An was ein Mensch glaubt, entscheidet er selbst. Wo aber wird der Glaube ausgelebt? Das liegt meist nicht in eigener Hand. Zumindest nicht, wenn die Eltern zu einer der Volkskirchen gehören. Die beiden Möglichkeiten: Protestant oder Katholik. Reingetauft, nennt das Thomas Dauwalter.

Er ist Pastor der Kiche Lindenwiese mit Sitz im Überlinger Teilort Bambergen. In seiner evangelischen Freikirche haben sich alle Menschen bewusst für ihre Taufe entschieden. Eine Gemeinschaft der Glaubenden, so seine Definition. Die juristische Definition klingt weltlicher – es ist ein Verein.

Lindenwiese setzt auf modernen Gottesdienst

Eine Rechtsform, der viele Freikirchen angehören. Mitglieder bekommt keiner geschenkt, dafür muss gearbeitet werden. Ihre Spenden sichern die Existenz. Ihr Ehrenamt stärkt die Gemeinde. Die Herausforderung: Freikirchen müssen ihren Glauben attraktiv präsentieren. Drei Beispiele aus der Region zeigen auf, wie das gelingen kann und soll.

Thomas Dauwalter setzt auf Innovation und Beteiligung. Das funktioniert. Bei seiner ersten Predigt im Jahr 1994 waren 50 Menschen anwesend, heute kommen rund 200.

Thomas Dauwalter, Pastor der Kirche Lindenwiese: "Wir müssen Jesus in der heutigen Zeit auf eine Art und Weise verkörpern, wie die Menschen ihn verstehen."
Thomas Dauwalter, Pastor der Kirche Lindenwiese: "Wir müssen Jesus in der heutigen Zeit auf eine Art und Weise verkörpern, wie die Menschen ihn verstehen." | Bild: Kares, Julian

Der Gottesdienst zeigt exemplarisch das Erfolgsrezept auf. Eine große Leinwand steht im Saal neben dem einfachen Holzkreuz. Darauf können Liedtexte oder Filme projiziert werden. Eine Kamera nimmt die Predigten auf, sie sind im Internet live zu sehen. Statt einer Orgel gibt es eine Band mit Schlagzeug und Gitarre. An all dem sind die Mitglieder beteiligt. Sie sollen ihre Begabungen in die Gemeinde einbringen, so Dauwalter.

Das moderne Auftreten erklärt der promovierte Theologe wie folgt: „Wir müssen Jesus in der heutigen Zeit auf eine Art und Weise verkörpern, wie die Menschen ihn verstehen. Das bedeutet zeitgemäße Musik und Sprache, dazu Themen, die für die Menschen im Alltag und ihrem Leben wichtig sind.“

Pastor sieht Gefahr in übermäßiger Kultur

Eine Kirche, die frisch, jung und dynamisch wirkt. Ein nicht ganz billiges Erscheinungsbild. Ein Werbeunternehmen gestaltete das Logo der Freikirche neu, dazu ist die Homepage professionell überarbeitet worden. Die Kosten liegen im fünfstelligen Bereich. Aber übertreiben will es Pastor Dauwalter nicht: „Es ist gefährlich, wenn man in der Kultur aufgeht und nicht mehr in der Kultur ist. Wenn der Glaube zur Befriedigung der persönlichen Suche genutzt wird. Aber in einer Gemeinde muss man auch den Mitmenschen dienen. Das leben wir.“

Senfkorn-Gemeinde wird zur Heli-Church

Bis zu der Größe der Lindenwiese ist es für Ben Matutis und die Gemeinde seiner Freikirche noch ein Stück. Doch sie ist auf dem Weg, wie der Jugendleiter der Senfkorn-Gemeinde Überlingen findet. Ein erster Schritt für ein moderneres Auftreten in der Öffentlichkeit ist die kürzlich vollzogene Umbenennung in Heli-Church.

„Viele verbinden eine Freikirche wegen ihres Namens mit einer Sekte. Wir wollen uns von diesem Vorurteil lösen.“ Im Moment gibt es 60 bis 70 Mitglieder in der Freikirche, deren Ursprung bei den Baptisten liegt.

