Mais, wohin das Auge schaut? „Der Maisanbau spielt bei uns nur eine untergeordnete Rolle“, sagt der Kressbronner Landwirt Dieter Mainberger, Kreisobmann im Landesbauernverband. Im Altkreis Tettnang dominieren Hopfen- und Obstplantagen, kaum Viehställe oder Biogasanlagen, für die „Futter“ auf dem Acker produziert werden muss. „Das ist im Westen der Seeregion viel eher ein Thema“, sagt er.

Aber auch für seinen Kollegen Georg Rauch aus Ostrach, Kreisvorsitzender des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) Überlingen-Pfullendorf, „kann von Maiswüste hier keine Rede sein“. Sein Hof gehört zu den vier großen Familienbetrieben, die den Energiepark Hahnennest in Ostrach mit der größten Biogasanlage in der Region (1,5 Megawatt) betreiben. Zusammen bauen sie auf rund 1000 Hektar Land Pflanzen – darunter etwa ein Drittel Mais – für die Stromproduktion an.

Handeslgewächse wie Ölfrüchte und Winterraps machen im Bodenseekreis 12,7 Prozent aus, im Kreis Sigmaringen 7,3 Prozent.
Handeslgewächse wie Ölfrüchte und Winterraps machen im Bodenseekreis 12,7 Prozent aus, im Kreis Sigmaringen 7,3 Prozent. | Bild: Adobe Stock/Devon Yu

Maiswüste? Es gibt Landstriche in Bayern oder Niedersachsen mit großen Viehbeständen, wo auf zwei Drittel der verfügbaren Ackerfläche Mais angebaut wird, so zum Beispiel im Nachbarlandkreis Lindau. Problematisch wird es aber vor allem dort, wo Maisäcker fast die Hälfte der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmachen. Die Folgen sind geringe Artenvielfalt, ausgelaugte Böden, hoher Einsatz von Pflanzenschutzmitteln.

Dieses Szenario trifft aber weder auf den Bodenseekreis noch den Landkreis Sigmaringen zu, auch wenn der Maisanbau örtlich konzentriert scheint. 2017 wurde auf einem Drittel der Ackerfläche im Bodenseekreis nach Angaben des Landratsamtes Mais angebaut, was knapp 14 Prozent der landwirtschaftlichen Nutzfläche ausmacht. Im Landkreis Sigmaringen ist der Maisanteil zwar fast doppelt so hoch. Aber hier ist die landwirtschaftliche Nutzfläche insgesamt auch gut zweieinhalb Mal größer als am See.

„Der Boom bei den Biogasanlagen scheint vorbei zu sein", sagt Hermann Gabele, Leiter des Landwirtschaftsamtes im Bodenseekreis.
„Der Boom bei den Biogasanlagen scheint vorbei zu sein", sagt Hermann Gabele, Leiter des Landwirtschaftsamtes im Bodenseekreis. | Bild: Wolf-Dieter Guip

Mais-Boom schon in den 80ern

Trotzdem: Während heute deutlich weniger Körnermais produziert wird, der hauptsächlich in den Futtertrog wandert, aber auch für Lebensmittel und Kosmetika verwendet wird, stieg die Anbaufläche für Silomais im Bodenseekreis binnen zehn Jahren um gut 640 Hektar, in Sigmaringen um circa 1300 Hektar an. Woran liegt das? Der Mais-Boom begann genau genommen in den 1980er Jahren, sagt Hermann Gabele, Leiter des Landwirtschaftsamts im Bodenseekreis. „Der ursprünglich aus Mexiko stammende Mais ist den bei uns heimischen Getreidearten Weizen, Gerste, Roggen und Hafer durch sein hohes Ertragspotenzial überlegen“, erklärt der Fachmann.

Außerdem gilt Silomais wegen seines hohen Energiegehalts als ideale Ergänzung zu eiweißreicher Gras-Silage beim Rinderfutter. 1979 waren im Bodenseekreis rund 2200 Hektar mit Silomais bebaut. Der Wert blieb bis 2010 ziemlich stabil, stieg dann bis 2016 auf 2800 Hektar an. „Der Biogasboom in den Jahren 2000 bis 2014 hat die Ausdehnung des Silomaisanbaus weiter begünstig“, erklärt Hermann Gabele. Eine bundesweite Entwicklung: Die Maisanbauflächen wuchsen von rund 1,5 Millionen Hektar um die Jahrtausendwende auf rund 2,5 Millionen.

Handeslgewächse wie Ölfrüchte und Winterraps machen im Bodenseekreis 12,7 Prozent aus, im Kreis Sigmaringen 7,3 Prozent.
Handeslgewächse wie Ölfrüchte und Winterraps machen im Bodenseekreis 12,7 Prozent aus, im Kreis Sigmaringen 7,3 Prozent. | Bild: Adobe Stock/Devon Yu

Fehlanreize des Gesetzgebers

Treiber für diese Entwicklung war das Erneuerbare-Energie-Gesetz (EEG) von 2009. Das sicherte den Besitzern von Biogasanlagen erstmals feste Einspeisetarife für den produzierten Ökostrom zu. Maissilage schmeckt nicht nur den Rindern, sondern liefert auch in Biogasanlagen den höchsten Ertrag an Methan pro Hektar. Beim besten Preis-Leistungs-Verhältnis im Anbau der Energiepflanze wundert es nicht, dass mit steigender Anzahl der Biogasanlagen auch die Maisäcker mehr wurden. 2014 nahm nach Angaben der Fachagentur Nachwachsende Rohstoffe (FNR) allein der Anbau von Mais für Biogasanlagen etwa 900 000 Hektar und damit gut ein Drittel der deutschen Maisfelder ein.

