Als er den Brief von den Taliban bekam, zögerte er noch. Aber dann starben seine beiden besten Schulfreunde. Einer wurde geköpft, der andere von einer Rakete getötet. “Da hat sogar meine Mutter gesagt: jetzt musst du gehen”, sagt Momin Qadari. Er ist 19 Jahre alt und kommt aus der Nähe der afghanischen Stadt Kundus. Damals war er 17, hatte er die Schule hinter sich und wollte studieren. Statt dessen machte er sich auf den Weg, erst zu Fuß, dann mit dem Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland. Seit eineinhalb Jahren ist er in Deutschland. “Als ich gesehen habe, wie viele Flüchtlinge hier sind, habe ich gesagt: ich gehe in ein anderes Land. Aber ich musste bleiben, weil ich unter 18 war. Sie haben gesagt, ich habe hier eine gute Zukunft.” Qadari lebt im Georgenhof in Bambergen bei Überlingen. Gerade macht er seinen Hauptschulabschluss, sein Deutsch ist beinahe fließend. Ab September hat er einen Ausbildungsplatz als Einzelhandelskaufmann bei der Naturata, einem großen Naturwarenladen.

Didar Safdari kommt aus Afghanistan, auch er ist mit seiner Frau und seinen drei Kindern über Griechenland nach Deutschland gekommen. Vor zwei Tagen wurde seine kleine Tochter Lina geboren. Er hat beim Outdoor-Ausrüster Vaude einen Job in der Schweißerei bekommen und ist glücklich über die Arbeit. Auch Vaude ist glücklich, dass Didar Safdari bei ihnen angestellt ist, denn es wird immer schwerer, Facharbeiter zu finden. Seit 2015 beschäftigt das Unternehmen Flüchtlinge, mittlerweile sind es neun, die fest angestellt sind. Für diese Integrationsarbeit wird Vaude mit Preisen überhäuft.

Erst letzte Woche wurde das Unternehmen mit dem "Lea-Mittelstandspreis für soziale Verantwortung" ausgezeichnet, eben wegen der vorbildlichen Integration der Flüchtlinge. Doch es gibt es mittlerweile Probleme. Große Probleme. Denn drei der neun Asylbewerber, die bei Vaude Arbeit gefunden haben, droht die Abschiebung. Einer hat den Abschiebebescheid bereits erhalten, zweien wurde ihr Asylantrag abgelehnt – darunter Didar Safdari. Auch der 19-jährige Momin Qadari, der bei Naturata erst ein Praktikum machte, dann als Aushilfe arbeitete und nun eine Ausbildung in Aussicht hat, soll abgeschoben werden.

Ein Problem, das immer mehr Unternehmen trifft, die sich dafür stark machen, dass die viel geforderte "Integration durch Arbeit" Realität wird. "Wir haben sehr viel Zeit, Geld und Herzblut investiert, um diese Stellen zu schaffen", sagt Vaude-Geschäftsführerin Antje von Dewitz. Naturata-Geschäftsführer Thilo Kauf hofft, dass Qadari bleiben darf. “Er hat sich gut integriert, lernt schnell und arbeitet selbständig”, sagt Kauf. Er ist immer auf der Suche nach guten Mitarbeitern. “Überlingen ist eine Rentnerstadt. Wer jung ist und gut arbeitet, geht in die Gastronomie, da verdient man mehr”, sagt er. Im Fall Qadari ist jetzt ein Rechtsanwalt eingeschaltet. Auch Vaude hat eine Anwältin eingeschaltet, die sich um die Fälle kümmert. Geschäftsführerin Antje von Dewitz versteht nicht, warum die Politik Unternehmen erst ermuntert, Flüchtlinge einzustellen, sie dann aber mit ihren Problemen alleine lässt. "Es gibt einfach keine Transparenz. Weder darüber, wen wir einstellen können, noch darüber, ob Du Sicherheit hast, wenn Du jemanden eingestellt hast", betont sie.

