Ein Megabit pro Sekunde: In dieser Geschwindigkeit wurden bei der Firma Stecher im Landkreis Sigmaringen früher Daten ins Netz geschickt. Was das konkret bedeutet, erklärt Geschäftsführer Günter Stecher. Das Unternehmen ist Zulieferer für die Automobilindus-trie. Von den Kunden können automatisch Drehteile abgerufen werden. „Dann sieht der Disponent, was zu tun ist“, sagt Stecher. Oder in der Produktion werden Prozesse in Gang gesetzt. Korrekt funktionieren kann diese Kette allerdings nur, wenn nach dem Abrufen auch Quittungen an die Kunden rausgehen. Die Systeme der Unternehmen kommunizieren selbstständig miteinander. „Wir haben die Quittungen nicht rausgekriegt, weil unser Upload überlastet war“, erinnert sich Stecher. Die Kunden schickten also erneut Abrufe in einer Größenordnung mit bis zu 5000 Zahlen. Ein Kunde schlug Stecher angesichts dieses Durcheinanders vor, den Betrieb nach Rumänien zu verlagern, wo das Internet besser sei.

Deutschland ist international eines der Schlusslichter, was den Breitbandausbau betrifft. In etlichen Ländern surfen die Menschen schneller im Netz. Privat ist dies einfach unpraktisch. Beruflich kann ein guter Zugang zum Internet jedoch geschäftsentscheidend sein. Die Industrie- und Handelskammer IHK Bodensee-Oberschwaben hat im vergangenen Jahr ihre Mitglieder befragt, welche Standortfaktoren für sie besonders wichtig sind. 10 153 Betriebe wurden angeschrieben. 2101 von ihnen antworteten auf die Fragen zu 27 Standortfaktoren. Die Breitbandversorgung stand am Ende auf Platz Eins, noch weit vor qualifizierten Fachkräften.

Der Familienbetrieb in Sauldorf-Krumbach ist inzwischen mit 100 Megabit pro Sekunde im Netz unterwegs. Nachdem sich Günter Stecher mit Verantwortlichen der Breitbandversorgungsgesellschaft BLS im Landkreis Sigmaringen an einen Tisch gesetzt hatte, wurde ein Glasfaserkabel von einem Verteiler in die Firma gelegt – über einen Kilometer Länge. Gekostet hat dies das Unternehmen anteilig einen fünfstelligen Geldbetrag. Für Stecher die richtige Entscheidung. „Ich hätte Aufträge verloren“, sagt der Geschäftsführer im Rückblick. Die Aufgabe, für eine ausreichende Internetverbindung zu sorgen, hat er nie bei sich gesehen. Die Verantwortung liegt seiner Meinung nach voll bei der Landes- und Bundesregierung. „Dafür zahlen wir Steuern, dass die Infrastruktur stimmt“, findet Stecher. Mehrere 100 000 Euro kostet die Verlegung von Glasfaserkabeln alleine in kleinen Teilorten. Profitieren können die Gemeinden, die sich dieser Mammutaufgabe oft in ihren Gemeindeverwaltungsverbänden oder in eigens gegründeten Gesellschaften wie der BLS im Landkreis Sigmaringen stellen, von Förderprogrammen.

So schreibt das Ministerium für Inneres, Digitalisierung und Migration auf seiner Internetseite: „Die Landesregierung unterstützt die Kommunen dort, wo sich für private Unternehmen der Ausbau der Netzinfrastruktur nicht lohnt.“ Die großen Telekommunikationsunternehmen konzentrieren sich derzeit auf die Ballungszentren. Eine, die dieses Vorgehen kennt, ist Diana Deppe, Breitbandkoordinatorin im Bodenseekreis. „Die ländlichen Regionen warten auf Glasfaser, während zuerst die Städte versorgt werden“, weiß die studierte Medieninformatikerin.

In ihrer Funktion berät sie die Kommunen beispielsweise bei allen Fragen rund um den Breitbandausbau. Kein Jahresgespräch, in dem das schnelle Internet nicht Thema wäre. Die Verwaltungen werden seit einigen Jahren selbst tätig oder arbeiten mit regionalen Netzbetreibern wie der Teledata GmbH in Friedrichshafen und der Netcom BW zusammen, die vor Ort investieren. Deppe bedauert, dass die Gemeinden bei der Bundesförderung Sonderprogramm Gewerbegebiet für den Breitbandausbau hinten runterfallen. Auf Bundesebene müsste dem Landkreis für einen Antrag etwa eine aktuelle Markterkundung vorliegen. „Unsere Befragung ist zwei Jahre alt“, sagt Deppe. Zu alt, um mit dieser Förderung für den Ausbau bedacht zu werden. Es bleibt nur die Landesförderung.

