Weingarten/Stuttgart – Bis zum Anpfiff des "Po-Po"-Viertelfinales in Marseille schafft es am Donnerstagabend niemand vor den heimischen Fernseher. Dazu sind die Teilnehmer einer Fachexkursion des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben zu lange unterwegs. Umso größer ist jedoch ihre Begeisterung über den überaus informativen Tag. Lautstark applaudieren sie, als der Vorsitzende Thomas Kugler den Tag zusammenfasst: "Das hat sich rentiert. Wir kehren voller wichtiger und guter Eindrücke zurück."

Zur Einstimmung auf das Besichtigungsprogramm Bahnprojekt Stuttgart-Ulm weist Verbandsdirektor Wilfried Franke am frühen Morgen auf die Bedeutung des Projekts für den Raum Bodensee-Oberschwaben hin. "Das hat gravierende Auswirkungen auf unsere Region", betont er. Gemeint sind der zusätzliche Halt in Merklingen und mögliche Verzögerungen bei der Fertigstellung. Der zusätzliche Haltepunkt kostet zweieinhalb Minuten Zeit und könnte aus Sicht des Regionalverbands den mühsam ausgeklüngelten Fahrplan aus den Angeln heben.

Die ernsten Bemerkungen treten jedoch schnell in den Hintergrund, als die Besucher nach einer kurzen Begrüßung am Infocenter Ulm zur ersten Besichtigung aufbrechen. Aus dem Bus heraus erleben die Besucher zunächst die Baustelle Zwischenangriff Lehrer Tal, nächster Stopp ist das Portal Dornstadt. Weiter geht es mit dem Bus auf der Autobahn entlang der parallel laufenden Neubaustrecke Wendlingen-Ulm. Das Baustellenmanagement beeindruckt die Besucher dabei am meisten. Schließlich müssen große Mengen bewegt werden, ohne den normalen Verkehr, vor allem in der Stuttgarter Innenstadt, allzu sehr zu belasten. Vor allem die Reifenwaschanlagen haben es den Gästen aus Oberschwaben angetan. Sie sorgen dafür, dass nur saubere Lastwagen auf die öffentlichen Straßen kommen.

In Stuttgart angekommen, steht zunächst ein Mittagessen auf dem Programm, bevor Peter Reinhart von der DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH die Besucher im Turmforum mit Daten und Fakten "füttert". Staunend wird zur Kenntnis genommen, warum der neue Tiefbahnhof leistungsfähiger sein kann, als der alte Kopfbahnhof. Auf mögliche Verzögerungen angesprochen äußert sich Reinhart zuversichtlich: "Der Zeitplan Dezember 2021 hält momentan, es gibt aber Risiken." Letzteres gelte auch für das Budget. Über konkrete Zahlen schweigt er jedoch. Und Merklingen? "Das Problem ist sicher lösbar", sagt Reinhart. "Das Land denkt viel nach." Sven Hantel, Konzernbeauftragter der DB für Baden-Württemberg, hat nur wenig Zeit. "Herausforderungen sind dazu da, gemeistert zu werden", verkündet er lächelnd und fügt hinzu: "Nächstes Jahr ist Baubeginn bei der Elektrifizierung der Südbahn."

Daten und Fakten

  • Das Projekt: Das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm umfasst Stuttgart 21 und die Neubaustrecke Wendlingen–Ulm.
  • Stuttgart 21: Das Teilprojekt beinhaltet die Neuordnung des Stuttgarter Bahnknotens mit vier neuen Bahnhöfen und 57 Kilometern neue Strecke.
    Aus dem Kopfbahnhof wird ein Durchgangsbahnhof.
  • Die Neubaustrecke: Die 60 Kilometer lange Neubaustrecke Wendlingen–Ulm ermöglicht einen schnellen und komfortablen Weg über die Schwäbische Alb, mehr als die Hälfte verläuft in Tunneln.
  • Das Budget: Für Stuttgart 21 sind 6,5 Milliarden Euro veranschlagt, für die Neubaustrecke weitere 3,2 Milliarden Euro.
  • Fertigstellung: Das Bahnprojekt Stuttgart–Ulm soll bis Dezember 2020 betriebsbereit sein. (ahr)

"Quantensprung für die Region Bodensee-Oberschwaben"

Wilfried Franke, Jahrgang 1955, ist seit Juli 2008 Direktor des Regionalverbands Bodensee-Oberschwaben. Der Verband ist für die Regionalplanung im Bodenseekreis und in den Nachbarkreisen Ravensburg und Sigmaringen zuständig.

Sie scheinen ein Herz für die Südbahn zu haben. Woher kommt diese Begeisterung?

Die Südbahn ist ganz rational betrachtet das Rückgrat des Schienenverkehrs in Bodensee-Oberschwaben und das Projekt Elektrifizierung verfolgt mich nun schon ein ganzes Berufsleben lang. Da muss man schon mit aller Kraft und auch Begeisterung dabei sein und mit vielen anderen zusammen einen langen Atem haben, wenn man etwas erreichen will im Wettbewerb mit den Großprojekten in den Ballungsräumen.

Sind Sie nach dem Besuch auf den Baustellen in Ulm und Stuttgart beruhigt, dass das neue Bahnzeitalter auch auf der Südbahn planmäßig beginnen wird?

Ich bin sehr zufrieden mit dem, was wir gesehen und gehört haben. Wir wollen nach wie vor alle drei großen Vorhaben – Elektrifizierung Südbahn, Neubaustrecke Stuttgart–Ulm und Stuttgart 21 – im Dezember 2021 in Betrieb gehen sehen, weil nur dann unser gemeinsam erarbeitetes Fahrplankonzept, das einen Quantensprung in der Bedienung von Bodensee-Oberschwaben darstellen wird, auch umgesetzt werden kann. Alles andere würde zu unbefriedigenden Zwischenzuständen führen und dafür gibt es derzeit auch keine alternativen Fahrpläne. Seien Sie versichert, dass wir den Gang der Dinge weiterhin sehr sorgfältig und kritisch im Auge behalten werden.

Warum wurmt Sie der geplante neue Haltepunkt in Merklingen so, die Südbahn ist doch meilenweit entfernt?

Wir haben zunächst nichts gegen einen Haltepunkt Merklingen. In der Praxis ist es allerdings so, dass dieses nachträgliche Vorhaben doch erhebliche Auswirkungen auf die Südbahn haben wird. Wir sind in guten Gesprächen mit dem Land und haben auch schon einige Knackpunkte bereinigt. Aber nach wie vor gibt es für uns nicht akzeptable Konsequenzen. Dies gilt ganz zentral für die Anschlussverluste in Aulendorf in Richtung Allgäu. Dies können wir so nicht hinnehmen.

Fragen: Gerd Ahrendt