„Das ganze Geschehen holt mich jede Nacht wieder ein. Ich wache auf, schweißgebadet, und dann kommt der Katamaran auf mich zugefahren. Ich schaue nach oben, ich suche Blickkontakt, ich schreie, reiß' die Arme nach oben. Doch da oben ist niemand.“ So beschreibt Brigitte Lüth in ihrer Zeugenaussage am 5. September 2016 ihre Albträume. Drei Wochen vorher überlebten sie und ihr Mann Michael nur mit Glück eine Kollision ihrer Segelyacht mit dem Katamaran „Constanze“. Strafrechtlich ist die Akte geschlossen. Um den ausstehenden Schadensersatz muss das Ehepaar mit dem Versicherer der Reederei streiten. Das ist der Hauptgrund, warum sich Brigitte und Michael Lüth nach zweieinhalb Jahren entschlossen haben, ihre Geschichte zu erzählen. „Wir wollen endlich mit dieser Sache abschließen“, wünscht sich die 67-Jährige. Doch durch das lange juristische Nachspiel komme alles immer wieder hoch.

Die Segelyacht der Lüths, eine Faurby 330, die hier noch im Hafen ist.
Die Segelyacht der Lüths, eine Faurby 330, die hier noch im Hafen ist. | Bild: privat

Unfall am ersten Urlaubstag

Es ist der erste Urlaubstag für das Konstanzer Ehepaar an Bord ihrer Faurby 330. Geplant ist ein dreiwöchiger Bodensee-Törn. Sie segeln bei bester Sicht auf schnurgeradem Kurs von Meersburg in Richtung Romanshorn. Beide sehen den Katamaran auf Kurs Friedrichshafen, rechnen damit, dass er etwa 500 Meter vor ihnen vorbeifährt. Doch das Schiff ist schneller da, hält, wie die beiden erzählen, auf die Segler zu. „Meine Frau rief ‚der rammt uns‘. Da habe ich sofort eine Notwende nach Backbord eingeleitet“, erinnert sich Michael Lüth.

Der Katamaran hatte nach der Kollision sichtbare Schäden. Bild: Jeanne Lutz
Der Katamaran hatte nach der Kollision sichtbare Schäden. Bild: Jeanne Lutz | Bild: Jeanne Lutz

Yacht unter den Füßen weggesoffen

Augenzeugen bestätigen das. Ein segelerfahrener Arzt, der den Crash von der Bugreeling aus verfolgt, gibt zu Protokoll: Hätte der Segler dieses „Manöver des letzten Augenblicks“ nicht eingeleitet, wäre er mittschiffs unter den Katamaran geraten. Der donnerte ungebremst auf das Heck des Seglers. Rund 55 Tonnen gegen 5,5 Tonnen. Lüths berichten von einer Wasserwand, unter der sie verschwanden. „Unser Schiff wurde unter den Kat gedrückt, aufgeschlitzt und ist in Sekunden unter meinen Füßen weggesoffen“, erzählt Michael Lüth. Nicht nur für die Segler eine dramatische Situation: Der Mast der Yacht knallte laut Zeugenaussagen auf das Schiffsdach, verfehlte knapp einen an der Reeling stehenden Passagier.

Ein Trümmerteil der gesunkenen Yacht, eine Kabinentür, die angeschwemmt wurden. Bild: privat
Ein Trümmerteil der gesunkenen Yacht, eine Kabinentür, die angeschwemmt wurden. Bild: privat | Bild: privat

Katamaran rauscht ungebremst in die Yacht

„Wir hatten keine Chance.“ Michael Lüth schüttelt den Kopf. Der Kat rauschte mit 33 Stundenkilometern in die Yacht, die Schritttempo fuhr – ohne Warnsignal, ohne den Kurs zu ändern, stand in den Akten. Er hat 50 Jahre Segelerfahrung, war Regattaleiter und mit seiner Frau auf Ozeanen unterwegs. „Auf dem Panamakanal ist deutlich mehr los“, sagt der 72-Jährige. Und dann Schiffbruch auf dem Bodensee, in einer hochseetauglichen Yacht. „Ich war total von Sinnen, bis ich mit dem Kopf endlich wieder über Wasser war“, erinnert sich seine Frau.

