1. Wie funktioniert die Zucht der Sandfelchen im Bodensee? Das haben Wissenschaftler der Fischereiforschungsstelle in Langenargen untersucht und Standards für die Zucht formuliert. Die Eier von Elterntieren aus dem Bodensee werden in der Brutanstalt erbrütet, die Setzlinge, also die winzigen Felchen, in großen Becken vorgestreckt. Die Jungfische wachsen in Kreislaufanlagen mit Seewasser heran, bis sie etwa zwölf Zentimeter lang sind. Bevor sie ins Freiwasser kommen, werden die kleinen Fische gegen Furunkulose geimpft. Später brauche es keine Medikamente mehr, auch keine Antibiotika, sagen die Wissenschaftler. Dann werden die Tiere in die Netzgehege umgesetzt und wachsen draußen in etwa zwei Jahren zu schlachtreifen Felchen heran.
  2. Was fressen die Felchen? Zunächst Bio-Forellenfutter; Felchenfutter gibt es (noch) nicht auf dem deutschen Markt, sagt Alexander Keßler, stellvertretender Vorsitzender der Genossenschaft RegioBodenseeFisch, die die Netzgehege im Bodensee plant. Aber auch das kommt nicht ohne Fischmehl und -öl aus, denn Felchen sind fleischfressende Fische, die Proteine brauchen. Die werden aus Schlachtabfällen von Fisch gewonnen. Oder aus Sardellen und Makrelen, die bei Küstenvölkern eigentlich direkt auf dem Teller landen oder Nahrung für Meeresbewohner sind. RegioBodenseeFisch will Forellenfutter aus überwiegend pflanzlichen Komponenten verwenden, die nicht aus genmanipuliertem Soja oder Mais stammen. In einem Kilo Futter seien maximal 80 Gramm Fischmehl und 40 Gramm Fischöl. Die Genossenschaft geht von einem Einsatz von 1,1 Kilogramm Futter für die Produktion von 1 Kilogramm Fisch aus. Mit einer eigenen Futtermühle könnte perspektivisch Bio-Futter für die eigene Zucht produziert werden.
    Netzgehege einer Fischfarm südlich von Marseille (Frankreich): Rund die Hälfte des global verzehrten Speisefischs stammt nach Angaben des WWF bereits aus Aquakulturen.
    Netzgehege einer Fischfarm südlich von Marseille (Frankreich): Rund die Hälfte des global verzehrten Speisefischs stammt nach Angaben des WWF bereits aus Aquakulturen. | Bild: BORIS HORVAT/AFP
  3. Gibt es genügend Fischfutter ohne Genmais oder Gensoja? In einer Studie zu den Perspektiven der Aquakultur in Deutschland, die im Auftrag des Bundeslandwirtschaftsministeriums erstellt und im Herbst 2017 veröffentlicht wurde, steht, dass von der EU zugelassene genetisch veränderte Organismen (GVO) grundsätzlich in Fischfutter eingesetzt werden dürfen. Der Markt nehme GVO gegenüber zwar eine skeptische Haltung ein. Allerdings sei es immer schwieriger, einige Inhaltsstoffe in nicht genetisch veränderter Form zu beziehen. Ein genauer Überblick zur aktuellen Situation des Einsatzes von Gensoja oder Genmais in Fischfutter liegt laut dieser Studie nicht vor. Abgesehen davon hätten zu viele pflanzliche Proteine im Futter negative Auswirkungen auf Wachstum und Geschmack der Zuchtfische.
  4. Wäre eine Felchenzucht in den Gehegen nicht auch Massentierhaltung, nur unter Wasser? Die Genossenschaft spricht von einer geplanten geringen Besatzdichte der Netzgehege ähnlich einem Felchenschwarm von 5 bis 8 Kilogramm Fisch auf 1000 Liter Wasser. Umgerechnet wären das bis zu 20 ausgewachsene Felchen in einem Aquarium mit der Kantenlänge von jeweils einem Meter. Wie wirtschaftlich die Felchenzucht dann zu betreiben wäre oder was der Fisch am Ende kostet, steht auf einem anderen Blatt. Denn hohe Qualitätsstandards einer nachhaltigen Zucht und eine geringe Besatzdichte verteuern das Produkt.
