Die Bilder von riesigen Plastikstrudeln in den Weltmeeren schockieren. Längst ist bekannt, dass der Müll der Menschen zum gigantischen Umweltproblem wird, Tiere verenden an Kunststoffteilen, in den Mägen von Vögeln, Walen und Fischen finden Forscher kleine oder große Plastikreste. Sie stammen von PET-Flaschen, Fischernetzen, Tüten, es sind aber auch Kleinstpartikel aus Kosmetika, aus synthetischer Kleidung oder vom Reifenabrieb – das Mikroplastik. Es dauert Jahrhunderte, bis sich Plastik im Wasser zersetzt.

Mikroplastik ist überall: Über Abwässer gelangen die winzigen Partikel bis in die Nahrungskette und sind längst auch im Bodensee und unseren heimischen Flüssen zu finden.
Mikroplastik ist überall: Über Abwässer gelangen die winzigen Partikel bis in die Nahrungskette und sind längst auch im Bodensee und unseren heimischen Flüssen zu finden. | Bild: BUND/G Wietschorke

Auch in unseren heimischen Seen und Flüssen ist die Plastikverschmutzung längst angekommen. Die erste länderübergreifenden Pilotstudie der Landesumweltämter Baden-Württemberg, Bayern, Rheinland-Pfalz, Hessen und Nordrhein-Westfalen, die 2018 veröffentlicht wurde, ergab eine flächendeckende Belastung der Gewässer mit Mikroplastik, Kunststoffpartikel, die kleiner als fünf Millimeter im Durchmesser sind. Auch der Bodensee ist bereits belastet, die Donau bei Sigmaringen ebenfalls, genauso wie der Rhein, und die vielen Zuflüsse.

Kunststoff-Teilchen sind überall

„Man muss sich klar darüber sein, dass es keine Oberflächengewässer mehr ohne Spuren von Mikroplastik gibt“, sagt Jochen Stark von der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg und Mitautor der Studie. Allerdings ist die Konzentration noch nicht sehr hoch: Durchschnittlich wurden etwa 60 Partikel in einem Kubikmeter Wasser, das sind 1000 Liter, gefunden. "Interessant an dem Ergebnis unserer Studie war die Erkenntnis, dass es keine Stellen mit erhöhtem Vorkommen gibt", erläutert Stark. Das weise darauf hin, dass das Problem ein flächendeckendes sei.

Diesen sogenannten „Manta Trawl“ entwickelten die Wissenschaftler der Universität Bayreuth speziell zur Probenentnahme von Wasseroberflächen. Der Manta Trawl kam bei allen Messungen, auch auf dem Bodensee, zum Einsatz.
Diesen sogenannten „Manta Trawl“ entwickelten die Wissenschaftler der Universität Bayreuth speziell zur Probenentnahme von Wasseroberflächen. Der Manta Trawl kam bei allen Messungen, auch auf dem Bodensee, zum Einsatz. | Bild: Landesanstalt Umwelt

Von den Messstellen der Studie lagen zwei im Bodensee: Vor Romanshorn wurden 17,67 Gesamtpartikel pro Kubikmeter im Wasser und vor Friedrichshafen 5,18 Partikel gefunden. Insgesamt fanden sich in allen Proben aus 25 Flüssen Kunststofffragmente. Hauptsächlich handelte es sich, so die Autoren der Studie, um Partikel mit Durchmessern zwischen 0,3 und 0,002 Millimetern. Zu fast 90 Prozent bestanden sie aus den Kunststoffsorten Polyethylen und Polypropylen, die wiederum für die meisten Verpackungen aus Plastik verwendet werden.

Plastik gelangt in die Umwelt

"Es gibt verschiedene Quellen für die Kunststoffbelastung", erläutert Forscher Jochen Stark. "Es geht nicht allein um den normalen Müll, der vom Straßenrand in die Flüsse geweht wird. Auch Folien aus der Landwirtschaft oder Dämm-Material aus Styropor, das auf Baustellen verwendet wird, gelangt in die Umwelt und damit schlussendlich ins Wasser", erklärt Stark. Ein weiteres Problem ist der Bioabfall, der immer wieder auch Kunststoffteile enthält, die so im Boden landen.

