Schon bei der Terminvereinbarung mit Anneliese Schmeh wird deutlich, was den Alltag einer Bäuerin ausmacht. "Wenn ein Kälbchen geboren wird, muss ich wieder absagen." Die Arbeit mit den Tieren ist nur eine von vielen Aufgaben, die sie auf dem Hagenweiler Hof bei Lippertsreute wahrnimmt, seitdem sie ihn von ihrem Vater übernommen hat. Mittlerweile arbeitet ihr Sohn hauptberuflich mit, ihr Mann ist Rentner und packt ebenfalls mit an.

"Hier macht jeder, was anfällt, von der Arbeit in den Ställen bis zum Pflügen auf dem Feld", sagt Karin Schmeh-Silbe. Die Schwiegertochter ist Quereinsteigerin in Sachen Landwirtschaft und packt neben ihrer Tätigkeit als Sozialarbeiterin mit an, wann immer es geht. Der Hofladen und die Buchhaltung sind hauptsächlich Frauenarbeit. Direktvermarktung ist eine wirtschaftliche Notwendigkeit. "Von den Produkten im Supermarkt bekommt der Bauer das wenigste, der Handel verdient am meisten", erläutert Karin Schmeh-Silbe. Daher haben sie das Angebot des Hofladens nach und nach erweitert: Zusammen mit einer Käserei stellen sie eigenen Käse her, machen Saft aus den Äpfeln der Streuobstwiesen und kochen Marmelade. Ein Imker hilft bei der Honigproduktion. Viermal im Jahr wird geschlachtet und das Fleisch portioniert. Die Milch gibt es am Automaten zur Selbstbedienung.

Mit Karin Schmeh-Silbe (links) und Anneliese Schmeh arbeiten zwei Frauengenerationen auf dem Hagenweiler Hof. Der Hofladen ist wichtiges wirtschaftliches Standbein.
Mit Karin Schmeh-Silbe (links) und Anneliese Schmeh arbeiten zwei Frauengenerationen auf dem Hagenweiler Hof. Der Hofladen ist wichtiges wirtschaftliches Standbein. | Bild: Sabine Busse

Der Arbeitstag der Bauernfamilie ist lang und Urlaub ein Fremdwort. Ob das generell so stimmt, will eine vom Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz Baden-Württemberg in Auftrag gegebene Studie ergründen. Im Rahmen einer Online-Umfrage können Frauen aus der Landwirtschaft unter anderem angeben, wie hoch ihre Arbeitsbelastung ist, wie viel sie verdienen und welche Fortbildungen sie sich wünschen. Anlass für die Beschäftigung mit den Frauen lieferte ein Initiativbericht der Europäischen Union, der die Mitgliedstaaten dazu auffordert, in der kommenden Förderperiode die Bäuerinnen in ihren vielfältigen Rollen zu stärken. Als mögliche Maßnahmen nennt die Pressestelle des Ministeriums Investitionsförderung für Existenzgründungen oder Betriebserweiterungen sowie Qualifizierungs- oder Coachingmaßnahmen. Wie viel Geld für die Programme zur Verfügung stehen wird, ist noch offen.

Einen neuen Geschäftszweig hat Antonia Kitt schon aufgetan. Ihr Mann und sie betreiben den Obsthof Kitt in Überlingen im Vollerwerb. Auf ihren 20 Hektar Fläche bauen sie hauptsächlich Äpfel an, dazu gibt es Kirsch-, Birnen- und Zwetschgenbäume sowie Erdbeerpflanzungen. Auch der Obstanbau macht das ganze Jahr Arbeit. Derzeit werden die Bäume geschnitten und die Verjüngung des Bestands muss vorbereitet werden. Antonia Kitt ist Mutter von vier Kindern und kümmert sich schwerpunktmäßig um den Hofladen. Dazu nutzt sie den Betrieb als Lernort. "Es hat angefangen mit den Kindergartengruppen meiner Kinder", erinnert sich Antonia Kitt. 2011 absolvierte sie eine Fortbildung zum Lernort Bauernhof und nahm eine Fördermaßnahme in Anspruch. Mittlerweile kommt jede Woche eine Gruppe der Förderschule. Alle interessierte Klassen können nach Anmeldung bei ihr Wissenswertes über den Apfelanbau lernen. Im Sommer veranstaltet sie für Erwachsene Lesungen zwischen den Bäumen. "Das alles macht mir sehr viel Spaß!", beteuert sie. Für ein wirtschaftliches Standbein reiche es allerdings nicht, räumt sie ein.

Antonia Kitt betreibt den Hofladen ihres Obsthofs. Sie hat den Familienbetrieb zusätzlich zu einem Lernort gemacht, wo Kinder und Erwachsene alles über Äpfel erfahren können.
Antonia Kitt betreibt den Hofladen ihres Obsthofs. Sie hat den Familienbetrieb zusätzlich zu einem Lernort gemacht, wo Kinder und Erwachsene alles über Äpfel erfahren können. | Bild: Sabine Busse

Alle drei Frauen setzen auf Selbstversorgung, um wirtschaftlich besser über die Runden zu kommen. Antonia Kitt betreibt dafür einen klassischen Bauerngarten. Genervt sind sie alle vom Papierkram. "Die Bürokratie kostet viel Zeit, es gibt viele und dauernd neue Vorschriften", sagt Anneliese Schmeh. "Das ginge einfacher!" Auf die Frage, welche Art Förderung ihnen am meisten helfen würde, sind sich die Frauen einig: Sie müssten von ihrer Arbeit, die sie gern machen, leben können.

Online-Umfrage

Im Initiativbericht des Europäischen Parlaments werden die Mitgliedstaaten aufgefordert, in der nächsten Förderperiode der Europäischen Union (EU) 2020 bis 2027 die Bäuerinnen in ihren Rollen als Mitunternehmerin und Gründerin von nichtlandwirtschaftlichen Einkommensbereichen (wie Urlaub auf dem Bauernhof, Bauernhofgastronomie, Direktvermarktung) deutlich zu stärken. Auf Anregung der Landfrauenverbände hat das baden-württembergische Ministerium für Ländlichen Raum und Verbraucherschutz bei der Universität Freiburg eine Studie zur Lebens- und Arbeitssituation von Frauen in der Landwirtschaft in Auftrag gegeben. Die Studie wird als Online-Umfrage durchgeführt und hat das Ziel, die "Lebenswirklichkeit der Frauen repräsentativ abzubilden, um darauf aufbauend maßgeschneiderte Förderprogramme entwickeln zu können". Die Befragung läuft noch bis zum 15. April. Mitmachen können alle Frauen ab 16 Jahre, die einen Bezug zu einem landwirtschaftlichen Betrieb haben.

Informationen im Internet: www.landfrauen.uni-freiburg.de