Auf den ersten Blick waren es gute Nachrichten: Die Anfang Mai vorgestellte Level-One-Studie der Universität Hamburg vermeldete, dass die Zahl der Erwachsenen in Deutschland, die nicht ausreichend lesen und schreiben können, seit 2010 zurückgegangen ist. Danach gibt es in Deutschland 6,2 Millionen sogenannte funktionale Analphabeten. Der Volkshochschulverband Baden-Württemberg weist allerdings darauf hin, dass dies weniger auf eine bessere Bildung als eine andere Zusammensetzung der befragten Bevölkerung zurückzuführen sei.

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„In Baden-Württemberg leben den neuen Ergebnissen nach – geflüchtete Menschen nicht berücksichtigt – rund 800 000 Menschen mit Literalisierungsbedarf“, so der Pressetext. Wie viele davon im Bodenseekreis zu Hause sind, lässt sich schwer sagen. „Wir haben leider keine eigenen Zahlen über Betroffene im Bodenseekreis“, schreibt Pressesprecher Robert Schwarz auf unsere Anfrage.

Keine speziellen Initiativen des Landkreises

Auch gebe es über die Angebote der Volkshochschule über den Bereich der Integrationskurse hinaus keine speziellen Initiativen oder Projekte des Landkreises dazu. Das heißt, es werden nur Alphabetisierungskurse für Migranten angeboten. Weder die Volkshochschule (VHS) im Bodenseekreis noch die VHS in Friedrichshafen haben zurzeit Kurse für funktionale Analphabeten im Programm.

Die Betroffenen nutzen oft Ausreden

Gründe, warum jemand nicht richtig lesen und schreiben gelernt hat, gibt es viele. Der Volkshochschulverband nennt neben einem schwierigen familiären Umfeld, Legasthenie oder gesundheitliche Probleme als mögliche Ursachen. Meist sei es ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren. Die Betroffenen nutzen oft Ausreden, um über ihre Schwierigkeiten hinwegzutäuschen. Mal ist es die vergessene Brille, eine verletze Hand oder der Wunsch, ein Formular mit dem Partner zu Hause auszufüllen.

Das Thema ist sehr mit Scham behaftet

Dazu kommen Vermeidungsstrategien: Briefe bleiben unbeantwortet, Elternabende werden nicht besucht oder Aushänge nicht beachtet. „Das Thema ist sehr mit Scham behaftet“, sagt Maria Gerard, Amtsleiterin des Jobcenters im Bodenseekreis. „Die Betroffenen wissen oft gut, wie sie das verstecken können. Da häufig mehrere Faktoren als Vermittlungshemmnisse zusammen kommen, ist es für uns schwer, Analphabetismus festzustellen.“ Tatsächlich kann sie sich an keinen Fall erinnern.

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Es scheint, als würde es im Bodenseekreis keine funktionalen Analphabeten geben, was statisch mehr als unwahrscheinlich ist. Wenige Kilometer weiter, in Stadt und Kreis Konstanz, gibt es welche und auch Angebote. Seit Anfang 2018 fördert das Kultusministerium dort ein Grundbildungszentrum, das an der Volkshochschule Konstanz angesiedelt ist. Laura Pacilli ist dort Fachbereichsleiterin Grundbildung und Alphabetisierung.

Menschen mit hohem Leidensdruck

Sie berichtet von Menschen mit hohem Leidensdruck, wie zum Beispiel einem Mann, der immer wieder seine Stelle wechselte. Er machte seine Sache stets so gut, dass ihm mehr Aufgaben zugetraut wurden. Das hätte aber eine bessere Lese- und Schreibkompetenz erfordert.

Betroffenen können sich auch anonym beraten lassen

Also kündigte er und fing wieder auf niedrigem Niveau an. „Das größte Problem ist es, die Betroffenen zu erreichen“, betont Laura Pacilli. Daher bieten sie eine anonyme telefonische Beratung sowie in Konstanz, Singen und Stockach Kurse an. Dazu setzen sie auf Sensibilisierung des Umfelds und schulen Mitarbeiter in Beratungs- und Familienzentren.

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Das Defizit an Hilfsangeboten in der Region scheint endlich erkannt worden zu sein. Der Volkshochschulverband Baden-Württemberg und der Caritasverband der Diözese Rottenburg-Stuttgart entwickeln gerade an sieben Pilotstandorten neue Grundbildungsangebote. Einer der Standorte ist Friedrichshafen, wo es im Sommer losgehen soll.