Vor dem Smartphone-Zeitalter galt laut der Breitbandstrategie des Bundes ein Richtwert von zwei Megabit pro Sekunde. Ende 2018 sollen es mindestens 50 Megabit sein. „Die Breitbandversorgung des Bodenseekreises ist relativ heterogen, teilweise auch innerhalb der einzelnen Kommunen“, erklärt Deppe. Von den 23 Kommunen werden 19 Städte und Gemeinden durch Unitymedia versorgt. Teilweise sei schon Glasfaser ausgebaut. Aber: „Anderenorts gibt es noch Datenraten wie zu ISDN-Zeiten.“ Die Breitbandkoordinatorin kennt Landwirte, die „teilweise sehr früh aufstehen, um eine gute Datenverbindung zu haben“. Internetzugang heißt Teilen. Sobald viele Nutzer online sind, werden Richtwerte nicht erreicht. Die Firma Stecher nutzte vor dem Glasfaserkabel parallel drei DSL-Leitungen. In Deggenhausertal gibt es drei Gewerbegebiete: Deggenhausen, Mennwangen und Untersiggingen.

Bürgermeister Fabian Meschenmoser sagt: „Es ist ein bisschen verzwickt. Es ist nicht nur ein Gewerbegebiet, in das die Infrastruktur gebracht werden muss.“ Aktiv ist der Netzbetreiber Teledata GmbH. Zudem soll in Mennwangen eine kommunale Lösung entstehen. Bislang wollte kein Betrieb abwandern. Geschäftsführer und Mitarbeiter sind in der Region verwurzelt. Trotzdem haben die Unternehmen natürlich Ansprüche. „In einem Jahr haben wir eine deutliche Verbesserung erreicht. Aber es braucht Zeit, bis jeder Weiler angeschlossen ist“, sagt Meschenmoser, der sich eine zukunftsfähige Struktur wünscht. Die Datenflut wird immer größer. Bei Straßenbauarbeiten werden bereits vielerorts Leerrohre für Glasfaserkabel verlegt. Günter Stecher will Clouddienste bald stärker nutzen. Der Unternehmer nimmt an, dass 100 Megabit dann nicht reichen werden: „Er hört nicht auf, der Hunger.“

 

Ein Blick in die Zukunft des schnellen Internets

  • Warum hinkt Deutschland beim Breitbandausbau so hinterher? Diana Deppe, Breitbandbeauftragte im Bodenseekreis, sagt: „Wir hatten in der Vergangenheit ziemlich gute Kupferkabel verbaut und sind lange damit zurechtgekommen.“ Über die Leitungen wurde früher ausschließlich telefoniert und später auch im Internet gesurft. Die Drähte wurden seit den 50er-Jahren ausgebaut und sind natürlich nicht so leistungsstark wie die heutige Technologie. Länder wie Lettland hätten später, dann aber direkt mit Glasfaser ausgebaut, sagt die Breitbandbeauftragte. Daraus ergibt sich die schlechte Position Deutschlands im internationalen Leistungsvergleich. Genutzt wird im Bodenseekreis ebenfalls das Koaxialkabel von Unitymedia, das eigentlich zum Fernsehen gedacht ist. Dabei handelt es sich um ein in sich isoliertes Kupferkabel, mit dem eine Geschwindigkeit bis zu 400 Megabit pro Sekunde erreicht werden kann.
  • Wie kann die Zukunft in Sachen schnelles Internet aussehen? Nach und nach werden im Bodenseekreis und auch im Kreis Sigmaringen Glasfaserkabel verlegt. Ziel sei es, 100 Prozent der Haushalte anzuschließen, sagt Bodenseekreis-Breitbandbeauftragte Diana Deppe. Ab der Grundstücksgrenze müssen der Haushalt oder das Unternehmen selbst für das Glasfaserkabel aufkommen. In den jeweiligen Kommunen gibt es unterschiedliche Modelle, was die Kosten betrifft.
  • Was unterscheidet Kupfer- und Glasfaser-Technik voneinander? Diana Deppe erläutert, dass Daten mit Lichtgeschwindigkeit durch ein Glasfaserkabel geschickt werden. Bei einem Kupferkabel wird mit elektrischen Impulsen gesendet, die im Vergleich deutlich langsamer seien. Gerechnet wird in der Übertragungsrate Bit pro Sekunde. Größere Einheiten sind Kilo-, Mega- und Gigabit. Die Nasa-Sonde Mariner 4 verfügte 1964 über eine durchschnittliche Übertragungsgeschwindigkeit von acht Bit pro Sekunde. Der Zugang zum Internet funktionierte anfänglich über ein Modem – mit einer Geschwindigkeit von 56 Kilobit pro Sekunde. VDSL-Leitungen ermöglichen mehrere Hundert Megabit pro Sekunde. Mit der Fibre-to-the-Home-Technologie (FTTH) kann eine Datenübertragungsrate von einem Gigabit und aufwärts erreicht werden. „Mit Glasfaser sind 1000 Megabit oder mehr möglich. Es werden zudem Reserven eingeplant, damit auch bei weiterem steigendem Bedarf genügend Kapazität verfügbar ist“, sagt Diana Deppe. Die Bandbreiten variieren stets, da die Leistung mit der Nutzung zusammenhängt. Für nötig hält die Breitbandbeauftragte Geschwindigkeiten von einem Gigabit und mehr auf jeden Fall. Denn der Fantasie sind in Sachen Smarthome mit internetfähigen Kühlschränken und Co. keine Grenzen mehr gesetzt.