Sie sehen aus wie riesige Eistüten, sind zwischen acht und 15 Meter hoch und nach Ansicht einiger Landwirte am Bodensee die "Allzweckwaffe" gegen Hagelgewitter. Auf dem Haldenberg beim Friedrichshafener Ortsteil Ailingen steht eine dieser Hagelkanonen, die in einer Reihe bis nach Ravensburg wie eine Phalanx von insgesamt fünf rostigen Kriegern im Kampf gegen himmlische Geschütze körnigen Eises den östlichen Bodenseekreis vor kosmischen Kapriolen absichern soll.

Aus Hergottsweiler bei Wasserburg stammt die Hagelhaubitze. „Ein Landwirt hatte sie damals verkauft, weil die Nachbarn sich bedroht fühlten.“ Nicht des Krachs wegen, sondern des „vertriebenen“ Regens wegen. „Alles Aberglauben!“, sagt Silvia Knoblauch, deren verstorbener Mann 2001 zusammen mit fünf Landwirten die gigantische Knalltüte für kleines Geld erworben hatte.

Ohrenbetäubender Knall – und das alle 20 Sekunden

Heute bedient sie die Kanone selbst. Das Wort ohrenbetäubend bekommt in diesem Zusammenhang eine ganz neue Qualität. Silvia Knoblauch hält ihre Ohrenschützer in der Hand, während sie das Innenleben der überdimensionierten Eistüte erklärt. „Man kann die Kanone heutzutage per Fernzünder aktivieren“, sagt sie. Der Zünder sei leider seit diesem Jahr defekt. Da nütze selbst die moderne Technik nichts. Was für sie in diesem gewittergeladenen Frühjahr bislang soviel bedeutete, wie persönlich Hand anzulegen am roten Knopf. „Wenn ich den Schalter umlege, dann heißt es nur noch raus hier“, sagt Silvia Knoblauch lachend. Im Inneren dieser stählernen Kommandozentrale wäre der Knall selbst mit Ohrenschützern zu laut.

„Man kann die Kanone heutzutage per Fernzünder aktivieren“, sagt Landwirtin Silvia Knoblach. Der Zünder sei leider seit diesem Jahr defekt. Sobald sie den Zünder aktiviert hat, heißt es: schnell raus.
„Man kann die Kanone heutzutage per Fernzünder aktivieren“, sagt Landwirtin Silvia Knoblach. Der Zünder sei leider seit diesem Jahr defekt. Sobald sie den Zünder aktiviert hat, heißt es: schnell raus. | Bild: Helga Stützenberger

Der Schall soll die Luftschichten durchmischen

Bis Silvia Knoblauch den Schalter zurücklegt, schickt die Hagelkanone in einem Abstand von 20 Sekunden ihre Geschosse gen Gewitterzelle. Ist das zur Explosion gebrachte Propangas verpufft, ist nur noch ein sonores Sirren zu vernehmen, das schließlich verhallt. „Dann ist die Schallwelle oben angekommen“, sagt Silvia Knoblauch. Mit „oben“ meint sie in einer Höhe von 3000 Metern. So hoch sei die Reichweite der Kanone. Hoch genug, um die unterschiedlichen Luftschichten zu durchmischen und die gefrorenen Partikel in niedrigeren Gefilden zum Abregnen zu bewegen, sagt sie. „Kalter Regen zwar, aber kein Hagel!“

Einen passiven Schutz vor Hagel bieten seit einiger Zeit Hagelschutznetze. Warum also mit Netz und doppeltem Boden gegen den Hagel in den Krieg ziehen? „Der Hagel kann teilweise so stark sein, dass die Netze einfach darunter zusammensacken würden“, erklärt Silvia Knoblauch. Auch sei diese Schutzmaßnahme bis vor ein paar Jahren ein sehr teures Unterfangen gewesen. Ein Hektar Netz lag bei rund 20 000 Euro. „Seit einiger Zeit werden wir beim Hagelschutz von der Genossenschaft zu einem Drittel subventioniert“, räumt sie ein. „Allerdings sind wir dadurch für die nächsten Jahre an die Genossenschaft gebunden.“ Das sei der Nachteil dieses Kuhhandels. „Vor 18 Jahren waren Hagelnetze noch kaum verbreitet, und meinem Mann waren sie in unserer Bodenseelandschaft ein Dorn im Auge.“

