Der Blutritt in Weingarten ist für zahlreiche Christen ein Höhepunkt im Jahr. Doch bisher war die Teilnahme an der traditionellen Veranstaltung nur Männern erlaubt. In den vergangenen Jahren gab es dazu allerlei Diskussionen. Nun hat der Kirchengemeinderat St. Martin in Weingarten bekannt gegeben: Künftig dürfen auch Frauen beim Ritt dabei sein.

Über den Blutritt Weingarten

Wir haben uns in der Reiterwelt umgehört und Meinungen zusammengetragen: Was denken Männer, die schon oft beim Blutritt dabei waren, über die Entscheidung des Kirchengemeinderats? Und was sagen Frauen? Würden sie überhaupt mitreiten?

„Die Tradition war über Jahre hinweg einfach falsch“

Matthias Grewe reitet seit etwa 25 Jahren regelmäßig beim Blutritt in Weingarten mit. „Ich fühle mich aber schon viel länger mit der Veranstaltung verbunden“, erzählt er. Denn schon Jahre vor seinem ersten Blutritt hörte er am Blutfreitag das Getrappel der Pferdehufe vor seinem Haus. „Früher habe ich in Weingarten gewohnt. Der Tag war schon immer etwas Besonderes für mich.“

Matthias Grewe ist seit vielen Jahren regelmäßig beim Blutritt in Weingarten dabei.
Matthias Grewe ist seit vielen Jahren regelmäßig beim Blutritt in Weingarten dabei. | Bild: Privat

Mit 29 Jahren war Grewe dann zum ersten Mal als Reiter bei der Prozession dabei. „Es ist ein gutes Gefühl, mitzureiten und mit all den anderen Reitern in diesem öffentlichen christlichen Bekenntnis zusammen zu sein“, sagt er. „Der Ritt ist eine ganz besondere Ausdrucksform, die es schon seit Jahrhunderten gibt.“

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Dass ab 2021 Frauen beim Blutritt dabei sein dürfen, freut Matthias Grewe sehr. „Ich finde das super. Es ist doch eine Selbstverständlichkeit“, betont er. Für Grewe ist es schleierhaft, dass es Menschen gibt, die den Frauen in der Vergangenheit die Teilnahme an der Veranstaltung untersagt haben. „Die Tradition war über Jahre hinweg einfach falsch. Es ist nicht richtig, dass Frauen ausgeschlossen werden.“

„Ich frage mich, wieso es so lange gedauert hat“

Klaus Hoher, Landtagsabgeordneter der FDP für den Bodenssekreis, ist das letzte Mal vor etwa 30 Jahren beim Blutritt mitgeritten. „Früher war ich jedes Jahr dabei“, erzählt Hoher, der selbst einen Reitstall in Grasbeuren betreibt und stets zehn bis 20 Pferde für den Blutritt zur Verfügung stellt.

Klaus Hoher – hier mit Capriccio, einem seiner Pferde – ist vor vielen Jahren regelmäßig beim Blutritt dabei gewesen. Er findet die Entscheidung der Kirche, den Ritt für Frauen zu öffnen, richtig.
Klaus Hoher – hier mit Capriccio, einem seiner Pferde – ist vor vielen Jahren regelmäßig beim Blutritt dabei gewesen. Er findet die Entscheidung der Kirche, den Ritt für Frauen zu öffnen, richtig. | Bild: Privat

Hoher habe sich schon damals gefragt: Warum dürfen keine Frauen dabei sein? „Es war nicht auszuhalten. Ich frage mich, wieso es so lange gedauert hat, bis die Kirche ihre Meinung nun endlich geändert hat.“ Eine solche Trennung von Männern und Frauen ist nach Meinung von Hoher nach gesellschaftlich nicht in Ordnung – egal, welche Tradition dahinter steht.

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Heute ist Klaus Hoher jedes Jahr als Zuschauer beim Blutritt dabei. Der Reitstallbesitzer weiß sogar von einigen Frauen, die in den vergangenen Jahren trotz Verbot beim Blutritt dabei waren. „Sie haben die Haare unter dem Helm versteckt, um nicht als Frau enttarnt zu werden“, sagt er und schmunzelt. „Und das hat auch immer geklappt.“

„Man kann Frauen nicht einfach ausschließen“

Peter Elbs ist seit etwa 50 Jahren regelmäßig beim Blutritt dabei. Die ersten Male ritt der nun 70-Jährige bei der Prozession durch Weingarten als Ministrant mit. „Beim Blutritt bekommen wir den Segen Gottes für Mensch und Pferd. Deswegen bin ich immer wieder aufs Neue dabei“, erzählt Elbs. „Und es ist ein absolut tolles Gefühl, mit Menschen dort zu sein, die aus genau derselben Überzeugung mitreiten, wie ich.“

Peter Elbs reitet seit etwa 50 Jahren regelmäßig beim Blutritt mit.
Peter Elbs reitet seit etwa 50 Jahren regelmäßig beim Blutritt mit. | Bild: Privat

Die Entscheidung der Diözese, die Veranstaltung für Frauen zu öffnen, findet Peter Elbs „absolut ok“. Die Entscheidung passe zur Zeit. „Im Kern geht es beim Blutritt darum, den Segen der Menschheit durch Gott zu erbitten. Da kann man Frauen nicht einfach ausschließen“, sagt er.