An dieser Niedergangsleiter, die im Wasser trieb, hielt sich Michael Lüth fest, nachdem die Segelyacht gesunken war. Bild: privat
An dieser Niedergangsleiter, die im Wasser trieb, hielt sich Michael Lüth fest, nachdem die Segelyacht gesunken war. Bild: privat | Bild: privat

Ein dritter Mann auf der Schiffsbrücke

Warum der Schiffsführer des Katamarans den Segler unter voller Takelage nicht rechtzeitig registriert und reagiert hat, bleibt trotz eines Gutachtens des Dekra-Unfallsachverständigen Norbert Landthaler rätselhaft. Möglicherweise lag es daran, dass ein dritter Mann auf der Brücke war, ein Ingenieur, der den Schiffsführern das elektronische Bordbuch erläuterte. „Unsere These ist, dass auch der verantwortliche Schiffsführer, der eigentlich nach vorn schauen sollte, nach hinten zum Laptop gesehen hat“, sagt Hans Joachim Eckhardt, Fachanwalt für Verkehrsrecht von der Konstanzer Kanzlei Rheinhof Anwälte, der die Lüths vertritt. Das würde erklären, warum Brigitte Lüth kurz vor der Kollision niemanden auf der Brücke gesehen haben will.

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Segelboot war weithin erkennbar

Als Unfallursache gilt Augenblicksversagen. Dabei wurde gutacherlich festgestellt, dass das Segelboot weithin erkennbar war. Der zuständige Schiffsführer akzeptierte 2017 den Strafbefehl wegen fahrlässiger Gefährdung des Schiffsverkehrs in Tateinheit mit fahrlässiger Körperverletzung über 3600 Euro. Zu einer Hauptverhandlung kam es deshalb nicht, obwohl die Konstanzer Staatsanwaltschaft im Herbst 2016 von einem „lebensbedrohlichen Unfall“ sprach, der vollständig aufgeklärt werden müsse.

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Gutachter sieht Segler mit schuldig

Stattdessen wurde den Seglern vom Gutachter quasi eine Mitschuld gegeben. „Bei gebotener Aufmerksamkeit hätte sich eine bedrohliche Annäherung rechtzeitig erkennen lassen und durch eine Kursänderung eine unfallvermeidende Gegenmaßnahme einleiten.“ Kursänderung? Die Regeln auf dem Bodensee besagen, dass das Segelboot nicht nur Kurs halten muss, sondern im Freiwasser Vorfahrt hat. Rechtsanwalt Eckhardt meldete bei der Staatsanwaltschaft Zweifel an der Expertise des Gutachters wegen mangelnder seemännischer Kenntnisse an und wies darauf hin, dass das auch Auswirkungen auf die Schadensregulierung haben könnte.

Uneinigkeit über die Schadensumme

So kam es: Die Badische Versicherungen AG unterstellte den Seglern eine 20-prozentige Mitschuld am Unfall und bezahlte nur 80 Prozent des Zeitwerts der Yacht (ohne Inventar), der unstrittig bei 120 000 Euro liegt. Seit Juli 2017 ist der Fall beim Zivilgericht. „Ich glaube nicht, dass wir noch auf den 20 Prozent Haftung bestehen“, erklärt Günter Fröhlich, Bereichsleiter Schaden bei der BV AG, heute. Der Richter gehe von einer vollen Haftung der Reederei aus, sagt Rechtsanwalt Eckhardt. Doch über die „restliche“ Summe bestehe eben Uneinigkeit. Das Pauschalangebot von 35 000 Euro hätten die Geschädigten abgelehnt, so Fröhlich. Deshalb müssten sie nun nachweisen, welcher Schaden konkret entstanden sei.