Silvia Knoblauch zeigt die Propangasflaschen. Das Gas wird in der Hagelkanone zur Explosion gebracht, so entsteht der laute Knall.
Silvia Knoblauch zeigt die Propangasflaschen. Das Gas wird in der Hagelkanone zur Explosion gebracht, so entsteht der laute Knall. | Bild: Helga Stützenberger

Früher sollte Glockengeläut die Unwetter vertreiben

Heute ragt ein anderer Dorn gen Himmel. „Früher hat es im Schnitt nur zwei mal in zehn Jahren richtig gehagelt“, sagt Silvia Knoblauch und blickt auf das Schrapnell. Mit früher meint sie vor rund 40 Jahren, als „Klimawandel“ noch ein Fremdwort war. „Aber jetzt“, wirft sie einen bangen Blick gen Himmel, „hagelt es ständig.“ Wo einst mit Glockengeläut die Unwetter durch Schallwellen vertrieben werden sollten, wird am Bodensee noch immer auf dieselbe Macht gesetzt.

„Mein Mann sagte immer, wenn der Flügelschlag eines Schmetterlings einen ganzen Orkan auslösen kann. Warum sollten wir dann nicht auf die Kraft einer Hagelkanone vertrauen?“ Mit dem Schmetterling mithalten könne man damit allemal, davon ist sie überzeugt. „Der Rest ist Glaubenssache.“ Und ob man's glaubt oder nicht, in all den Jahren, seit die Kanone den Haldenberg schützen soll, habe es kein schlimmes Hagelgewitter gegeben. „Bisher haben wir's immer verhebt“, sagt Silvia Knoblach. Für ihren Mann sei es stets wichtig gewesen, frei nach Hermann Hesse das Mögliche zu versuchen, damit das Unmögliche geschehe. „Alles ist besser, als nichts zu tun“, ist sie auch heute der Ansicht.

Studien gibt es nicht

Was für viele nach Aberglauben klingt, tönt bei den Besitzern solcher Hagelkanonen ganz anders. „Studien darüber gibt es keine“, sagt Silvia Knoblauch, „denn wie ließe sich auch beweisen, dass es ohne die Kanonenschüsse gehagelt hätte?“ Allerdings sei auch sie des Glaubens, dass es lediglich möglich sei, kleinere Hagelzellen zu zerschlagen. Bei gewaltigen Gewitterfronten sei dieses Unterfangen recht aussichtslos. „Tatsächlich konnten wir auf dem Wetterradar schon beobachten, wie sich nach dem Beschießen der Zelle die Wolken teilten und sich wie ein Hufeisen um das Zentrum legten“, sagt die Landwirtin.

Ist's also Glückssache, ob's hagelt oder nicht? „Bei kleinen Gewitterzellen glaube ich, dass es wirklich funktioniert“, sagt Silvia Knoblauch. Große Gewitterfronten freilich – und davon ist die Ailingerin überzeugt – ließen sich mit solcherart Hagel-Homöopathie selbstverständlich nicht in heiße Luft auflösen. Aber an manche Dinge müsse man einfach glauben. Wie an die Hagelkanone aus Herrgottsweiler.

Das sagt der Physiker: "Normaler Luftdruck 50 000 Mal höher als der Schalldruck einer Kanone"

Jörg Angrik, Physiker aus Markdorf
Jörg Angrik, Physiker aus Markdorf

„Physikalisch betrachtet sind die Wirkungen von Hagelkanonen eher gering“, sagt Jörg Angrik aus Markdorf. Zunächst sei nicht klar, ob überhaupt eine Detonations- beziehungsweise Stoßwelle, wie sie ansonsten bei gewaltigen Explosionen entstehe, ausgesandt werde. „Bei einer Stoßwelle bewegt sich Luft, ähnlich einem Windstoß, von der Detonationsquelle weg“, erklärt der Lehrer. In jedem Fall gehe diese Welle nach wenigen hundert Metern in eine gewöhnliche, sich mit Schallgeschwindigkeit ausbreitende Schallwelle über. „Und deren Schalldruck ist nicht sonderlich hoch.“

