Wer in der Region den Gesang einer Lerche hören will, muss inzwischen lange suchen oder weit fahren. Der „Vogel des Jahres 2019“ hat sich so rar gemacht, dass ihm der Titel des Naturschutzbunds Deutschland (Nabu) nach 1998 sogar schon zum zweiten Mal verliehen wurde. Es sei Gefahr im Verzug, sagt Biologe Franz Beer: „Früher hat man im Mai über allen Feldern die Lerchen gehört. Inzwischen muss man sie regelrecht suchen – und tut es meist vergeblich.“ Im östlichen Bodenseekreis sei die Feldlerche vollkommen verschwunden. Allenfalls im Westen, im oberen Linzgau, könne man vielleicht mit viel Glück noch einen der lautstarken Sänger entdecken.

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Vortrag zum Schutz der Vögel mit Naturschützern, Biologen und Bäckereibetrieb

„Jubilierende Lerchen – wie holen wir sie zurück?“, lautet daher der Titel eines Informationsabends am Montag, 20. Mai, um 19.30 Uhr in Salem, den die BUND-Gruppen aus Markdorf, Salem und Überlingen/Sipplingen/Owingen gemeinsam mit dem Nabu Überlingen und der Bäckerei Baader (Frickingen) veranstalten. „Kann die Landwirtschaft unsere Artenvielfalt erhalten?“, ist die entscheidende Frage, auf die sich die Naturschützer vor allem von dem Tübinger Diplombiologen Mathias Kramer Antworten erhoffen. Er wird in einem Vortrag die Lebensraumansprüche erläutern und Möglichkeiten zur Förderung der Feldlerche in der Agrarlandschaft aufzeigen. Bäckermeister Josef Baader wird über seine Erfahrungen mit dem Projekt Linzgau-Korn sprechen, das den Bauern bessere Erlöse und den Insekten schon seit einigen Jahren zumindest einige blühende Ackerstreifen beschert.

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Seltene Arten verschwinden zuerst

Biologe Franz Beer ist Vorstandsmitglied des Bunds für Umwelt- und Naturschutz in Markdorf und war Lehrer für Biologie, Chemie und Geografie am dortigen Gymnasium. Nicht nur viele Naturschutzprojekte rund um das Leimbacher Ried sind eng mit seinem Namen und seinem Engagement verknüpft. Umso ernüchterter wirkt er, wenn er auf die vergangenen Jahrzehnte zurückblickt. „Die Natur stirbt bei uns ganz leise“, sagt Beer. „Das ist nicht so wie in den Tropen. Bei uns stirbt die Natur langsam. Als erstes verschwinden die Seltenheiten und alle Arten, die Kolonien bilden.“ Als Beispiel nennt Beer den Kiebitz, der wie die Feldlerche ein Bodenbrüter ist und früher im Salemer Tal ein Zuhause hatte. Einzelne Brutpaare seien gar nicht überlebensfähig, da sie sich nur in der Gruppe gegen Feinde erfolgreich zur Wehr setzen könnten.

„Die Natur stirbt bei uns ganz leise.“ – Franz Beer, Vorstandsmitglied des BUND Markdorf
„Die Natur stirbt bei uns ganz leise.“ – Franz Beer, Vorstandsmitglied des BUND Markdorf | Bild: Hanspeter Walter

Feldlerche findet kaum noch Nahrung und Brutplätze

Bei der Feldlerche sei es vor allem die Intensität der Bewirtschaftung, die ihr die Luft zum Atmen und den Raum zum Leben nehme. Dabei hätte sie laut Franz Beer aufgrund ihrer kurzen und schnellen Brutfolge die besten Voraussetzungen, auch schwierige Situationen zu überdauern. „Die Feldlerche könnte daher sogar den Verlust mehrerer Bruten verschmerzen“, erklärt der Biologe. „Schon nach 14 Tagen ist die Brutzeit zu Ende, die Fütterungszeit ist sehr kurz, da die Jungen Nestflüchter sind.“ Allerdings fänden sie inzwischen aufgrund des Pestizideinsatzes rund um ihre Nester keine Nahrung mehr. Die Felder seien zudem viel zu dicht bewachsen.

Als Bodenbrüter braucht die Feldlerche etwas Bewegungsfreiheit, einen Überblick und Nahrung für den Nestflüchter-Nachwuchs. An all dem fehlt es inzwischen auf den schnell wachsenden und sehr dicht bepflanzten Getreidefeldern.
Als Bodenbrüter braucht die Feldlerche etwas Bewegungsfreiheit, einen Überblick und Nahrung für den Nestflüchter-Nachwuchs. An all dem fehlt es inzwischen auf den schnell wachsenden und sehr dicht bepflanzten Getreidefeldern. | Bild: Nabu

Getreidepflanzen stehen zu dicht

Die natürliche Heimat der Lerche waren ursprünglich die Weiten Asiens, zum Beispiel Kasachstan, erklärt Biologe Franz Beer. Erst die Landwirtschaft habe für den Bodenbrüter die neuen luftigeren Lebensräume in Mitteleuropa geschaffen. Nun führe die Intensität der Nutzung wiederum dazu, dass die Lebensräume zerstört werden. Zu schnell wachsen die Getreidepflanzen, zu dicht stehen sie, sodass der Bodenbrüter kaum noch Platz, geschweige denn einen Überblick über die Umgebung hat. Beer: „Die Vögel müssen ja auch etwas sehen können.“

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Die Feldlerche sei ein Kulturfolger wie der Feldhase oder auch viele seltene Pflanzen, die ihre Existenz der Art der Bewirtschaftung verdanken und deren Lebensräume nun gegen eine zu intensive Nutzung verteidigt werden müssen. Franz Beer ist überzeugt: Wer dem kraftvollen Gesang des Vogels einmal längere Zeit gelauscht hat, der würde ihn gerne häufiger hören.

Hier gibt es einen kleinen Vorgeschmack: https://www.deutsche-vogelstimmen.de/feldlerche/

Die Ursachen aus Sicht des Nabu

  • Zu wenige Brachflächen: Eine der Ursachen für das Verschwinden der Lerchen sieht der Nabu im rasanten Rückgang von vorübergehend unbewirtschafteten Brachflächen, auf denen Feldlerchen ihren Nachwuchs aufziehen können. Waren Anfang der 1990er Jahre in Westdeutschland noch bis zu zehn Prozent und in Ostdeutschland bis zu 20 Prozent der landwirtschaftlichen Flächen Brachen, zählte man 2015 nur noch 1,7 Prozent. In der gleichen Zeit nahmen die Anbauflächen von Mais zu, der für Vogelarten keine geeigneten Brut- oder Nahrungsmöglichkeiten bietet. Hielten sich im Jahr 1990 noch Brach- und Maisanbauflächen die Waage, gab es 2010 bereits 20 Mal mehr Maisflächen als Brachen.
  • Anbau von Wintergetreide: In den vergangenen Jahrzehnten wurde der Getreideanbau zum größten Teil von Sommergetreide auf ertragreicheres Wintergetreide umgestellt. Neue Sorten und die Anwendung von Pestiziden und Dünger machten es möglich. Wintergetreide wird früher im Jahr so hoch und dicht, dass Feldlerchen dort nicht zwei oder drei Mal brüten können, da sie keine Landemöglichkeiten in den hohen Beständen finden. Die Folge: Lerchen weichen zur Brut auf vegetationsfreie Fahrspuren aus, wo ihre Nester bei der Feldbearbeitung oftmals vom Traktor überrollt werden.