Die Strömung in der Nacht hat die haarfeinen Netze völlig verheddert, in mühsamer Handarbeit muss Andreas Geiger sie entwirren. Aber es hat sich gelohnt: Eine große Forelle hat er in der Nacht gefangen, mit festem, rötlichem Fleisch und 4,3 Kilo schwer. Geiger ist Berufsfischer aus Leidenschaft und das will er auch bleiben. "Ich bin doch kein Lebensmittelproduzent", sagt er. Er ist in der vierten Generation Fischer in Unteruhldingen und gegen die angedachte Aquakultur im See.

Sein Kollege Martin Meichle, dessen Familie ebenfalls seit Generationen auf dem Bodensee fischt, sieht das anders. Er ist Vorsitzender der neuen Genossenschaft "RegioBodenseeFisch", die die Einrichtung einer Aquakultur für Felchen im Bodensee zum Ziel hat. Er sieht in der Aquakultur eine notwendige Ergänzung zur Fischerei. "Wir wollen ein sauberes, naturnahes Lebensmittel aus der Region für die Region produzieren", sagt er. "Von den Felchen, die als Bodenseefelchen verkauft werden, sind die meisten noch nicht einmal im Bodenseewasser aufgetaut. Es gibt einfach immer weniger Felchen im Bodensee." Das hänge auch mit dem Nährstoffgehalt zusammen. Der See ist heute sauberer als vor 20 Jahren. Mit dem Sinken des Phosphatgehalts habe auch die Menge der Algen und Kleinstlebenwesen im Bodensee abgenommen. Die Felchen fänden weniger Nahrung. "In den 70er Jahren haben die Fischer 2000 Tonnen Fisch aus dem See geholt, im letzten Jahr waren es 326", sagt Meichle. Am Phosphatmanagement werde sich aber nichts ändern.

Die Genossenschaft plant eine Pilotanlage: zweimal sechs Netzgehege. "Der Überlinger See hat eine Größe von 8500 Fußballfeldern, zwei davon würden wir brauchen", sagt Meichle. Die Netze seien groß genug für die Lebensweise der Fische als Schwarmwesen. "Wir streben auch eine ökologische Zertifizierung an", sagt Meichle. Die Fische sollen an Land geimpft werden und im See keinerlei Antibiotika oder Medikamente bekommen. Zur Zertifizierung etwa nach "Naturland" gehört die Verständigung mit anderen gesellschaftlichen Gruppen. Die dürfte schwierig werden: Naturschutzverbände sind grundsätzlich gegen Aquakultur. "Das ist Massentierhaltung", sagt Antje Boll, stellvertretende Regionalgeschäftsführerin des BUND Bodensee-Oberschwaben. Sie befürchtet Verunreinigungen des Wassers durch Medikamente und Fischkot. "Außerdem hätte man erst ein juristisches Gutachten erstellen müssen – nach den Grundsätzen der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie sind Netzkäfige im Überlinger See nicht genehmigungsfähig."

Wissenschaftliche Versuche zur Vorbereitung einer Aquakultur im Bodensee laufen bereits. Die Fischereiforschungsstelle Langenargen erarbeitet Standards für die Felchenzucht. Die Forscher haben nach besserer Nahrung für Flechenlarven gesucht, den Einfluss der Temperatur bei der Jungfischerzeugung und Besatzdichten in den Netzen der Mastfische getestet. Auch die Belastung des Ablaufwassers haben sie geprüft. "Es wird sich nicht viel absetzen, die Belastung ist nach unserer Einschätzung vernachlässigbar", sagt Alexander Brinker, Leiter der Fischereiforschungsstelle Langenargen.