In der Physik sei Schall lediglich eine Änderung des Luftdrucks, welcher sich wellenartig ausbreite. Der Standard-Luftdruck liege bei 100 000 Pascal (Pa). Der Schalldruck einer 100 Dezibel (dB) lauten Schallquelle beträgt 2 Pa, was ungefähr dem der Hagelkanone entspreche. „Der normale Luftdruck ist also schon 50 000 Mal höher als der Schalldruck einer Kanone“, zieht er den Vergleich. Dazu komme, dass sich mit zunehmender Entfernung von der Quelle der Schalldruck schnell vermindere. Messe man zum Beispiel in 100 Metern Entfernung zur Hagelkanone einen Pegel von 100 dB, also 2 Pa, sei das in 200 Metern Entfernung lediglich noch 1 Pa Schalldruck. Nach 3000 Metern (so weit soll die Druckwelle der Hagelkanone reichen) läge der Schalldruck lediglich noch bei 0,06 Pa. „Man kann sich also vorstellen, dass das Hagelschießen eher wenig Einfluss auf eine Gewitterzelle haben kann“, sagt der Physiker. Sogar Donner, der unmittelbar in den Wolken entstehe und der einen zehnfach höheren Schalldruck als eine Hagelkanone ausübe, schaffe es nicht, das Unwetter zu vertreiben. „Ansonsten müsste sich jedes Gewitter nach den ersten Donnerschlägen unmittelbar selbst auflösen.“

Das sagt der Meteorologe: „Das hilft nahezu gar nichts"

Roland Roth, Betreiber der Wetterwarte Süd in Oberschwaben
Roland Roth, Betreiber der Wetterwarte Süd in Oberschwaben

„Vom gesellschaftlichen Aspekt her hat die Hagelkanone tatsächlich eine einschlagende Wirkung“, sagt Roland Roth, der die Wetterwarte Süd in Oberschwaben betreibt, lachend. „Ich habe mir selbst eine dieser Kanone angeschaut und mich mit ein paar Landwirten bei Kressbronn getroffen. Das war für mich ein unvergessliches Erlebnis. Man sitzt zusammen bis spät in die Nacht, lacht und trinkt, schaut in den Himmel und redet viel übers Wetter und über Gott und die Welt“, erinnert sich Roth gerne an den lauen Sommerabend.

„Auf jeden Fall schweißt so eine Kanone zusammen“, scherzt er. „Dass sie aber Hagelwolken auflösen kann, ist nichts als Glaubenssache.“ Roland Roth erachtet so eine Wundertüte als vollkommen ungeeignet im Kampf gegen die himmlischen Geschosse. „Das hilft nahezu gar nichts“, weiß er aus meteorologischer Sicht. Gewitterwolken seien rund zwölf Kilometer hoch, „das ist eine immense Dimension!“ Eine Schallwelle, die von einer Kanone verursacht würde, könne dabei rein gar nichts ausrichten. Und der Glaube, die Schallwelle würde die unterschiedlichen Luftschichten einer Gewitterzelle durchmischen, sei nichts als ein Irrglaube. „Eine Gewitterzelle wird schon allein durch die gewaltigen Aufwinde, die darin entstehen, permanent durchgemischt“, erklärt Roth. „Warme Luft steigt nach oben, die Wolken türmen sich dadurch auf, und dabei wird tonnenweise Wasserdampf frei.“ Das sorge für die stete Durchmischung der Luftschichten in einer Wolke. Er selbst erachte gegen den Hagel den Einsatz von Hagelfliegern weit sinnvoller. „Die Wolken mit einem Silberjodid-Aceton-Gemisch aus der Luft zu impfen, ist mittlerweile sogar wissenschaftlich bewiesen“, sagt er zu dieser bislang ebenfalls umstrittenen Methode.