder mit Botschaften. Mahatma Gandhi schaute übergroß von der Bühne, von Frieden und Freiheit war in großen Buchstaben die Rede und unter einem Pavillon verbarg sich ein Zitat der Weißen Rose: „Nichts ist eines Kulturvolkes unwürdiger, als sich ohne Widerstand von einer verantwortungslosen und dunklen Trieben ergebenen Herrscherclique ‚regieren‘ zu lassen.“ Sophie Scholls Worte sind keine Seltenheit auf Demonstrationen der Querdenken-Bewegung und bereits der Antisemitismusbeauftragte der Bundesregierung, Felix Klein, rügte die Gleichsetzung von Querdenken mit der Weißen Rose als Holocaustverharmlosung.

Manche Unterstützer der Klardenker bleiben außerhalb der Absperrung stehen, die eigentlich dazu dienen sollte, den Durchgangsweg für Passanten freizuhalten.
Manche Unterstützer der Klardenker bleiben außerhalb der Absperrung stehen, die eigentlich dazu dienen sollte, den Durchgangsweg für Passanten freizuhalten. | Bild: Lena Reiner

Durch die vielen Regenschirme drang die Botschaft des eher unscheinbaren Plakats allerdings nicht bis zu den Zuschauern und Passanten durch, die immer wieder an der Balustrade stehen blieben und die Versammlung der Klardenker aus Lindau hinter der Absperrung beobachteten. Was weiter schallte, waren die Redebeiträge von – unter anderem – Rolf Kron und Daniel Langhans, die bereits in der Vergangenheit mit drastischen Vergleichen der aktuellen Zeit zur NS-Zeit aufgefallen waren. Auch in Friedrichshafen betonte Langhans, dass Deutsche – im Unterschied zu anderen – ja wüssten, dass etwas, nur weil es in einer Verordnung stehe, nicht „rechtsgemäß“ sein müsse.

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Mit der Ausführung begründete er seine spätere Anregung ans Publikum, wie er doch auch einmal ohne Maske einkaufen zu gehen. Er selbst trage seit drei Monaten keine mehr und wenn er dann aufgehalten werde, zeige er seine eidesstattliche Erklärung vor, dass gesundheitliche Gründe es ihm verbieten würden. Selbige Erklärung zur „Glaubhaftmachung“, wie er es formulierte, stelle er online zum Download zur Verfügung.

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In der bayerischen Verordnung stehe, dass lediglich ein medizinisches Attest Gültigkeit als Beleg besitze, erklärte er, nachdem er zunächst ausgeführt hatte, wieso seiner Auffassung nach die eidesstattliche Versicherung ausreiche. Das zog sich übrigens durch: Die Redner bewegten sich in ihren Ansprachen im bayerischen Rechtsraum. So fiel auch nie der Name des baden-württembergischen Ministerpräsidenten; der bayerische, Markus Söder, wurde dafür mehrfach erwähnt.

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Edgar Krein von den Anwälten für Aufklärung betonte: „Auf Grundlage des Virus wird eine gesamte Bevölkerung in Geiselhaft genommen und jedermann trägt einen Schaden davon.“ So sprach er einerseits von wirtschaftlichen Schäden, aber auch von Schäden durch die Maskenpflicht und unternahm einen erstaunlich langen Ausflug in die Biologie. Was passiert denn mit einer Pflanze, wenn ich ihr Luft, Licht und Sonne nehme? „Die geht ein.“

Edgar Klein von den Anwälten für Aufklärung am Rednerpult, das demonstrativ mit einer Desinfektionsmittelflasche mit übergroßer Beschriftung ausgestattet war.
Edgar Klein von den Anwälten für Aufklärung am Rednerpult, das demonstrativ mit einer Desinfektionsmittelflasche mit übergroßer Beschriftung ausgestattet war. | Bild: Lena Reiner

Rolf Kron sprach ebenfalls über Biologie und Medizin. Zuallererst kritisierte er die viel zu schnelle Entwicklung des Corona-Impfstoffs. Dann betonte er, dass es im Interesse von Krankenhäusern liege, voll ausgelastete Intensivstationen zu haben: „Das ist reine Wirtschaft.“ Er unterstellte, dass die Betten lediglich mit positiv Getesteten überlang belegt würden, da so höhere Einnahmen generiert werden könnten.