Die Fischbrutanstalt Langenargen versucht, einen Elterntierstamm zu züchten. Bis wild lebende Felchen an Aquakultur adaptiert sind, dauert es einige Generationen. "Die Fische müssen widerstandsfähiger sein, was das Umsetzen angeht und man muss sie an Trockenfutter gewöhnen", sagt Leiter Eckard Dossow. Eine sogenannte F1-Generation von Felchen hat er bereits gezogen: Fische, deren Eltern bereits in Langenargen geschlüpft sind. Bei Sandfelchen, die als geeignet für Aquakultur gelten, gelang das noch nicht.

"Wir haben eine Umfrage unter allen Fischern am Bodensee gemacht, da haben sich 95 Prozent gegen die Aquakultur ausgesprochen", sagt Andreas Geiger. Das Fischen mit freischwimmenden Netzen sei mit einer Aquakulturanlage nicht mehr möglich. "Je nach Wind und Strömung treiben die Netze bis zu 15 Kilometer in einer Nacht, da kann schon eine Boje große Schäden verursachen", sagt Andreas Geiger. Fische in Zuchtanlagen entwickelten eigene Krankheiten, gegen die sie selbst immun seien, die Wildfische aber nicht. Geiger macht sich auch Sorgen um die Wasserqualität. "In jedem Tierfutter sind Konservierungsmittel, die landen über den Kot im See", sagt er. Vor allem aber glaubt er nicht, dass es bei der Pilotanlage bliebe. "Wenn da die Tür geöffnet ist, lässt man die Industrie zur Lebensmittelproduktion in den See." Begehrlichkeiten gebe es genug, nicht nur in Deutschland. Geiger will stattdessen den See erhalten wie er ist, nicht nur für Fischer und Angler, sondern auch für Segler, Ausflügler und als Trinkwasserspeicher.

Genossenschaft will 600 Tonnen Felchen pro Jahr in Netzgehegen erzeugen

  • Die Genossenschaft: Die am 2. Juni gegründete Genossenschaft "RegioBodenseeFisch" hat bisher 15 Mitglieder, unter ihnen Gastronomen, Juristen, Fischzüchter und Fischer. Sie planen zwei Aquakulturanlagen im Überlinger See mit einem Druchmesser von 20 Metern. Sie sollen im Boden verankert sein und jeweils 40 bis 50 Meter in die Tiefe reichen. In 1000 Litern Wasser sollen zehn Kilo Fisch leben. Im Jahr könnten 600 Tonnen Felchen für den regionalen Markt erzeugt werden.
  • Die Fangmengen: Die Menge der im Bodensee gefangenen Felchen sank von 910 Tonnen im Jahr 1990 auf 204 Tonnen im Jahr 2016. Eine Markstudie von 2014 hat ergeben, dass in der Bodenseeregion rund 500 Tonnen Felchen pro Jahr importiert werden: aus Russland, Kanada, Skandinavien oder Italien. Deutschlandweit wird 67 Prozent des Speisefischs importiert.
  • Die Gegner: Gegen die Aquakultur im Bodensee sind die großen Berufsfischerverbände, aber auch Anglerverbände, Naturschutzverbände, Wasserversorger und Anliegergemeinden. Sie sorgen sich um negative Einflüsse auf Wasserqualität, Wildfische und Tourismus. Sie berufen sich unter anderem auf die strengen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie der EU, auf das Verschlechterungsverbot der Europäischen Wasserrahmenlinie und auf die Bregenzer Übereinkunft. In ihr hatten die Anrainerländer Bayern, Baden-Württemberg, Österreich und die Schweiz gemeinsame Kriterien für den Fischfang erarbeitet.
  • Haltung der Politik: Weltweit stammen mittlerweile fast die Hälfte der jährlich verspeisten gut 160 Millionen Tonnen Fisch aus Aquakulturen. In Deutschland ist diese Art der Fischzucht vergleichsweise wenig verbreitet. Grundsätzlich ist daher die baden-württembergische Landesregierung für den Ausbau der heimischen Aquakultur. Diese kann aber auch in Teichen oder geschlossenen Kreislaufanlagen erfolgen. (cor)