Es war in der vorletzten Maiwoche, als in Konstanz ein 22-jähriger Radfahrer mit einem anfahrenden Auto kollidierte. Der junge Mann, der nach Polizeiangaben auf dem falschen Fahrstreifen unterwegs war, bremste stark und prallte mit dem Rücken gegen das Auto. Dann stürzte er. Der Verletzte wurde im Krankenhaus ambulant behandelt. Es war ebenfalls in der vorletzten Maiwoche, als in Konstanz eine Fahrradfahrerin verunglückte. Die 64-Jährige wollte laut Polizei an einem Mülltransporter vorbeifahren, als ihr ein Müllwerker in die Quere kam, der von seinem Trittbrett sprang. Die Radfahrerin stürzte und zog sich mehrere Knochenbrüche zu. Die Frau war mit einem Pedelec unterwegs, einem Elektrofahrrad, bei dem der Antrieb die Fortbewegung nur unterstützt, wenn der Fahrer gleichzeitig selbst in die Pedale tritt.

Zahl der Unfälle steigt im ersten Halbjahr um 4,3 Prozent

Dies sind zwei von 558 Unfällen mit Radler-Beteiligung, die sich im ersten Halbjahr 2018 im Bereich des Polizeipräsidiums Konstanz innerörtlich ereigneten. Allein 130 Unfälle wurden in der Radlerhochburg Konstanz registriert. Im Bezirk des Polizeipräsidiums mit den vier Landkreisen Konstanz, Ravensburg, Sigmaringen und dem Bodenseekreis stieg die Zahl der innerörtlichen Fahrradunfälle im ersten Halbjahr gegenüber dem Vorjahreszeitraum um 4,3 Prozent, in Konstanz waren es über 10 Prozent. Aussagekräftiger für den Trend beim Unfallgeschehen in diesem Bereich ist eine andere Zahl. Gemessen am Mittelwert der innerörtlichen Radunfälle in den vergangenen fünf Jahren liegen die Zahlen für die ersten sechs Monate 2018 um 16,7 Prozent über dem Durchschnitt.

Verkehrsreferent: Radler halten sich nicht immer an die Regeln

Paul Brühl, Verkehrsreferent in der Konstanzer Polizeizentrale, bringt Erfahrungswerte ein. „Mehrheitlich werden die Unfälle durch die Fahrradfahrer selbst verursacht“, sagt er. Radler halten sich nicht immer an die Regeln. Sie fahren auf Gehwegen, sie benutzen Radwege in der falschen Fahrtrichtung, sie ignorieren das Rotlicht. So erhöht sich das Unfallrisiko. Brühl verweist auf eine Formel, wonach die geringe Entdeckungswahrscheinlichkeit bei Regelverstößen und die moderaten Strafen die Risikobereitschaft steigen lassen. So wurden 2017 in Konstanz nach Angaben von Brühl nur 600 Radler nach Verkehrsverstößen sanktioniert, aber mehr als 90 000 Autofahrer.

Bild: Müller, Cornelia

Bemerkenswert ist in der Betrachtung der Halbjahresstatistik ein Detail: Berücksichtigt man für den statistischen Vergleich nur Fahrräder, die mit reiner Muskelkraft der Fahrer fortbewegt werden, dann stagnieren die Unfallzahlen im Präsidiumsbereich nahezu (minus 0,4 Prozent im ersten Halbjahr), oder sinken gar deutlicher (Landkreis Konstanz minus 6,3 Prozent).

Zahl der Unfälle von Pedelec-Fahrern steigt um 32 Prozent

Der Zuwachs der Unfälle mit Radfahrern in der Verkehrsbilanz geht auf den steigenden Anteil von Radlern zurück, die ein Rad mit Elektroantrieb benutzen. Im Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Konstanz kletterte im ersten Halbjahr die Unfallbeteiligung sogenannter Pedelecs innerörtlich um 32 Prozent. Im Kreis Konstanz waren es sogar 59 Prozent (von 27 auf 43). „Die gegenwärtige Zunahme der Unfälle zum Vorjahr ist allein der Steigerung der Pedelec-Unfälle geschuldet“, stellt Paul Brühl fest.