In der Politik ist nicht immer alles vorhersehbar. Das gilt heute mehr denn je, denn die Wähler bewegen sich. Die über Jahrzehnte gängigen Standardkreuze bei der CDU und SPD gibt es immer seltener. Stattdessen erstarken andere Parteien. Und diejenigen, die schwächeln, predigen gebetsmühlenartig einen personellen Wechsel. Weg mit all denen, die in der Vergangenheit das Gesicht nach schlechten Wahlausgängen in die Kamera hielten. Stattdessen wird junges Blut von der jeweiligen Parteibasis gefordert.

Nur ältere Männer?

Im Bodenseekreis sind die politischen Akteure auf den ersten Blick keine jungen Hüpfer mehr. Das Durchschnittsalter im Kreistag liegt auf Grundlage von Daten des Landkreises bei über 63 Jahren. Die mit Abstand beiden jüngsten Mitglieder sind 40 Jahre alt. Auch das Verhältnis von 50 abgeordneten Männer im Vergleich zu nur acht Frauen (13,8 Prozent) ist sehr einseitig. Ist die Politik im Kreis ein Schlachtfeld für ältere Männer? Wer es nicht selbst miterlebt hat, der hat zumindest noch die alt-parlamentarischen Schwarz-Weiß-Aufnahmen vor Augen. Die Granden im rauchverhangenen Bonner Bundeshaus mit weitem Sakko, Hornbrille und Zigarette in der Hand. Der Mitglieder des vierten Bundestags (1961 bis 1965) waren durchschnittlich 52,3 Jahre alt und der Frauenanteil lag bei 7,4 Prozent.

Sternschnuppen in der Bundespolitik

So ist es heute längst nicht mehr – zumindest nach dem Eindruck, der landläufig herrscht. Auf Landes- und Bundesebene kommen immer wieder Sternschnuppen zum Vorschein, denen eine große Karriere prophezeit wird. Manche setzen sich tatsächlich fest, andere wie der ehemalige Gesundheitsminister Philipp Rösler oder zwischenzeitliche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg verschwinden in der Versenkung. Aktuell liegt das Alter im Bundestag im Schnitt bei 49,4 Jahren, rund drei Jahre unter dem Wert vor einem halben Jahrhundert. Also hat sich kaum etwas geändert? Doch! Der Frauenanteil liegt im 19. Bundestag bei 30,9 Prozent.

Politische Arbeit in Vereinen

Auch wenn die Strukur des Kreistags einen anderen Eindruck vermittelt: Im Bodenseekreis gibt es im Lokalen junge und engagierte Menschen. Sie agieren nicht auf der ganz großen Bühne. Allerdings sind sie direkt vor Ort und bewegen mit ihrem Ehrgeiz etwas auf einer Ebene, wo Politik sehr anschaulich funktioniert. Nirgendwo ist Politik spürbarer und nachvollziehbarer als im Lokalen.

Dort sind Veränderungen am schnellsten sichtbar. Alle Porträtierten sind sich darin einig, dass das Vereinsleben einen Beitrag zur Politisierung leistet. Sobald innerhalb dieser Struktur für ein gemeinsames Ziel gekämpft wird, spielt sich die Entscheidung darüber in einem politischen Gremium ab. Neuer Kunstrasenplatz, neues Vereinsheim oder Genehmigung einer Veranstaltung. Spätestens wenn etwas nicht nach Plan läuft, ist die Diskussion in vollem Gange.

Lokalpolitik überall spürbar

Johannes Henne, Bürgermeister in Immenstaad, macht mit seinem Beispiel deutlich, dass jeder Schritt, der innerhalb einer Gemeinde zurückgelegt wird, seinen Ursprung in einer politischen Diskussion und Entscheidung hat. Gehwege, Straßen und deren Beleuchtung. Gewerbegebiete, Geschäfte und Imbisse. Bushaltestellen, Unterstände und gute Verbindungen. Und Leon Hahn, bis vor wenigen Monaten der Chef der Landes-Jusos, macht klar: „Wer selbst nicht mitentscheiden will, lässt andere für sich entscheiden.“

Karl Abt (36), Orstvorsteher Pfullendorf-Denkingen

Bild: Heuser, Christoph

„Wenn man anfängt Politik zu verfolgen, dann findet man nur Bundespolitik interessant.“ Karl Abt weiß das, schließlich war es bei ihm selbst nicht anders. Allerdings hat es sich gewandelt. Der 36-Jährige ist Ortsvorsteher von Denkingen bei Pfullendorf. „Im Lokalen hat man die direkteste Form der Politik“, sagt der Rechtsanwalt. Karl Abt besitzt keinerlei Ambitionen über die Politik noch Karriere zu machen.

