„Es wird zu wenig für den Klimaschutz gemacht. Jeder ist Erdenbürger auf Zeit und hat die Verpflichtung, unseren Nachfahren einen lebenswerten Planeten zu hinterlassen. Egoistisches Denken ist nicht angebracht“, sagt Winfried Hermann, Verkehrsminister des Landes Baden-Württemberg.

Maßnahmen dringend notwendig

Am Donnerstagabend kam Hermann zu einer Mobilitätskonferenz in das Klufterner Bürgerhaus. Im Fokus stand außerdem das Thema Klimaschutz. Der Minister und der Landtagsabgeordnete Martin Hahn (B 90/Grüne) betonten, dass der Klimawandel nachweisbar und menschengemacht sei. Die Perspektiven sind laut Hermann erneuerbare Energien, nicht Öl oder Gas.

Verkehrsminister Winfried Hermann am Donnerstag, 9. Mai, bei der Mobilitätskonferenz in Kluftern
Verkehrsminister Winfried Hermann am Donnerstag, 9. Mai, bei der Mobilitätskonferenz in Kluftern | Bild: Singler, Julian

„Es reicht nicht, eine Energiewende zu forcieren, auch die Mobilitätswende ist notwendig“, erläuterte Hermann. Um diese zu erreichen, müsse das eigene Nutzungsverhalten öffentlicher Verkehrsmittel hinterfragt und korrigiert werden. „Wir müssen umweltfreundlicher unterwegs sein und auch mal laufen oder das Fahrrad benutzen.“ Klar sei auch, dass Bus und Bahn attraktiver werden müssen, damit sich die Nutzungszahlen positiv entwickeln. „Das Angebot muss verbessert und aufgestockt werden“, forderte der Verkehrsminister.

Fähre soll subventioniert werden

Mit Blick auf die Bodenseeregion ergänzte Hermann: „Früher fand ÖPNV ausschließlich auf dem Land statt, nicht auf dem Wasser. Wenn Schiffe aber die Funktion des Nahverkehrs erfüllen, müssen wir einsteigen.“ Bislang ist das dem 66-Jährigen zufolge nicht der Fall, der Verkehrsminister will sich für eine Änderung stark machen. Das dürfte einem der mehr als 120 Besucher, die ins Bürgerhaus kamen, recht sein. Er forderte: „Die Fähre ist am Bodensee wie eine Straße zu berücksichtigen und muss subventioniert werden.“ Hermanns Ziel ist es, den Bodensee klimaneutral schiffbar zu machen. Bis 2030 möchte er „auch auf dem See sauber machen und nicht nur darunter“.

Mehr als 120 Besucher kamen zur Mobilitätskonferenz ins Klufterner Bürgerhaus.
Mehr als 120 Besucher kamen zur Mobilitätskonferenz ins Klufterner Bürgerhaus. | Bild: Singler, Julian

„Wer nicht auf neue Mobilität setzt, wird zukünftig auf der Strecke bleiben. Das gilt auch für die Automobilbranche“, ergänzte Hermann. Statt immer nur Straßen zu bauen, sollten seiner Ansicht nach neue Formen der Mobilität gefördert werden. Gehandelt werden könne auf allen Ebenen. „Jede Kommune braucht einen Plan, vieles ist hierüber machbar. Das Land kann eine Kommune nicht ersetzen.“

 

Bodenseegürtelbahn: Ab Juni neue Züge

Die Zugverbindungen sollen durch mehrere Maßnahmen attraktiver werden.
Die Zugverbindungen sollen durch mehrere Maßnahmen attraktiver werden. | Bild: Singler, Julian

„Bis zum Jahr 2025 soll es in ganz Baden-Württemberg mindestens einen Stundentakt geben, und das nicht nur während den Hauptverkehrszeiten, sondern von früh morgens bis spät abends und an den Wochenenden“, erläutert Winfried Hermann. Dann sollen die Zeiten vorbei sein, an denen man zwar mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu einer Veranstaltung hin-, aber später nicht mehr zurückkommt. Der Verkehrsminister ergänzt: „Züge müssen attraktiver werden, damit die Leute einsteigen und sie nutzen.“ Dafür sollen sie ihm zufolge flächendeckend mit WLAN ausgestattet, behindertengerecht und klimatisiert werden. Darüber hinaus brauche es mehr Platz für Fahrräder.

Wie Hermann erklärt, werden ab Juni fünf neue Dieselfahrzeuge auf der Strecke der Bodenseegürtelbahn unterwegs sein. Sie sollen für ein deutlich verbessertes Angebot sorgen. „Wir wollen aber auch mehr elektrifizierte Strecken im Land wie in Stuttgart oder Mannheim„, ergänzt der Minister.

Busverkehr: Regelmäßig im Stau

Der Busverkehr muss verbessert werden. Dies will Minister Hermann unterstützen.
Der Busverkehr muss verbessert werden. Dies will Minister Hermann unterstützen. | Bild: Singler, Julian

Bei Regionalbussen sollen laut Winfried Hermann dieselben Standards wie bei Zügen gelten. Jürgen Löffler, Geschäftsführer des Bodensee-Oberschwaben Verkehrsverbundes (Bodo), macht klar, dass perspektivisch dringend ein Halbstundentakt nötig ist. „Unsere Busse stehen immer mehr im Stau, was zu längeren Fahrzeiten führt und dadurch unattraktiv ist“, berichtet er. Löffler vermutet, dass der ohnehin schon bestehende Kampf um Verkehrsflächen in zehn Jahren noch viel stärker sein wird.

Die Einführung von Bürgerbussen wird, wie Experte Ingo Kitzmann erklärt hat, vor allem durch Genehmigungsschwierigkeiten ausgebremst. „Bürger sollen selbstbestimmend und eigenverantwortlich für Bürger fahren. Gesetzliche Hürden machen die Umsetzung aber nicht leicht“, schildert er. Zudem seien kaum Ehrenamtliche zu finden, die bereits um 5 Uhr fahren. Wichtig ist laut Kitzmann, dass der Bürgerbus nicht mit dem bestehenden Linienverkehr konkurriert.

Fahrradverkehr: Es bleibt viel zu tun

Viel häufiger sollen Kurzstrecken zukünftig mit dem Fahrrad zurückgelegt werden.
Viel häufiger sollen Kurzstrecken zukünftig mit dem Fahrrad zurückgelegt werden. | Bild: Singler, Julian

„Innerorts ist es das Ziel, dass jeder zweite Weg zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurückgelegt werden soll. Damit meine ich natürlich keine Strecken über zehn oder zwanzig Kilometern“, erklärt Hermann. Der Minister fordert sowohl mehr Abstellmöglichkeiten für Fahrräder, als auch Aufladestationen für Pedelecs. Bernhard Glatthaar vom Allgemeinen Deutschen Fahrrad-Club Bodenseekreis sagt: „Die Verwaltung kommt nicht voran. Entgegen der Aussagen mancher Verwaltungschefs sind unsere Radwege oft nicht gut. Kraftfahrzeuge verhindern, vor allem parkend, viel guten Fuß- und Radverkehr.“ Nach Glatthaars Meinung wird kaum über Fußverkehr geredet. Dieser müsse jedoch immer mit den Maßnahmen für Fahrräder geplant werden. „Die Politik handelt zu statisch und ist zu sehr auf Kraftfahrzeuge fokussiert“, kritisiert Glatthaar. Er ist davon überzeugt, dass der Klimaschutz ohne das Fahrrad nicht auskommt. Das müsse in die Köpfe der Behörden, die entscheiden.