Hat die heute 84-jährige Edith S. ihren Ex-Mann am Morgen des 17. Januar gezielt mit Benzin überschüttet und angezündet? Oder wollte sie nur das gemeinsam im Bodenseekreis bewohnte Haus in Flammen aufgehen lassen? Mit dieser Frage hatte sich das Schwurgericht am Landgericht Konstanz unter Vorsitz von Richter Arno Hornstein am vierten Verhandlungstag auseinanderzusetzen. Staatsanwalt Ulrich Gerlach hat die betagte Frau angeklagt, Johannes S. angezündet und ermordet zu haben.

In einer persönlichen Erklärung, die von ihrer Anwältin Kristina Müller verlesen wurde, wies die Beschuldigte nun eine gezielte Tötungsabsicht zurück. Sie habe das Benzin zwar in das Wohnzimmer geschüttet, aber nicht gezielt auf ihren Ex-Mann. „Das ist absurd, man zündet doch keinen Menschen an“, ließ sie sich wörtlich zitieren. Allerdings räumte sie ein, dass ihr Ex-Mann wahrscheinlich von dem Benzin getroffen worden sei.

Brandbeschleuniger mit großem Schwung in den Raum geschüttet

Dass daran kein Zweifel bestehen kann, belegten später die Aussagen des sachverständigen Brandexperten der Kriminalpolizei. Ausführlich schilderte der Beamte den wahrscheinlichen Verlauf der Brandentwicklung. Anhand der Spuren kam er zu dem Schluss, dass mindestens zweimal ein Brandbeschleuniger, vermutlich Benzin, mit großem Schwung in den Raum geschüttet worden war. „Ein Anschütten des Opfers ist eher wahrscheinlich, nicht nur ein sekundäres Anspritzen“, bezog der Sachverständige unter Auswertung verschiedener Details gegen die Darstellung der Angeklagten Stellung.

„Ein Anschütten des Opfers ist eher wahrscheinlich, nicht nur ein sekundäres Anspritzen.“
Sachverständiger

Johannes S. sei, hinter einem Tisch stehend, am Oberkörper getroffen worden. „Mit etwas Benzin komme ich da vorne nicht an“, relativierte der Brandexperte auch die Mengenangaben der Beschuldigten. Diese hatte erklären lassen, dass sie „etwas Benzin aus einem Zehn-Liter-Kanister in ein kleines Eimerchen abgefüllt“ hatte. Der Experte hingegen meinte: „Ein halber bis ein Liter auf dem Fußboden sind schon ein brisantes Gemisch.“ Mehrere Liter seien es aber sicherlich nicht gewesen.

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Bedrückend waren während seines Vortrages nicht nur die Schilderungen über den Weg, den das brennende Opfer noch Richtung Balkon zurückgelegt hatte. Erschütternd war auch der Mitschnitt des Notrufs. Hier war der Leidensweg des Opfers zu verfolgen, der mehrmals gebeten hatte: „Hör auf!“; der gerufen hatte: „Ich brenne!“, und dann: „Die brennt auch!“. Schließlich war nur noch lautes Knistern des Feuers zu hören. Wo sich die Beschuldigte zu diesem Zeitpunkt aufgehalten hatte, die später selbst Brandspuren an Kleidung und Haaren aufwies, und wie nah sie möglicherweise am Brandherd gewesen war, konnte der Sachverständige nicht exakt sagen.

Die 84-Jährige selbst hatte erklären lassen, sie habe keine konkreten Erinnerungen und sei auf den Balkon gelaufen. Dort trafen sie die alarmierten Polizei- und Feuerwehrleute später an. Richter Arno Hornstein wollte vom Sachverständigen wissen, ob für die Angeklagte irgendeine Chance bestanden habe, ihrem Ex-Mann zu helfen. „Mit einem Pulverlöschgerät schon“, meinte der Brandexperte, „aber ansonsten nicht.“

In ihrer persönlichen Erklärung hatte Edith S. die zurückliegenden Jahre mit ihrem Ex-Mann als bedrückend und konfliktreich beschrieben. Ihr Gesundheitszustand habe sich zunehmend verschlechtert, aber Johannes S. habe erklärt: „Das ist hier kein privates Altersheim.“ Sie solle ausziehen, obwohl besprochen gewesen sei, dass sie bis zum Lebensende in dem Haus wohnen könne. Er habe ihr jede Unterstützung versagt und sie habe sich zusehends bedroht gefühlt – Schilderungen, denen ihre Kinder am dritten Verhandlungstag vehement widersprochen hatten.