In den Biogasanlagen wurden vor allem nachwachsende Rohstoffe vergärt, davon zu 72 Prozent Mais. Diese „Vermaisung“ für Ökostrom wertete die Bundesregierung 2012 als Fehlentwicklung und steuerte dagegen. Heute darf der Anteil der Maissilage am Gärsubstrat nur noch 50 Prozent sein. Damit wird der Anbau alternativer Energiepflanzen zunehmend interessant, beispielsweise die „Durchwachsene Silphie“ (siehe unten).

Getreide nimmt nach wie vor den größten Teil der Ackerfläche ein. Im Bodenseekreis sind es gut 35 Prozent, im Kreis Sigmaringen sogar über 54 Prozent.
Getreide nimmt nach wie vor den größten Teil der Ackerfläche ein. Im Bodenseekreis sind es gut 35 Prozent, im Kreis Sigmaringen sogar über 54 Prozent. | Bild: AdobeStock/gertrudda

Im Bodenseekreis blieb diese Entwicklung moderat. Nach Angaben des Kreises betreiben Bauern 16 Biogasanlagen mit einer Leistung von insgesamt 4,13 Megawatt; 2008 waren es zwölf Anlagen mit einer Gesamtleistung von 1,7 Megawatt. Die durchschnittliche Leistung heute liege bei rund 260 kW pro Anlage. Ganz anders bei den regionalen Nachbarn: Im Landkreis Sigmaringen gibt es drei Mal so viele Biogasanlagen mit einer Leistung von gut 25 Megawatt. Anlagen in ähnlicher Größenordnung werden in den viehreichen Landkreisen Ravensburg, Biberach und Ulm erreicht. Damit stehen in Oberschwaben fast ein Drittel aller rund 800 Biogasanlagen in Baden-Württemberg.

Gartenbau-Erzeugnisse wie Gemüse, Spargel, Erdbeeren oder Blumen werden auf 4,8 Prozent der Ackerfläche im Bodenseekreis angebaut (Kreis Sigmaringen: 0,2 Prozent).
Gartenbau-Erzeugnisse wie Gemüse, Spargel, Erdbeeren oder Blumen werden auf 4,8 Prozent der Ackerfläche im Bodenseekreis angebaut (Kreis Sigmaringen: 0,2 Prozent). | Bild: AdobeStock/kai-creativ

„Der Boom bei der Entwicklung von Biogasanlagen scheint vorbei zu sein“, schätzt Hermann Gabele vom Landwirtschaftsamt heute ein. Diese Einschätzung teilt Fritz Mielert, Energie-Referent beim Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Baden-Württemberg. „Biogas spielt in den großen Szenarien zur Energiewende keine große Rolle mehr“, sagt er. Was da ist, werde genutzt, aber mehr Anlagen wird es wohl nicht geben.

Alternative zum Maisanbau: die Silphie

Welche Energiepflanzen eignen sich alternativ für die Biogasproduktion? Der Energiepark Hahnennest ist mit der Kultivierung der "Durchwachsenen Silphie" weit gekommen.

Die „Durchwachsene Silphie“ ist ein Korbblütler aus Südamerika, die fast wie eine kleine Sonnenblume aussieht und ebenso mannshoch wächst. 2012 pflanzte Ralf Brodmann, der Miteigentümer des Energieparks in Ostrach-Hahnennest im Kreis Sigmaringen ist, erstmals auf einem Hektar die Silphie an. Er wollte testen, ob sie als alternative Energiepflanze zum Mais auf den Feldern im deutschen Südwesten taugt. Denn die Pflanze blüht bis in den Herbst hinein, bietet Bienen also lange Nahrung, und ist im Vergleich zum Mais eine Augenweide für den Menschen. Größter Vorteil ist, dass die Pflanze mehrere Jahre geerntet werden kann, ohne nachsäen zu müssen.

2013 wurde ein weiterer Hektar angepflanzt, parallel auf knapp drei Hektar erstmals der Samen ausgesät. Im Folgejahr entwickelte Brodmann die Saattechnik auf weiteren 4,5 Hektar weiter. Mit Erfolg: 2015 wird die eigene Anbaufläche auf 50 Hektar ausgebaut. Gleichzeitig versuchen sich andere Landwirte mit diesem Anbauverfahren auf weiteren 30 Hektar Silphiekultur. Heute sind es bis zu 150 Hektar, auf denen die von Brodmann kultivierte Pflanze für den Energiepark angebaut wird.

Der Großteil der Ernte landet in der Biogasanlage, der Rest dient der Saatgutvermehrung, in die der Brodmann selbst eingestiegen ist. Nach Angaben des Fachverbands Biogas haben in diesem Jahr Landwirte in ganz Deutschland auf 1100 Hektar die Durchwachsene Silphie ausgesät. Erstmals war der Anbau auf ökologischen Vorrangflächen möglich. (kck)