Eigentlich wollte Erwin Wicker Schreiner werden. Aber seine Tante hatte eine Sattlerei und keine Kinder. „Die hat keine Ruhe gegeben, sie hat auf mich eingeredet, seit ich denken kann. Schließlich ist sie mit mir zum Obermeister gegangen und hat mir die Lehrstelle besorgt“, sagt er. Von 1950 bis 1953 lernte er Sattler und Raumausstatter. Bereut hat er es nicht. „Man hat viel mit Farben zu tun, dazu kommt die Vielfalt der Stoffe – Gobelin oder Webstoff, Baumwolle, Schafwolle oder Synthetik. Bei Bodenbelägen haben wir mit Linoleum angefangen, dann kam Teppichboden, Parkett – es wurde nie langweilig!“ Vor 60 Jahren hat er die Meisterprüfung bestanden, heute bekommt er den diamantenen Meisterbrief.

Sieben goldene und fünf diamantene Meisterbriefe hat die Kreishandwerkerschaft Bodenseekreis verliehen. Von links: Franz Jäger, Christof Hartmann. Manfred Egger, Franz-Josef Rudhart, Konrad Dreher, Werner Zeller, Georg Beetz, Karl-Heinz Kretz, Gebhard Zeller, Walter Dick, Diethelm Schütze, Jörg Waldvogel, Fritz Richter, Stefan Müller, Paul Mayr, Erwin Wicker, Michael Pätzholz, Christof Binzler, Hans Neuschl.
Sieben goldene und fünf diamantene Meisterbriefe hat die Kreishandwerkerschaft Bodenseekreis verliehen. Von links: Franz Jäger, Christof Hartmann. Manfred Egger, Franz-Josef Rudhart, Konrad Dreher, Werner Zeller, Georg Beetz, Karl-Heinz Kretz, Gebhard Zeller, Walter Dick, Diethelm Schütze, Jörg Waldvogel, Fritz Richter, Stefan Müller, Paul Mayr, Erwin Wicker, Michael Pätzholz, Christof Binzler, Hans Neuschl. | Bild: Corinna Raupach

Zwölf Handwerksmeister ehrt die Kreishandwerkerschaft in diesem Jahr. Kreishandwerksmeister Christof Binzler dankte ihnen für insgesamt 650 Meisterjahre: „Was in diesen Jahren in Ihren Betrieben alles geleistet wurde und passiert ist, das verdient unsere höchste Anerkennung und Wertschätzung. Es war Aufbauarbeit, die sie geleistet haben, wenn wir an die Jahre 1958 und 1968 denken.“ Vieles hat sich seitdem geändert. Franz-Josef Rudhart etwa hat eine Optikerlehre gemacht, ehe er wie sein Vater Uhrmachermeister wurde. "Früher war das ein Beruf, Uhrmacher und Brillenmacher", sagt er.

Hans Neuschl mit seinem diamantenen Meisterbrief.
Hans Neuschl mit seinem diamantenen Meisterbrief. | Bild: Corinna Raupach

„Die ganzen neuen Materialien gab es damals nicht“, sagt Stuckateurmeister Hans Neuschl. Auch die Ansprüche an Fassadendämmung, energetisches Sanieren und gesundes Wohnen haben sich verändert. Und anders als heute war es ein Glück, überhaupt eine Lehrstelle zu finden. „Das war gar nicht leicht, kurz nach dem Krieg gab es ja kaum Arbeit“, sagt er. Er lernte in Überlingen, verbrachte seine Gesellenjahre in Schwäbisch Hall und legte die Meisterprüfung vor der Handwerkskammer in Heilbronn ab. Sein Beruf hat ihm immer Spaß gemacht. „Man schafft mit Kopf, Herz und Hand – und ein gutes Auge muss man haben“, sagt er. Er kaufte 1965 die Firma Gipser Schmid in Überlingen. Vier Jahre später erweiterte er und zog um, die Zahl seiner Mitarbeiter stieg von zwölf auf 22.

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Auch Erwin Wickers Handwerk hat sich verändert. Seine Tante machte Sättel, Pferde- und Kuhgeschirre. „Damals hatten die Bauern noch keine Traktoren, da haben sie mit den Kühen die Heuwagen gezogen“, sagt Wicker. Heute haben sich Sattler und Raumausstatter auseinandergelebt: Die einen entwerfen Einrichtungskonzepte und fertigen Polstermöbel oder Gardinen. Die anderen spezialisieren sich auf Lederprodukte nicht nur für den Reitsport. Wicker verbrachte seine Gesellenjahre in der Schweiz. „Hier war noch Nachkriegszeit, in der Schweiz waren sie viel weiter, was Polstermöbel anging“, sagt er. Dort lernte er seine Frau Beatrice kennen. „Ich habe mich abends mit dem Schifferklavier rausgesetzt, da hat sich die Jugend des Ortes versammelt. Und sie kam auch dazu“, erinnert er sich.

Vor 60 Jahren hat Raumausstatter Erwin Wicker seinen Meister gemacht und erhält dafür den diamantenen Meisterbrief. Von links: Obermeister Michael Pätzold, Kreishandwerksmeister Christof Binzler, Raumausstattermeister Erwin Wicker.
Vor 60 Jahren hat Raumausstatter Erwin Wicker seinen Meister gemacht und erhält dafür den diamantenen Meisterbrief. Von links: Obermeister Michael Pätzold, Kreishandwerksmeister Christof Binzler, Raumausstattermeister Erwin Wicker. | Bild: Corinna Raupach

Mit 24 Jahren übernahm er das Geschäft der Tante in Fischbach, ein Jahr später heirateten sie. Wicker wurde Innungs- und Kammermeister seines Fachs, dekorierte Fasnetsbälle im Graf-Zeppelin-Haus und richtete Wohnungen und Hotels ein. „Ich habe meine Kunden immer so beraten, dass die Einrichtung zu ihrem Stil gepasst hat“, sagt er. Doch die Konkurrenz durch große Möbelhäuser mit billiger Massenware erschwerte sein Handwerk. Die Umstellung auf den Euro machte er nicht mehr mit – auch weil alle drei Töchter andere Pläne hatten. „Ich hätte eine neue Kasse gebraucht, neue Computer, da habe ich mit 67 das Geschäft zugemacht“, sagt er. Er spielt heute wieder im Akkordeonensemble, ist als Mitgründer Ehrenmitglied im Bächlesfischer-Elferrat und freut sich über acht Enkel und ein Urenkelchen.

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Erwin Wicker würde sein Handwerk auch jungen Menschen wieder empfehlen. „Da hat sich etwas verändert, heute gibt es wieder Kunden, die Wert auf Qualität und individuelle Ausstattung legen“, sagt er. Auch Hans Neuschl rät zum Stukkateurgewerbe. „Der Beruf hat auf jeden Fall Zukunft, es gibt immer Aufträge“, sagt er. Daher hat er auch immer Lehrlinge ausgebildet, darunter auch seinen Sohn.