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Kompletter Hausstand im See versunken

Das haben sie. Eine 21-seitige Liste mit rund 600 Posten liegt dem Gericht vor. Sie führt das Inventar an Bord mit einem Zeitwert von 55 000 Euro auf – vom Slip bis zum Laptop, was alles in 220 Metern Tiefe auf dem Grund des Bodensees liegt. Aber das ist es nicht allein: Statt Urlaub zu genießen, waren Lüths zwei Wochen damit beschäftigt, vom Ausweis über Autoschlüssel bis zur Gleitsichtbrille Ersatz zu besorgen. „Unser kompletter Hausstand ist im See versunken“, erklärt Brigitte Lüth. Und welchen Wert haben Schmerzen, Verletzungen und Albträume nach solch einem Unfall?

Die Reederei hätte freiwillig und ohne Anerkennung der Schuld Schadenersatz leisten können, sagt Günter Fröhlich. Mit Blumen und Wein haben sich die beiden Geschäftsführer der Katamaran-Reederei noch 2016 bei den Lüths entschuldigt, der Schiffsführer bis heute nicht. Das brauche es auch nicht mehr, sagt Brigitte Lüth. Nachtreten wolle man nicht. Aber erzählen, dass man als Opfer am Ende eben doch der Gelackmeierte ist.

Schiffbrüchige in der Zivilisation

Was passiert, wenn man vom Katamaran aus dem Bodensee gefischt wird? „Wir haben uns wirklich wie Schiffbrüchige gefühlt“, erzählt Brigitte Lüth.

  • Auf dem Katamaran: Die Rettung sei suboptimal verlaufen, sagt Michael Lüth, er habe sich letztlich allein aufs Schiff gezogen. Auf dem Katamaran hätten sie Decken bekommen, dank nasser Kleider darunter aber trotzdem vor Kälte geschlottert. In Friedrichshafen warteten zwei Sanitäter der Johanniter am Anleger, aber ins Krankenhaus wollten beide nicht, sondern mit dem Katamaran direkt zurück nach Konstanz. Auch hier habe ein Rettungswagen gestanden, erklärt ein Sprecher der Reederei, aber auch diesen habe das Ehepaar nicht in Anspruch genommen. Lüths streiten das ab: In Konstanz habe sie niemand erwartet.
  • Nach dem Unfall: Lüths erklären, dass sie unter Schock zunächst nur nach Hause wollten. Allerdings war dies ohne Geld, Handy, Schuhe oder Hausschlüssel überaus schwierig. Ohne die Hilfe von anderen Passagieren hätten sie sich nicht mal familiäre Unterstützung an Land organisieren können. „Wir sind barfuß und schlotternd zum Bahnhof gelaufen, wo unser Sohn uns abgeholt hat“, berichtet die Seglerin. Er habe sie nach Hause und – warm angezogen – dann ins Konstanzer Krankenhaus gefahren. Brigitte Lüth musste über Nacht in der Klinik bleiben. Sie trug von dem Unfall eine Gehirnerschütterung und Prellungen vor allem an der rechten Körperseite davon.
  • Stellungnahme der Reederei: Die Katamaran-Reederei erklärt, dass beide Schiffsführer bei der Rettung die vorgeschriebenen und sinnvollen Manöver korrekt vorgenommen hätten. „Dass dies Menschen unter Schock oder auch Passagiere möglicherweise anders wahrgenommen haben, ändert daran nichts“, so der Sprecher. Ein Rettungsmanöver mit einem 55 Tonnen schweren Passagierschiff müsse anders verlaufen als mit einem kleinen Boot, um die Personen im Wasser bei der Rettung nicht zu gefährden. Die Korrektheit der Manöver habe auch das Amtsgericht Konstanz bei der Verhandlung über die strafrechtliche Schuldermittlung mündlich bestätigt. Eine solche Verhandlung gab es jedoch nicht, eben nur einen Strafbefehl ohne Hauptverhandlungstermin gegen den Schiffsführer. (kck)