„Es macht mir Spaß, mich für Denkingen einzusetzen und vor Ort zu sehen, wie sich etwas zum Positiven verändert.“ In den Vereinen, in denen der Jurist aktiv ist, „ging es immer wieder um Themen, die politischer Natur waren“. Dadurch wuchs immer mehr das Interesse an den lokalen Angelegenheiten. „Als Ortsvorsteher ist mehr persönlicher Einsatz nötig, als ich es zu Beginn dachte“, sagt Abt, aber das bereut er nicht: „Man nimmt was mit für das gesamte Leben.“

Mirjam Hornung (37), Gemeinderätin Friedrichshafen

Bild: Heuser, Christoph

Als es klar war, dass sie mit ihrem Mann in der Region bleibt, hat sich Mirjam Hornung dafür entschieden, aktiv in der Politik mitzumischen und trat deshalb vor neun Jahren in die CDU ein. 2012 rückte sie in den Friedrichshafener Gemeinderat nach. 2014 wurde sie mit einem „überzeugenden Votum“ direkt in das Gremium gewählt. „Ein Engagement sollte schon mit der Absicht verbunden sein, auch ein Mandat zu übernehmen“, sagt die Rechtsanwältin, die keine überregionalen politischen Ambitionen hegt. „Wir sind hier ganz nah dran an der Bevölkerung.“ Die ehrenamtliche Arbeit in der Politik sei mitunter sehr anstrengend. „Da steckt schon viel Herzblut dahinter“, sagt die zweifache Mutter. Aber es lohne sich: „Es ist ein ganz anderes Betätigungsfeld als der Beruf und hält spannende Einblicke bereit. Der Blick auf viele Dinge weitet sich.“

Johannes Henne (31), Bürgermeister Immenstaad

Bild: Heuser, Christoph

Johannes Henne trägt mit 31 Jahren die Verantwortung in der Gemeinde Immenstaad. Der Grundstein dafür wurde bereits früh gelegt. Einerseits durch familiäre Prägung. „Aber noch viel mehr durch die Vereine“, betont Henne „sie sind das Fundament einer starken Bürgergesellschaft.“ Wer mal eine Sitzung geleitet habe, verstehe es, unterschiedliche Meinungen unter einen Hut zu bekommen. Seine Empfehlung: Wer im Verein bereits Verantwortung übernimmt und daran Freude hat, für den wäre auch die Politik etwas. Warum ist die Lokalpolitik so interessant? „Weil es uns jeden Tag betrifft.“ Sein Beispiel: „Ich gehe über einen schön hergerichteten Weg zu einer Bushaltestelle, wo ich mich im Haltestellenhäuschen setzen kann. Der Bus fährt alle 15 Minuten auf einer schlaglochfreien Straße zu meinem Arbeitsplatz, der in einem interkommunalen Gewerbegebiet liegt.“

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Leon Hahn (27), Bundestagskandidat Bodenseekreis

Bild: Deck, Martin

„Wir können Dinge nach unseren Vorstellungen ändern“, sagt Leon Hahn. Das eigene Interesse an Politik wurde beim Nachsitzen in der Überlinger Schule geweckt: „Dort bekam ich aufgebrummt, Konrad Adenauer zu lesen.“ Es war der Startschuss einer Karriere bis hin zum Bundestagskandidaten und zum Landesvorsitz der Jusos. Politikverdrossenheit der Jugend kann der 27-Jährige nicht beobachten, „manchmal eher eine Jugendverdrossenheit der Politik“. Hahn weiß: Viele Jugenliche setzen sich für ihre Interessen ein, ohne zu wissen, dass es politisches Handeln ist, wenn es etwa um Skateparks, Bolzplätze oder Veranstaltungen ginge. Dennoch plädiert der Ökonom für ein Engagement der Menschen in Parteien: „Sie funktionieren als Wertegemeinschaft, dort findet eine Vorauswahl an Themen statt, die den Bürgern zur Wahl gestellt werden.“ Damit das attraktiver werde, müssten sich die Parteien verändern.

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