  5. Öffnet die Genehmigung einer Netzgehege-Anlage nicht Tür und Tor für weitere Aquakulturen im Bodensee? RegioBodenseeFisch versteht sich als landwirtschaftliche Genossenschaft für den gesamten Bodensee. „Wir stehen allen Berufsfischern offen, auch in der Schweiz und in Österreich“, sagt Alexander Keßler. Die Idee sei ja gerade, mit einer Genossenschaft keine Lebensmittelindustrie aus der Fischwirtschaft zu machen. Vorerst ist eine Pilotanlage mit zwei Netzgehegen geplant, um die Fischmast und ihre Auswirkungen wissenschaftlich begleitet zu testen. Denn bis dato gibt es keine gesicherten Daten, welche Auswirkungen solche Netzgehege im Bodensee tatsächlich haben, sondern nur Prognosen der Wissenschaftler. Der Rest sei eine Frage der Genehmigung: In Finnland oder Schweden beispielsweise schreiben die Behörden fest, wieviel Futter maximal für die Fischzucht in ein Gewässer eingetragen oder wieviel Fisch erzeugt werden darf. Auch die Standorte der Netzgehege könnten Behörden festschreiben. So könne man die Aquakultur wirkungsvoll limitieren.
    Ein Fischer holt bei Sonnenaufgang sein Netz mit Felchen aus dem Bodensee in den Kahn, doch der Fang aus den Wildbeständen wird immer kleiner. Das gefährdet zunehmend die Existenz der Berufsfischer am See.
    Ein Fischer holt bei Sonnenaufgang sein Netz mit Felchen aus dem Bodensee in den Kahn, doch der Fang aus den Wildbeständen wird immer kleiner. Das gefährdet zunehmend die Existenz der Berufsfischer am See. | Bild: Wolfgang Schneider
  6. Wieviel kostet der Aufbau einer Aquakultur im Bodensee? Die Investitionskosten veranschlagt RegioBodenseeFisch mit rund 1,5 bis 2 Millionen Euro für die geplanten 12 Netzgehege. Großinvestoren oder Konzerne sollen sich nicht an der RegioBodenseeFisch beteiligen dürfen, so Keßler. 2015 wurde vom Land signalisiert, dass die Genossenschaft mit Fördergeldern auch von der EU rechnen könne, wenn man den Fischern damit ermöglicht, ein zweites Standbein aufzubauen. Die Rede war von 40 Prozent der förderfähigen Kosten.
  7. Welche Auswirkungen hätte eine Fischzuchtanlage auf die Trinkwasserqualität des Seewassers? Kritiker befürchten eine Verschlechterung der Wasserqualität durch Futter und Kot der auf einen Ort konzentrierten Fischschwärme. Die Ökofolgen seien schlecht kalkulierbar. Dass Aquakultur selbst in einem Trinkwasserspeicher geht, ist für die Genossenschaftler bewiesen. Sie verweisen auf die Forellenzucht im finnischen Lake Päijänne, der für die Menschen in Helsinki Trinkwasser speichert, und auf die kanadischen Great Lakes. Auch die Menge an Fischkot, der das Wasser verschmutzt, sei zu vernachlässigen. Die Fische produzieren nach Angaben der Wissenschaftler in zwölf Netzgehegen rund 200 Kilo an bioverfügbarem Phoshpor. Im gesamten Bodensee werden jährlich rund 160 Tonnen davon eingetragen, also tausendmal so viel.
  8. Wäre eine Fischzucht in Seewasser an Land keine Alternative? Auch das hat die Fischereiforschungsstelle Langenargen untersucht. Hier würden die Felchen in geschlossenen Kreislaufanlagen heranwachsen. Auswirkungen auf den Bodensee hätte solch eine Zuchtanlage nicht. Doch allein der Aufbau für die Produktion von 500 Tonnen jährlich würde etwa 6,5 bis 8,3 Millionen Euro kosten, der Betrieb noch gar nicht eingerechnet. Zu teuer und unwirtschaftlich, sagen die Wissenschaftler.
  9. Warum sind die meisten Bodenseefischer gegen die Aquakultur? Viele Berufsfischer halten die Fischzucht für eine zusätzliche Bedrohung ihrer beruflichen Existenz. Denn die Aquakultur bedeutet für sie Konkurrenz. Der gezüchtete Fisch wäre größer und fetter und würde damit den Wildfisch vom Markt verdrängen, befürchten sie. Felchen aus dem Freiwasser sind oft so mager, dass sie nicht mal mehr geräuchert werden können. Es gibt also nicht nur zu wenig vom Brotfisch aus dem Bodensee, dessen Qualität ist auch noch zunehmend problematisch. Und während der Berufsfischer in der Schonzeit der Felchen keinen Fisch liefern kann, bietet die Aquakultur ganzjährig Fisch, wenn auch nur in bestimmten Mengen und Größen. Die Genossenschaft verneint hingegen den Preisdruck auf die Wildfelche, die ein Premiumprodukt bliebe, zumal die Fischzucht teurer sei.