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All das bezeichnen die Forscher als sekundäres Mikroplastik, weil sich aus größeren Teilen etwa durch Verwitterung kleine Teile lösen. Es gibt aber auch primäres Mikroplastik, das eigens produziert wird, und etwa in Kosmetikartikeln wie Peelings oder Duschgels zum Einsatz kommt. Ein weiteres Problem sind Kunststofffasern, die etwa in Fleece-Jacken oder anderen Kleidungsstücken vorkommen. Diese Fasern fusseln bei jeder Wäsche und geben mikroskopisch feine Plastikpartikel ans Waschwasser ab. Zwischen 80 und 400 Tonnen Mikroplastik jährlich kommen allein aus deutschen Waschmaschinen, so eine Rechnung des Umweltbundesamtes.

Bild: redaktionsgrafik
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20 Prozent der Fische belastet

Samuel Roch beschäftigt sich bei der Fischereiforschungsstelle in Langenargen seit einigen Jahren mit dem Thema. Er betreut eine Studie, die herausfinden will, wie sehr die Fische in Baden-Württemberg bereits mit Mikroplastik belastet sind. Dazu entnahmen er und seine Kollegen an 22 Probestellen in elf Flüssen und sechs Seen, darunter dem Bodensee, Fische und untersuchten sie. "Wir konnten nachweisen, dass rund 20 Prozent aller Fische Mikroplastik in ihren Mägen hatten", so Roch.

Wie schon bei der Gewässerstudie stellten die Forscher fest, dass die Belastung flächendeckend ist und nicht an einigen Stellen vermehrt vorkommt. Vier Jahre lang hat der Biologe Proben genommen, an der Donau bei Sigmaringen und Erbach, am Neckar, vom Titisee im Schwarzwald, an der Jagst, am Federsee und eben auch am Schwäbischen Meer.

 

Doktorand Samuel Roch betreut ein Forschungsprojekt an der Landes-Fischereiforschungsstelle in Langenargen, bei dem die Auswirkung von Mikroplastik auf Fische untersucht wird.
Doktorand Samuel Roch betreut ein Forschungsprojekt an der Landes-Fischereiforschungsstelle in Langenargen, bei dem die Auswirkung von Mikroplastik auf Fische untersucht wird. | Bild: Ambrosius, Andreas

Viele Teilchen in den Felchen

Im Bodensee wurden unter anderem Felchen, Grundel, Ukelei oder Trüschen untersucht. Die gute Nachricht: "Es waren in den meisten Fällen nur ganz wenige Partikel, die wir im Magen-Darm-Trakt der Fische gefunden haben. Meistens handelte es sich um ein bis zwei Teile, die meist auch kleiner als ein Millimeter groß waren", so Samuel Roch. In Felchen fanden die Forscher die meisten Plastikreste.

In Bodensee-Felchen fanden Forscher die meisten Mikroplastikteilchen.
In Bodensee-Felchen fanden Forscher die meisten Mikroplastikteilchen. | Bild: FFS Langenargen

Die schlechte Nachricht liefert Samuel Roch aber gleich mit. Denn bisher gibt es nur sehr teure Messmethoden für Mikroplastikpartikel, die kleiner als 20 Mikrometer, also 0,02 Millimeter sind. "Wir gehen aber davon aus, dass die Menge genau dieser winzig kleinen Kunststoffteile zunimmt, da es insgesamt mehr kleine als große Partikel gibt", sagt Samuel Roch. Und genau diese ganz kleinen Plastikteilchen sind die, die in den Fischen den meisten Schaden anrichten könnten. "Alles, was kleiner als 0,05 Millimeter groß ist, kann vom Darm ins Gewebe der Fische eindringen, etwa in das Filet oder die Leber. Und damit letztlich auch auf unseren Teller", erklärt Roch.

Plastikkügelchen, sichtbar gemacht durch spezielles Licht, wie sie die Forscher in Langenargen Fischfutter beimengen.
Plastikkügelchen, sichtbar gemacht durch spezielles Licht, wie sie die Forscher in Langenargen Fischfutter beimengen. | Bild: Ambrosius, Andreas

Wissenschaft steht ganz am Anfang

Unklar ist den Forschern weltweit noch, wie sich das Mikroplastik auf die Fische auswirkt. "Wenn es nur im Magen-Darm-Trakt bleibt, wird es einfach wieder ausgeschieden", erklärt Roch. Die Wissenschaft stehe noch ganz am Anfang bei der Frage, wie sich das Plastik auf die Fische genau auswirkt und welche Folgen der Konsum solcher Tiere am Ende auch für den Menschen Ende hat.

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