Ben Matutis, Jugendleiter der Heli-Church: „Viele verbinden eine Freikirche wegen ihres Namens mit einer Sekte. Wir wollen uns von diesem Vorurteil lösen.“
Ben Matutis, Jugendleiter der Heli-Church: „Viele verbinden eine Freikirche wegen ihres Namens mit einer Sekte. Wir wollen uns von diesem Vorurteil lösen.“ | Bild: Kares, Julian

Muslime und Jesiden werden betreut

Die Gottesdienste sind persönlicher, da die Gemeinde kleiner ist. Auch der Pastor der Lindenwiese, Thomas Dauwalter, predigt hier ab und zu. Dann ohne großen Tamtam. Ben Matutis beschreibt seine Freikirche als offene Gesellschaft. Jeder kann kommen. In seiner Arbeit als Jugendleiter der Gemeinde betreut er seit Kurzem eine Gruppe von Flüchtlingen. Sie sind zum Teil Jesiden oder Muslime. Ben Matutis sagt: „Ziel ist es, den Leuten ein Zuhause zu geben.“ Eine Werbe-Kampagne, um sich der Öffentlichkeit zu präsentieren, finde er nicht hilfreich. „Neue Mitglieder kommen zu uns durch persönliche Gespräche und Vertrauen.“

Moderne Medien verändern die Jugendarbeit

Es ist eine Aussage, die von Simon Höfli stammen könnte. Der Pastor der Mennoniten in Owingen betreut 42 Mitglieder. 26 Kilometer entfernt in Messkirch gibt es eine zweite Gemeinde mit 46 Mennoniten. Die evangelische Freikirche stammt wie die Lindenwiese aus der Täuferbewegung.

Eine große Stütze ihrer Gemeinde ist die Jugendarbeit. Es gibt Freizeiten, Fußballturniere und eine Kinderbetreuung ab drei Jahren. In Owingen kann die Mitgliederzahl stabil bei rund 40 Leuten gehalten werden, meint Pastor Höfli. Mit den jungen Menschen stärken sie ihre Wurzel. Um das weiterhin zu schaffen, muss sich auch seine Kirche verändern.

„Jetzt läuft alles über Whatsapp und Snapchat. Darauf muss man sich einstellen und mitgehen.“ Ob aus den Kindern und Jugendlichen später ein Mitglied wird, kann niemand sagen. Denn das ist der Geist der Freikirche: Jeder darf entscheiden, wo der eigene Glaube ausgelebt wird.

Regine Klusmann ist Dekanin des Kirchenbezirks Überlingen-Stockach und sagt: "Der Anspruch, Kirche muss für alle da sein und entsprechend viele Angebote machen, wie eigene Gottesdienste für alle Gruppen und Altersklassen ist überfordernd."
Regine Klusmann ist Dekanin des Kirchenbezirks Überlingen-Stockach und sagt: "Der Anspruch, Kirche muss für alle da sein und entsprechend viele Angebote machen, wie eigene Gottesdienste für alle Gruppen und Altersklassen ist überfordernd." | Bild: Kares, Julian

Interview mit Regine Klusmann, Dekanin des Bezirks Überlingen-Stockach-Pfullendorf: „Wir sind nicht mehr staubtrocken.“

Viele Freikirchen sind als Vereine organisiert und müssen um Mitglieder werben. Ist das eine Gefahr für die evangelischen Landeskirchen?

An den Zahlen ändert sich dadurch nicht unbedingt etwas. Aber es ist auch nicht mehr selbstverständlich, dass die Menschen einfach zu uns gehören. Uns ist bewusst, dass es einen Wandel gibt. Viele Eltern überlegen, ob sie ihr Kind taufen lassen. Und wenn ja, in welcher Konfession und welcher Kirche sie sich zuordnen wollen. Und wir müssen in unseren Formen und Angeboten flexibler werden.

Können Sie dabei von der Arbeit einer Freikirche etwas lernen?

Dass man wirklich auf die Menschen eingeht, die zu einem kommen. Ich glaube auch, dass lockere Formen wie bei der Hillsong-Church Leute begeistern. Das gibt es bei uns aber auch. Unsere Jugendgottesdienste im Bezirk können da mithalten. Wir sind nicht mehr staubtrocken und veraltet. Doch natürlich haben wir Menschen, die den hochkirchlichen Gottesdienst lieben oder die bunten Messen für die Familie. Wir müssen allen etwas bieten.

Gibt es für Sie freikirchliche Angebote, die bedenklich sind?

Ich sehe schon einige Fragezeichen, wenn beispielsweise die Siebenten-Tags-Adventisten eine eigene Grundschule aufbauen wollen. Meine Bedenken sind, dass Kinder von klein auf ohne andere Sichtweise erzogen werden. Bei manchen kleinen Freikirchen ist die finanzielle Abhängigkeit des Pastors zur Gemeinde nicht ganz einfach. Er würde vielleicht gerne Sachen predigen, die aber von der Gemeinde abgelehnt werden.

Fragen: Julian Kares