Bodenseekreis – "Kilchberg" rufen die Narren, "Ahoi" rufen die Zuschauer. Auf "Iris!" antworten sie "Blau!", auf "Berg auf!" "Berg ab", auf "Kaukau!" "Oho!". Das macht vor allem Spaß, zeigt aber auch, woher die Narren kommen: Kilchberg erinnert an die Zeit Ettenkirchs als Filialkirche Ailingens, im Eriskircher Ried blüht die blaue Iris, Berg liegt auf dem Berg und wer aus Kau kommt, muss auch "Kaukau" sagen. Gern kommt der Dialekt zum Tragen: "Wa muinet'r – Hawellaweag" der Narrengilde Schussentaler Reute heißt für Uneingeweihte: "Was meint ihr – es ist halt so!" Manche beziehen sich auf ihre Masken: das "Moscht – Obscht!" der Ahausener spiegelt die Äpfel und Birnen auf den Köpfen der Hästräger. Bodnegger Narren backen ihre Masken aus Brotteig und rufen "Brot her – d'Burnegger sind do": eine Referenz an viele Mühlen in der Umgebung und an die lange herrschende Armut.

"Narrenrufe festigen die Identität der eigenen Zunft", sagt Willi Huster, Fasnetskenner und Archivar der Friedrichshafener Narrenzunft Seegockel. "Ein Ruf muss fetzig sein, Spaß machen und eindeutig sein. Ein Ruf hat immer zwei Teile, auf den Ausruf muss etwas zurückkommen." Er hat beobachtet, dass vor allem jüngere Zünfte unterschiedliche Rufe haben. Die alten Zünfte haben fast alle "Narri-Narro!". "Die brauchten das nicht. Früher wurde die Fasnet im Dorf gefeiert, da kannte jeder jeden und jeder hat mitgemacht." Ausnahmen finden sich in Meersburg und Überlingen. Schon 1360 spricht eine Urkunde von der Meersburger "Vasnaht". "Schnabel – Schnabel – Giere!" rufen sie dort. Der Schnabelgiere sieht aus wie eine Art Storch.

Sein langer Schnabel könnte seinen Ursprung in Pestmasken haben, die andere Personen aus Sorge vor Ansteckung auf Abstand hielten. Die Überlinger, deren Fasnet im Jahr 1430 Eingang ins Vormerkbuch des Ratsschreibers fand, jubeln seit Jahrhunderten "Juhu" – kurz für das Jucken und Juchzen der Hänsele.

 

Beim heutigen "Fasnetstourismus" sei es vielen wichtig, Leute an der Straße zu haben, sagt Huster. Dort sei die Abgrenzung von anderen Vereinen wichtig. "Aber das ist nicht der tiefere Sinn der Fasnet. In der Fasnet geht es um die Vermummung, man darf nicht erkannt werden. Ein anderer wesentlicher Teil ist das Strählen, dem anderen den Spiegel vorhalten. Das heißt, der Narr, der den anderen anspricht, muss ihn kennen. Das ist bei einem großen Narrensprung gar nicht mehr möglich." Die meisten Rufe entstanden nach dem Krieg. "Die Entscheidungen wurden oft am Stammtisch getroffen", vermutet Huster. Von Tettnang heißt es, auf der Suche nach einem Slogan hätten sich zwei angesäuselte Tettnanger auf "Montfort – Juhe!" einigen wollen. Wegen des Alkoholpegels wurde das zu "Montfort – Jehu". Dabei blieb es.

Oft nehmen die Rufe Bezug auf Gestalten der heimischen Sagenwelt: Der Ruf "Hasle Maa – Kumm rab!" aus Stetten erinnert an den Haslemann. Er soll ein armer Korbflechter gewesen sein, der seine Weiden illegal in umliegenden Wäldern schnitt. Als aufgebrachte Besitzer ihn erwischten, kletterte er auf einen Baum und starb, als dieser gefällt wurde. Zur Strafe für seinen unehrlichen Lebenswandel irrt er als Geist im Wald umher. Das Ailinger "Ali – Gero" bezieht sich auf das Gehrenmännchen. Es soll zur Zeit des 30-jährigen Kriegs am Gehrenberg gewohnt haben. Als schwedische Soldaten Frau und Kinder ermordeten, wurde es vor Schmerz fast verrückt. Es zog in eine Höhle und verdingte sich auf den umliegenden Höfen. "Im Gehrenmännlesloch bin ich als Kind gewesen, heute ist die Höhle stark einsturzgefährdet", sagt Huster. Der Räuber Xaver Hohenleiter, der zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit seiner Bande die Gegend unsicher machte, wurde der "Schwarze Vere" genannt. Er steht Pate für die Ravensburger Schwarze Veri Zunft. Die zentralen Figuren sind der "Schwarze Veri" und seine Kumpane nebst "Räuberbräuten", ihr Ruf: "Kolba hoch – Verio!"

Husters eigene Zunft ruft ein Wortspiel: "Gockelores – Kikeriki" ahmt die Laute des Wappentiers nach. Dahinter steckt aber auch "Kokolores", ein altes Wort für Unsinn und Narretei. Wortwitz steckt in "Schussental – Hexenschuss!" der Mariabrunner Schussenhexen oder im "Tannenzäpfle – Heidenei!" der Raderacher Wald-Schrate: Ob der Ruf eine Referenz an den Wald ist, den die Maske versinnbildlicht, oder an das Bier, kann jeder selbst entscheiden.

 

Gruß unter Narren

"Narri-Narro" ist der traditionelle Ruf der alteingesessenen Zünfte im Schwäbisch-Alemannischen. Der Narrenruf ist Gruß und Erkennungszeichen der Narren, so wie sich früher Handwerker auf der Walz oder fahrende Studenten grüßten. Der Ruf stellt eine lautmalerische Erweiterung von "Narr" dar. Das alte im Süden gesprochene Oberdeutsch hängte zur Verstärkung ein "o" oder "io" an Hilfe- oder andere Rufe. Beispiele sind "Feurio!", "Mordio" oder "Manno". Im Bodenseekreis ist etwa die Narrenzunft Markdorf – 1488 als "Bruderschaft zum Scheublintisch" beschrieben und 1885 offiziell gegründet – mit "Narri–Narro!" dabei. Auch die Immenstaader Hennenschlitter, deren närrisches Treiben schon 1848 einen Eintrag ins Polizeiregister bewirkte, rufen "Narri–Narro!" .