„Ich werde auf jeden Fall mitreiten“

Carmen Allweier kann es kaum erwarten, das erste Mal beim Blutritt dabei zu sein. „Wenn die Veranstaltung coronabedingt stattfinden kann, werde ich kommendes Jahr auf jeden Fall mitreiten“, sagt sie. Obwohl Allweier bisher nicht beim in Weingarten mitreiten durfte, war sie in den vergangenen 16 Jahren stets als Begleiter für die Blutreitergruppe Schmalegg dabei. „Mein Mann reitet selbst regelmäßig mit, so bin ich dazu gekommen“, erzählt die Reiterin.

Carmen Allweier mit ihrem Pferd Sämi bei einem traditionellen Ritt – bei dem schon immer Frauen dabei sein durften.
Carmen Allweier mit ihrem Pferd Sämi bei einem traditionellen Ritt – bei dem schon immer Frauen dabei sein durften. | Bild: Privat

Abgesehen vom Blutritt habe Carmen Allweier schon an zahlreichen kleineren christlichen Prozessionen zu Pferd teilgenommen, etwa in Bad Wurzach. „Die Ritte sind immer sehr schön. Aber der Blutritt in Weingarten ist von der Atmosphäre her einfach noch besonderer“, sagt Allweier voller Vorfreude.

„Ich wäre dort nicht aufgehoben“

Sylvia Gleissner war schon als Zuschauer beim Blutritt in Weingarten dabei. Für sie war die Veranstaltung „imposant und toll anzuschauen“. Die Reiterin findet die Entscheidung der Diözese richtig, den Blutritt nun auch für Frauen zu öffnen. „Die traditionelle Veranstaltung wird somit an die modernen Anforderungen angepasst“, sagt Gleissner. Die Reiterin selbst würde beim Blutritt jedoch nicht teilnehmen wollen. „Ich bin zwar christlich erzogen, aber nicht gläubig. Somit wäre ich dort nicht aufgehoben“, begründet sie.

Sylvia Gleissner mit ihrem Pferd Louis. Die Salemerin bezeichnet sich selbst als „nicht gläubig“. Deswegen würde sie beim Blutritt nicht mitreiten wollen.
Sylvia Gleissner mit ihrem Pferd Louis. Die Salemerin bezeichnet sich selbst als „nicht gläubig“. Deswegen würde sie beim Blutritt nicht mitreiten wollen. | Bild: Privat

Weiterhin betont Sylvia Gleissner: Die Sicherheitsanforderungen für Pferde und Reiter beim Blutritt sollten ihrer Meinung nach erhöht werden. „Schon als Zuschauer fällt auf, dass viele Reiter nur dieses eine Mal im Jahr im Sattel sitzen und ebenso viele Pferde werden nur für diesen einen Ritt im Jahr gesattelt“, erzählt sie. „Das ist gegenüber den Tieren nicht gerecht.“

„Die Tradition gehört nun mal den Männern“

Jessica Wild war selbst noch nie beim Blutritt dabei – auch nicht als Zuschauerin. Sie kennt die Tradition um die Veranstaltung in Weingarten aber gut. „Ich habe im Schwäbischen gearbeitet und weiß, dass der Tag des Blutritts für alle dort ein heiliger Tag ist“, sagt sie. Das alljährliche Ereignis ist Wilds Erfahrungen zufolge stets gut besucht.

Jessica Wild, hier mit Christall, fehlt der Bezug zur Tradition des Blutritts. Deswegen ist sie sich sicher: „Ich werde nicht mitreiten.“
Jessica Wild, hier mit Christall, fehlt der Bezug zur Tradition des Blutritts. Deswegen ist sie sich sicher: „Ich werde nicht mitreiten.“ | Bild: Privat

Die Reiterin aus Markdorf ist sich aber sicher: „Auch, wenn Frauen ab 2021 beim Blutritt dabei sein dürfen, werde ich nicht mitreiten.“ Dafür fehlt Jessica Wild der Bezug zum Hintergrund des Rittes. Außerdem sagt sie, dürfe eine Tradition auch „einfach mal den Männern“ gehören. „Bisher war es eine Tradition, dass nur Männer mitreiten dürfen. Wieso muss man das jetzt ändern? Diese Tradition gehört nun mal den Männern. Da muss meiner Meinung nach keine Frau mitreiten.“

„Ich fände es interessant, das mal mitzuerleben“

Jennifer Löhle hat schon oft dabei geholfen, die Schulpferde des Reit- und Fahrvereins Grasbeuren nach Weingarten zum Blutritt zu fahren. Sie kennt den Trubel um die traditionelle Veranstaltung und freut sich, dass nun auch Frauen dabei sein dürfen. „Die Kirche an sich hat, wie man oft hört, Nachwuchsschwierigkeiten, gerade auch im Ministrantenbereich. Deswegen finde ich es gut, dass jetzt auch Mädchen und eben Frauen beim Blutritt mitreiten dürfen“, sagt Löhle. Das würde – so denkt die Reiterin – vielleicht die ein oder andere reizen, über einen Eintritt in die Kirche nachzudenken.

Jenny Löhle würde sehr gerne mit ihrer Stute Lilli am Blutritt teilnehmen.
Jenny Löhle würde sehr gerne mit ihrer Stute Lilli am Blutritt teilnehmen. | Bild: Privat

Löhle selbst würde es jedenfalls gefallen, beim Blutritt dabei zu sein. „Ich fände es interessant und gigantisch, das mal zu sehen und mitzuerleben“, sagt sie. Löhle betont aber auch, dass es aus ihrer Sicht wichtig sei, das Pferd im Vorfeld auf eine solche Veranstaltung vorzubereiten. Viele Reiter, zahlreiche Zuschauer, Kinderwagen und mehr könnten für die Tiere sonst Stress bedeuten. „Und das will man ja nicht.“

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