Der Arbeitsmarkt am Bodensee galt in den vergangenen Jahren als stabil und robust. Welche Auswirkungen wird die Corona-Krise auf den Arbeitsmarkt in der Region haben?

Das ist seriös noch nicht zu sagen. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rechnet in einer aktuellen Vorschau bundesweit mit 90 000 Arbeitslosen mehr. Vorübergehend kann die Zahl der Arbeitslosen auf 3 Millionen steigen. Es hängt ganz entscheidend davon ab, wie schnell wir die Pandemie eindämmen, die Kurzarbeit und andere Maßnahmen greifen und wir zu einem normalen Wirtschaftsleben zurückfinden. Der regionale Arbeitsmarkt war in der Vergangenheit weniger anfällig gegen konjunkturelle Einflüsse. Aber nun haben wir eine außergewöhnliche Situation, auf die wir uns alle neu einstellen müssen.

Immer mehr Betriebe kündigen Kurzarbeit an. Die Bundesregierung rechnet für 2020 mit 2,15 Millionen Betroffenen. Wie viele Anzeigen von Kurzarbeit sind im Zuständigkeitsbereich der Agentur für Arbeit Konstanz-Ravensburg bisher eingegangen?

In ganz Baden-Württemberg sind in der vergangenen Woche um die 11 400 Anzeigen auf Kurzarbeit eingegangen. Betroffen sind Betriebe aus nahezu allen Branchen, überwiegend aus Transport/Logistik, Hotel- und Gaststättengewerbe, Messebau und Tourismus. In Baden-Württemberg sind außerdem die Bereiche Metallbau und Automotive stark betroffen. Viele Unternehmen, insbesondere kleine und mittlere Betriebe, sind das erste Mal überhaupt mit Kurzarbeit konfrontiert und haben entsprechend viele Fragen. (Anmerkung der Redaktion: Auf die Landkreise heruntergebrochen liegen nach Angaben der Agentur für Arbeit keine Zahlen vor.)

Wie wird diese Zahl in den nächsten Tagen und Wochen ansteigen?

Wir rechnen damit, dass noch weitere Anfragen hinzukommen, es wäre jedoch unseriös über die Zahl zu spekulieren. Wichtig und vorrangig ist, die eingehenden Anzeigen zu Kurzarbeit so schnell wie möglich zu bearbeiten, damit das Geld bei den Unternehmen und Menschen ankommt.

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Wie bewältigen Sie innerhalb der Arbeitsagentur jetzt den zu erwartenden Ansturm?

Wir konzentrieren unsere Arbeit momentan auf zwei Bereiche: Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld. Geldleistungen für Kunden und Unternehmen haben Vorrang. Dafür haben wir die zuständigen Teams personell kräftig aufgestockt. Zudem haben wir eine weitere Service-Rufnummer eingerichtet, um unsere telefonische Erreichbarkeit zu verbessern. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die nicht unmittelbar in den Bereichen Kurzarbeitergeld und Arbeitslosengeld arbeiten, beantworten unter 0 75 31/58 57 00 alle Arten von Fragen. In der vergangenen Woche hat sich die Zahl der Anrufe verzehnfacht. Der Ansturm war auch technisch vorübergehend nicht mehr zu verarbeiten. Dies wird sich in den kommenden Tagen sicher verbessern.

Wer kann momentan Kurzarbeit beantragen? Welche Voraussetzungen müssen gegeben sein?

Kurzarbeit beantragt der Arbeitgeber. Der Bundestag hat dazu ein neues Gesetz auf den Weg gebracht. Rückwirkend zum 1. März können Betriebe Kurzarbeit bereits nutzen, wenn nur zehn Prozent der Beschäftigten vom Arbeitsausfall betroffen sind. Die neue Regelung gilt auch für Leiharbeiter. Alles Weitere klären unsere Mitarbeiter, wenn die Anzeige auf Kurzarbeit bei uns eingeht.

Mit 60 beziehungsweise 67 Prozent ihres normalen Gehalts könnten Arbeitnehmer mit kleinen Einkommen schnell an ihre Grenzen kommen. Was wünschen Sie sich von der Politik, um Arbeitnehmern Hilfe zukommen zu lassen? Welche Möglichkeiten sehen Sie hier als Arbeitsagentur?

Eine Erhöhung des Kurzarbeitergelds oder andere Maßnahmen sind Aufgabe der Politik. Wir begrüßen alles, was den einzelnen Menschen hilft und möglicherweise Last von der Grundsicherung nimmt.

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Was wünschen Sie sich ganz persönlich für die kommenden Wochen?

Das Wichtigste ist, dass wir alle gesund bleiben und uns auf die wesentlichen Dinge konzentrieren. Jeder soll für sich selbst sehr verantwortungsvoll handeln und genau schauen, welchen Beitrag er oder sie leisten kann. Dazu gehört für mich, sich solidarisch verhalten, füreinander da sein und diejenigen unterstützen, die Hilfe brauchen. Wenn wir uns vernünftig verhalten, können wir die Pandemie schneller eindämmen. Wir sind dann stark, wenn es uns gelingt, Egoismus zurückzustellen und das Wohl aller im Auge behalten.

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