Angeklagte wollte nach eigenen Angaben das Haus anzünden

Immer wieder, so die Erklärung von Edith S., habe sie das Gespräch mit Johannes S. gesucht, auch am 17. Januar morgens. Sie sei zu ihm ins Zimmer gegangen. Aber er habe nicht mit ihr sprechen wollen, da habe sie den Fleischklopfer geholt und ihm damit auf den Kopf geschlagen. Nachfolgend sei der Streit eskaliert. Als er vom Wohnzimmer aus die Polizei angerufen und ihr gedroht habe, „jetzt bis du fällig, jetzt fliegst du hier raus“, habe sie das Benzin vom Balkon geholt. Dieses hatte sie nach eigenen Worten schon ein oder zwei Tage zuvor aus der Garage dorthin gestellt. Sie habe das Haus anzünden wollen, wenn Johannes S. nicht da gewesen wäre.

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Mehrere Klinikaufenthalte wegen psychosomatischer Beschwerden

In seinem psychiatrischen Gutachten nahm Peter Winckler unter anderem zu der von Edith S. geschilderten Bedrohung Stellung: „Die Lebenssituation war für Edith S. in jedem Fall schwierig und sehr belastend.“ Es habe auch nur Ansätze für alternative Szenarien gegeben, was mit ihr geschehen würde, wenn sie aus dem Haus ausziehen müsse. Dass sie stark belastet war, dafür sprächen mehrere Klinikaufenthalte rund um die Jahreswende von 2019 auf 2020. Diese seien seines Erachtens in erster Linie auf psychosomatische Beschwerden zurückzuführen gewesen.

„Die Lebenssituation war für Edith S. in jedem Fall schwierig und sehr belastend.“
Peter Winckler, psychiatrischer Gutachter

Bedeutsam war für Peter Winckler vor allem aber eine zu diagnostizierende „vaskuläre leichte bis mittelschwere Demenz“ bei der Angeklagten. Diese sei für die Bewertung der Schuldfähigkeit der 84-jährigen Frau von Bedeutung. Winkler sagte: „Eine erheblich verminderte Steuerungsfähigkeit ist bei der Angeklagten deshalb nicht auszuschließen, allerdings bei grundsätzlich bestehender Einsicht in ihr Handeln.“ Ein Handeln im Affekt könne er ausschließen.

Auf Nachfrage des Gerichtes bestätigte der Psychiater, dass Edith S. sehr wohl zwischen dem Anzünden des Hauses und ihres Ex-Mannes im Gespräch mit ihm unterschieden habe. Winckler beschrieb die Angeklagte als entweder hochgradig Ich-bezogen und gefühlsarm oder es lägen Abspaltungsphänomene vor. Was zutreffe, könne er allerdings nicht sagen.

Gericht lehnt Antrag der Verteidigerin auf Aussetzung ab

Die Frage des Gerichtes, ob sich die Angeklagte nicht darüber im Klaren hätte sein müssen, dass sie mit dem Feuer auch ihr eigenes Zuhause vernichtet, beantwortete der Sachverständige mit dem Hinweis: „Es gibt Menschen, die in einer Situation vermeintlicher Ausweglosigkeit nur verbrannte Erde hinterlassen wollen.“

Am Ende des Verhandlungstages lehnte das Gericht den Aussetzungsantrag der Verteidigerin von Edith S. ab, mit dem Hinweis auf deren offensichtliche Verhandlungsfähigkeit und differenzierte persönliche Einlassung.