Morgens vor 9 Uhr schien die Stimmung im Saal 1 des Ravensburger Landgerichts auf den ersten Blick heiter und entspannt. Pflichtverteidiger und Angeklagte plauderten locker mit Dolmetschern und Justizbeamten. Auch die Verspätung eines Dolmetschers nahm der Vorsitzende Richter der Strafkammer, Martin Hussels-Eichhorn, gelassen zur Kenntnis.

Richter: Wenig Lust auf den Titel „längster Prozess in der Geschichte des Landgerichts“

Aber dann platzierte er gut zwei Stunden später die wohl nicht ganz beiläufige Bemerkung, er habe wenig Lust, hier den Titel „längster Prozess in der Geschichte des Landgerichts“ angehängt zu bekommen, und überhaupt verdiene dieses Verfahren das auch nicht. Kaum gesagt, rauschten, um die Wettersprache zu bemühen, verbale Tiefausläufer durch den Gerichtssaal.

Nach 24 Verhandlungstagen stehen weitere 23 Termine auf dem Plan

Kein Wunder: Man notierte gestern den 24. Verhandlungstag im Prozess gegen die drei mutmaßlichen Einbrecher aus Ostereuropa, denen 34 Einbrüche mit einer Beute von 134.000 Euro im Spätherbst 2018 vorgeworfen werden. Und am Brett hinter Glas vor dem Gerichtssaal sind weitere 23 Verhandlungstage bis 22. Juli aufgeführt.

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Wer hat juristischen Marathon und seine Kosten zu verantworten?

Summa summarum wären das also 47 Prozesstage. Bedenkt man dabei, dass gestern mit der Protokollführerin 23 Prozessbeteiligte gezählt wurden, die vielen Zeugen nicht eingerechnet, dann darf es niemanden wundern, wenn die Frage immer lauter wird, wer für diesen juristischen Marathon und seine Kosten verantwortlich ist.

Verteidiger: Verzögerungen gehen auf die Kappe der Staatanwaltschaft

Um die bereits mehr oder weniger laut gescholtene Verteidigung zu Wort kommen zu lassen, weist der Biberacher Pflichtverteidiger Ulrich Klob jede Schuld von sich und seinen Kollegen Achim Ziegler und Stefan Zinser. Die gesamte Verzögerung gehe auf die Kappe der Staatsanwaltschaft, die es versäumt habe, anstelle der „aufgeblasenen“ Anklage mit 34 Fällen fünf bis sechs „wasserdichte“ Fälle zu benennen. Klob spricht von Ermittlungspannen der Polizei, die jetzt kompensiert werden sollten. Was es aber bringen soll, wenn gestern ein Polizeimann mit grauem Haar gefragt wird, wie lange er sich schon mit Einbrüchen beschäftige, erschließt sich da nicht.

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Staatsanwältin: Die Angeklagten hätten längst gestehen können

Und Silke Bruder, der Staatsanwältin, ist deutlich anzusehen, dass sie die Vorwürfe der Verteidigung nicht auf sich sitzen lässt. „Das sind Bandentaten“, erklärt sie empört, die Angeklagten hätten längst gestehen können und in diesem Prozess sei von Anfang an „aus allen Rohren“ geschossen worden. Sie lehne es deshalb kategorisch ab, den Schwarzen Peter zugeschoben zu bekommen. Was die Verteidiger-Scharmützel der ersten Prozesstagen angeht, gibt ihr Richter Hussels-Eichhorn Schützenhilfe: „Also das habe ich auch nicht verstanden.“

Der Prozess wird am 3. März fortgesetzt.