Was dem Sensationslustigen eine Extraportion Adrenalin verschafft, kann für das Opfer eines Brandunglücks oder Verkehrsunfalls lebensgefährlich werden. Blockierte Zufahrten und Rettungskräfte, die am Einsatzort durch gaffende Menschen behindert werden: Solche Vorfälle stellen Polizei, Feuerwehr und Sanitäter vor neue Herausforderungen und haben im Jahr 2017 zu einer Gesetzesänderung geführt. Seither gilt die vorsätzliche Behinderung von Einsatzkräften als Straftat. Doch in welchem Maße ist der Bodenseekreis von Problemen durch Gaffern betroffen und wie gehen die Einsatzkräfte damit um?

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Großereignisse als Anziehungspunkte für Schaulustige

„Wenn etwas weithin Sichtbares, wie zuletzt der Großbrand in Meckenbeuren, passiert, weckt das die natürliche Neugier der Menschen“, sagt dazu Oliver Weißflog, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Konstanz. Dass sich einige Schaulustige dann auf den Weg dorthin machen, könne die Polizei nicht komplett verbieten.

Schaulustigen ist nicht immer bewusst, dass sie die Helfer behindern

In besagtem Fall hatte die Anreise der Schaulustigen dazu geführt, dass durch das erhöhte Verkehrsaufkommen auf der Mariabrunner Straße die Anfahrt der Einsatzkräfte deutlich erschwert, und auch die Zufahrt zur Löschwasserentnahme an der Schussen zeitweise blockiert wurde, wie Kai Amrein von der Freiwilligen Feuerwehr Meckenbeuren berichtet. Letzteres, vermutet er, geschah unabsichtlich, da die Schaulustigen dachten, hier würden sie den Einsatz nicht stören. Und er betont: „Zu einer Behinderung der direkten Löscharbeiten kam es aufgrund der abgelegenen Lage nicht.“

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Keine Statistiken über Vorfälle mit Gaffern

Auch Jörg Kuon, Kreisgeschäftsführer des Deutschen Roten Kreuz (DRK) sind weder beim Einsatz in Meckenbeuren Behinderungen von Rettungskräften bekannt geworden, noch wurden ihm in der vergangenen Zeit derartige Vorfälle gemeldet. Oliver Weißflog bestätigt aus Sicht der Polizei: „Bei uns im Bodenseekreis sind das noch Einzelfälle.“ Doch Zahlen und eine Statistik zu Vorfällen mit Gaffern gebe es nicht. Nicht verwunderlich, da die Polizei in einem Notfall primär mit Ursachenfeststellung beschäftigt sei.

Helfer schauen über „unschöne Reaktionen“ hinweg

Das kann auch Kai Amrein von der Freiwilligen Feuerwehr Meckenbeuren bestätigen: „Besonders in der Anfangsphase eines Einsatzes ist es sehr schwer, sich mit Schaulustigen auseinanderzusetzen, da hier schlicht jede Sekunde für Einsatzmaßnahmen erforderlich ist.“ Die zum Teil vorkommenden, „unschönen Reaktionen“, nehme man als Einsatzkraft zwar wahr, schaue aber in der Regel darüber hinweg.

Polizei muss immer resoluter auftreten

Eine Zunahme von „unschönen Reaktionen“ beobachtet auch die Polizei: „Menschen, die wir bitten, den Bereich der Absperrung zu verlassen, reagieren zunehmend mit Unverständnis und wir müssen immer resoluter auftreten, um uns Gehör zu verschaffen“, berichtet Weißflog.

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Auch als an den Folgetagen nach dem Brand in Meckenbeuren die Nachlöscharbeiten stattfanden, ignorierten Passanten die Absperrung und betraten die Einsatzstelle verbotswidrig, erzählt Kai Amrein von derartigen Erlebnissen. Schlimmer noch sei es, wenn bei Verkehrsunfällen Schaulustige die Einsatzstelle fotografieren oder filmen wollen und versuchen, durch die Absperrung zur Einsatzstelle zu gelangen.

Zunahme von Respektlosigkeit als gesellschaftliches Problem

Gelegentlich komme es vor, dass Schaulustige einem Menschen, der reanimiert werden muss, so nahe kommen, dass der respektvolle Abstand definitiv überschritten sei. Oliver Weißflog hält das für ein gesellschaftliches Problem und eine Form zunehmender Respektlosigkeit. Werte wie Hilfsbereitschaft seien nicht mehr opportun und nicht die Gemeinschaft zähle, sondern der, der sich durchzusetzen wisse.

DRK schult Mitarbeiter mittlerweile in Gewaltprävention

So berichtet das DRK auch von zunehmender Aggressivität in ihren Kleiderläden und durch alkoholisierte Patienten. „Wir reagieren darauf, indem wir in den vergangenen Monaten für unsere haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiter Gewaltpräventionskurse anbieten“, berichtet Jörg Kuon.

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„Warum jemand das Leid anderer Menschen filmt, kann ich nicht nachvollziehen“

Nicht jeder schaulustige Beobachter ist gleich ein Gaffer. Oliver Weißflog erklärt den Unterschied: Während sich der Beobachter ein Bild von der Lage mache, wenn nötig helfe und wenn nicht, nach Hause fahre, verteidige der Gaffer rücksichtslos sein vermeintliches Recht, das Unglück nicht nur beobachten sondern auch dokumentieren zu dürfen. „Warum jemand das Leid anderer Menschen filmt, kann ich nicht nachvollziehen“, zeigt sich der Pressesprecher der Polizei verständnislos.

Appell an Gaffer: Würden sie in einer Notsituation gefilmt werden wollen?

Kai Amrein pflichtet ihm bei: „Bei Einsätzen mit Personenschäden, vor allem bei Verkehrsunfällen, verbietet es der Anstand, sich in unmittelbare Nähe zu begeben und womöglich zu fotografieren oder zu filmen.“ Hier helfe es, wenn man sich in die Lage eines verunfallten Menschen versetze und sich die Frage stelle, ob man selbst in dieser Situation fotografiert oder gefilmt werden wollen würde.

Schaulustige sollen Anweisungen der Helfer Folge leisten

Verhindern kann man Zaungäste nicht, zeigt sich Amrein überzeugt. „Wir möchten auch niemanden davon abhalten, unsere Arbeit zu beobachten, im Gegenteil, wir freuen uns bei jeder Übung über Zuschauer, die wir eventuell auch für den aktiven Feuerwehrdienst begeistern können“, lässt er wissen. Doch besonders bei echten Einsätzen sollten Schaulustige Rücksicht nehmen und Anweisungen der Einsatzkräfte Folge leisten. Denn bei Behinderungen könne nur die Absperrung vergrößert, auf die Einsicht der Schaulustigen gehofft und gegebenenfalls die Polizei um Unterstützung gebeten werden.