Widerspruch in Aussage wird nicht thematisiert

Am meisten ereiferte er sich über „die bescheuerte Maskenpflicht, die sowieso nichts nützt“. So hielte die Feuchtigkeit unter der Maske die Bakterien und Pilze zurück, die sonst ausgeatmet würden und mache die Menschen krank: „Die Schüler kippen in den Schulen reihenweise von den Stühlen, Zahnärzte berichten von der Mundfäule. All das sind Symptome der Kohlenstoffdioxidrückvergiftung.“ Kurz darauf betonte er dann: „Die Maske ist ungefähr so, wie einen Moskito durch ein offenes Scheunentor zu jagen: Die Maske hält nichts zurück.“ Der Widerspruch dieser Aussagen wurde nicht thematisiert.

Gegen Rolf Kron wird derzeit von der Staatsanwaltschaft Kempten wegen des Zeigens eines Hitlergrußes auf einer Klardenkendemonstration in Lindau ermittelt.
Gegen Rolf Kron wird derzeit von der Staatsanwaltschaft Kempten wegen des Zeigens eines Hitlergrußes auf einer Klardenkendemonstration in Lindau ermittelt. | Bild: Lena Reiner

Friedensketteninitiator Gerry Mayr aus Konstanz rief offen zum Bruch geltender Regeln auf. „Alle“ sollen sie kommen. Von Wallhausen bis Konstanz – auf der letzten Etappe ihres Friedenslaufs – wolle er mit den Menschen den Konstanzer Trichter mit Licht füllen: „Wir brauchen 4000, 5000 Menschen. Wir werden spazierengehen. Wir werden das nicht anmelden, denn Menschen dürfen spazierengehen. Wir werden den Lauf von uns auch nicht anmelden“, betonte Mayr.

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Fackelläufer der Olympiade würde schließlich auch niemand aufhalten: „Wenn wir in Konstanz einlaufen, dann ruht die Bürokratie.“ Hierzu ist anzumerken, dass die aktuelle Corona-Verordnung eine Zusammenkunft von mehr aus fünf Menschen aus mehr als zwei Haushalten im öffentlichen Raum derzeit untersagt. Ausnahmen gelten unter anderem für angemeldete Versammlungen.

Der Schweizer Koordinator der Friedenskette Jean Claude Greuter (links) und Friedensketteninitiator Gerry Mayr sind zur Demo durch den Regen gejoggt, um die Nachfolgeveranstaltung anzukündigen. Nur dem Ordnungsamt möchten sie die Versammlung nicht melden. Das sei nicht notwendig, da es sich um den Zieleinlauf eines Halbmarathons handle, mit dem sie den Konstanzer Trichter füllen möchten.
Der Schweizer Koordinator der Friedenskette Jean Claude Greuter (links) und Friedensketteninitiator Gerry Mayr sind zur Demo durch den Regen gejoggt, um die Nachfolgeveranstaltung anzukündigen. Nur dem Ordnungsamt möchten sie die Versammlung nicht melden. Das sei nicht notwendig, da es sich um den Zieleinlauf eines Halbmarathons handle, mit dem sie den Konstanzer Trichter füllen möchten. | Bild: Lena Reiner

Gemeinsam mit seinem Lieblingsschweizer, wie er ihn vorstellte, Jean Claude Greuter, war er durch Friedrichshafen zur Demo gejoggt. Greuter klatschte derweil die Kinder ab, die fast die gesamte Veranstaltung über auf der Bühne im Trockenen saßen. Bei seiner Ansprache hielt er sich kurz: „Bis vor wenigen Jahren war ich ein stolzer Schweizer. Das bin ich heute leider nicht mehr. Die Regierung hat vielen Leuten Einlass gewährt, die das Land verändert haben.“ Näher ausführen wolle er dies allerdings nicht.

Video: Lena Reiner

Bei diesem letzten Redebeitrag der Friedenskettenorganisatoren hat sich das Publikum bereits deutlich verkleinert. Zu Beginn der Veranstaltung waren rund 100 Menschen zusammengekommen, die nach und nach wegen des stärker werdenden Regenfalls die Veranstaltung verließen. Veranstalterin Loba Salome Pahl verabschiedete die Gäste und die Versammlung endete, wie sie begonnen hatte: Mit einer sehr großzügigen Auslegung der Idee eines Mindestabstands in Form von Abschiedsumarmungen oder auch dem Halten des Mikrofons für Mayr.

Es beginnt, wie es anfing: Die Abstandsregeln sind auf einmal vergessen. Im Bühnenhintergrund steht man eng zusammen, um Kontaktdaten auszutauschen, vorn hält Loba Salome Pah das Mikrofon für Gerry Mayr, damit er noch schnell etwas ergänzen kann.
Es beginnt, wie es anfing: Die Abstandsregeln sind auf einmal vergessen. Im Bühnenhintergrund steht man eng zusammen, um Kontaktdaten auszutauschen, vorn hält Loba Salome Pah das Mikrofon für Gerry Mayr, damit er noch schnell etwas ergänzen kann. | Bild: Lena Reiner

Der Mindestabstand war die einzige Auflage für die Demonstration gewesen. Es galt weder eine Kontaktdatenerhebungspflicht – wie bei anderen Versammlungen in diesem Jahr – noch eine Maskenpflicht wie bei der Querdenkenmahnwache am 18. November auf dem Adenauerplatz.