Didar Safdari aus Afghanistan arbeitet bei Vaude. Der Vater soll samt seiner Familie abgeschoben werden.
Didar Safdari aus Afghanistan arbeitet bei Vaude. Der Vater soll samt seiner Familie abgeschoben werden. | Bild: Kerstin Mommsen

"Positiv ist, dass es Zuschüsse und Maßnahmen für die Einstellung Geflüchteter gibt. "Doch wenn Du diesen Weg dann gehst, wenn Du mutig bist, ist es wie im Dschungel", befindet von Dewitz. Sie und ihre Kollegen haben mittlerweile viele Briefe geschrieben. Briefe an Ministerpräsident Winfried Kretschmann, an Integrationsminister Manfred Lucha, an Innenminister Thomas Strobl, ans Regierungspräsidium – sie versucht mit ihrem Team alles, um die Situation ihrer Mitarbeiter zu klären. Doch "wir werden oft von A nach B geschickt", erzählt ihre Mitarbeiterin Lisa Fiedler, die sich um die Probleme mit den Behörden kümmert.

Das Innenministerium reagiert kühl auf die Sorgen der Unternehmen: "Allein aus der Aufnahme einer Beschäftigung folgt grundsätzlich kein Bleiberecht und kein gesicherter Aufenthaltsstatus", schreibt Pressesprecher Carsten Dehner auf Nachfrage des SÜDKURIER. Weiter heißt es: "Die Erleichterungen des Arbeitsmarktzugangs für Asylbewerber und Geduldete wurden in erster Linie geschaffen, um die Abhängigkeit der Ausländer von öffentlichen Sozialleistungen zu reduzieren." Im Klartext bedeutet das, dass die Einstellungen von Flüchtlingen nur die öffentlichen Kassen schonen sollen. Von Dewitz macht diese Aussage fassungslos: "Das führt ja unsere Bemühungen ad absurdum", regt sich die Unternehmerin auf.

Baden-Württembergs Integrationsminister Manfred Lucha dagegen schlägt moderatere Töne an: "Ich habe in den vergangenen Wochen mit sehr vielen mittelständischen Unternehmern darüber gesprochen und mir ihre Sorgen angehört. Es muss das schwäbisches Mantra gelten: Wer schafft, der braucht auch Perspektiven. Wer bei uns schafft und sich anstrengt, soll auch eine Bleibeperspektive erhalten, wenn er sich nichts zuschulden kommen lässt." Doch Realität ist das noch lange nicht. Hinter den Kulissen wird in der grün-Schwarzen Koalition in Stuttgart heftig um diese Fragen gestritten – vor der Bundestagswahl wird mit Gesetzesänderungen nicht mehr zu rechnen sein.

Auch was Ausbildungen betrifft, ist die Lage für Unternehmer alles andere als klar. Zwar dürfen seit einem knappen Jahr Flüchtlinge unabhängig von ihrem Aufenthaltsstatus während der Ausbildung und zwei weiteren Jahren nicht abgeschoben werden. Allerdings steht ein abgelehnter Asylantrag dieser sogenannten Drei-plus-zwei-Regelung entgegen. Und dieser Fall trifft auf Momin Qadari zu. Sowohl er als auch die von Abschiebung bedrohten Mitarbeiter von Vaude wollen juristisch gegen die Bescheide vorgehen. Wie deren Geschichten ausgehen, ist ungewiss.

Gesetzgebung

Das Integrationsgesetz sieht vor, dass Flüchtlinge, die eine Ausbildung absolvieren, für diese Zeit und weitere zwei Jahre nicht abgeschoben werden dürfen. Nach dieser Drei-plus-Zwei-Regelung sollen die Menschen in dieser Zeit eine Ausbildungsduldung bekommen. Das Bundesinnenministerium hat den Ermessensspielraum für die Behörden erweitert, diese Form der Duldung im Einzelfall schon früher als kurz vor Ausbildungsbeginn zu erteilen. Nach einem Erlass der Landesregierung kann diese Duldung auch für Flüchtlinge gelten, die die einjährige Berufsfachschule absolvieren. (cor)