Loba Salome Pah möchte mit der von Klardenken Lindau organisierten Veranstaltung den Häfler Gleichgesinnten eine Starthilfe für ähnlich große Veranstaltungen geben.
Loba Salome Pah möchte mit der von Klardenken Lindau organisierten Veranstaltung den Häfler Gleichgesinnten eine Starthilfe für ähnlich große Veranstaltungen geben. | Bild: Lena Reiner

Pahl zeigt sich im Anschluss der Veranstaltung zufrieden: „Ich hatte keine Erwartungen. Wir waren positiv überrascht, wie viele Menschen in Anbetracht des nasskalten Wetters anwesend waren.“ Auf die Frage, wie sie es bewerte, dass erst auf ihre fünfte Nachfrage von der Bühne, ob sich denn jemand aus Friedrichshafen vorstellen möchte, überhaupt eine Reaktion kam, zeigt sie sich verständnisvoll: „Es ist nicht jedermanns Sache auf der Bühne vor vielen Menschen zu sprechen. Eine Dame hat sich ja doch getraut.“

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Besagte Dame war vor der Bühne stehen geblieben und hatte von dort unten die Häfler Aktionen vorgestellt: „Wir treffen uns immer montags um 19 Uhr.“ Da die Polizei sie vom „Kinderzeppelin“ am Buchhornplatz immer verscheucht habe, machten sie das jetzt kurzfristig. „Wie ihr das mit der Anmeldung macht, ist euch überlassen“, kommentierte Pahl. Mit der Veranstaltung jedenfalls habe sie Friedrichshafen helfen wollen, selbst etwas zu starten.

Wie bewertet die Polizei den Verlauf der Veranstaltung?

Der Leiter des Polizeireviers, Polizeioberrat Dietmar Rees, der als Verantwortlicher am vergangenen Sonntag den polizeilichen Demo-Einsatz leitete, zählte bei der Kundgebung 80 bis 100 (in der Spitze etwa 110) Personen. Obwohl die Einsatzkräfte nicht immer alle Details oder kurzfristige Unterschreitungen des Mindestabstandes im Blick gehabt hätten, wurde in den von der Polizei festgestellten Fällen, insbesondere aus Gründen der Verhältnismäßigkeit, jeweils sofort Kontakt mit der Versammlungsleiterin aufgenommen, die entsprechende Lautsprecherdurchsagen gemacht oder ihre Ordner nochmals instruiert habe.

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Das sagt die Friedrichshafener Stadtverwaltung

Die Stadtverwaltung erklärt auf Anfrage, wieso bei der Versammlung anders als bei der Querdenkenmahnwache am 18. November auf dem Adenauerplatz – mit nur zwölf Teilnehmern – keine Maskenpflicht gegolten habe: „Die Auflagen der Versammlungsbehörde wurden im Vorfeld der Versammlungen (Samstag und Sonntag) in einem Kooperationsgespräch zwischen Polizei, Versammlungsanmelderin und Versammlungsbehörde (Stadt Friedrichshafen) besprochen und festgelegt.“

Warum keine weiteren Auflagen?

Allgemein gelte entlang der Uferpromenade nach den Vorschriften der Corona-Verordnung keine generelle Maskentragepflicht. Daher hätten sich die Akteure im Vorfeld der Versammlung darauf verständigt, dass keine darüber hinausgehenden Auflagen für die Versammlung gelten sollten, sondern vielmehr das Hauptaugenmerk auf die Einhaltung der Abstandsregeln gerichtet werden müsse.

Kurz bevor sie die Bühne betritt, um die Teilnehmer an die Einhaltung der Abstandsregel zu erinnern, lässt Loba Salome Pah kurz die eineinhalb Meter Abstand links liegen und umarmt Redner Rolf Kron zur Begrüßung. Ebenfalls nah dran: Anwalt Edgar Krein aus Augsburg, der später zum Mikrofon greifen wird.
Kurz bevor sie die Bühne betritt, um die Teilnehmer an die Einhaltung der Abstandsregel zu erinnern, lässt Loba Salome Pah kurz die eineinhalb Meter Abstand links liegen und umarmt Redner Rolf Kron zur Begrüßung. Ebenfalls nah dran: Anwalt Edgar Krein aus Augsburg, der später zum Mikrofon greifen wird. | Bild: Lena Reiner