Der Hambacher Forst ist zwar weit weg, doch die Entwicklungen in den vergangenen Wochen hallten auch bis an den Bodensee. Braunkohle-Gegner kämpfen gegen den Energieriesen RWE, der ein letztes Stück Wald roden möchte. Eine, die die Entwicklungen intensiv verfolgt, ist Raphaela Schäufele aus Überlingen. „Ich habe schon vor längerem eine Petition unterschrieben“, erzählt sie. „Aber irgendwie wollte ich mehr tun, als nur eine Unterschrift geben.“

Schäufele postet auf Facebook Aufruf zur Teilnahme

Dann entdeckt die 32-Jährige im Internet einen Aufruf zu einer Friedensdemo direkt im Hambacher Forst. „Ich habe gesehen, dass die Umweltorganisationen dazu aufrufen. Deshalb bin auch ich aktiv geworden.“ Vor allem über Facebook lädt sie etwa 3000 Menschen ein. „Dieser Post kam extrem gut an“, erinnert sie sich. „Da haben alleine knapp 1500 zugesagt.“

25 Freunde sind am Ende mit dabei

Ganz so viele Teilnehmer wie Zusagen in Facebook sind es schließlich nicht, aber etwa 25 Freunde und Bekannte nehmen den Weg Richtung Köln auf sich, um an der großen Friedensdemo vergangenen Samstag mitzumachen. Die 32-jährige Yoga-Lehrerin fährt mit einigen Freunden in einem VW-Bus bereits am Freitagabend los und kommt in der Nacht am Hambacher Forst an. „Wir haben im Bus übernachtet“, berichtet sie. „Nathanael ging sogar in den Wald und schlief dort.“

Pfullendorfer Nathanael Lasch übernachtet im Schlafsack im Wald

„Ich bin ein Draußenschläfer, habe einfach meinen Biwak-Schlafsack gepackt und wollte in den Wald, bevor ihn die Polizei wieder absperrt“, sagt Nathanael Lasch aus Pfullendorf. „Ich habe mir deshalb auch ein Unterholz gesucht, damit ich nicht so leicht zu finden bin“, erklärt der 35-Jährige. Auf die Polizei wartete er vergebens, doch er bekam trotzdem Besuch. Mitten in der Nacht wacht er auf, weil etwas an ihm schnuppert und grunzt: Er ist in einer riesigen Wildschwein-Rotte. „Als ich geschrien habe und mit Stöcken um mich warf, galoppierten die Wildschweine weg.“

Nachts zwei Mal Besuch von einer Wildschweinrotte

Er verlegt sein Schlaflager auf eine Anhöhe und wägt sich in Sicherheit, doch er sollte noch einmal Besuch von den Wildschweinen bekommen. „Es waren sicherlich mindestens 30 bis 40 Tiere“, sagt er. „Und wenn sie rennen, wird es richtig laut.“ Raphaela Schäufele besucht den Pfullendorfer am nächsten Morgen im Wald und berichtet, dass weit und breit keine Polizei zu sehen sei. „Dann haben wir eben einen zweistündigen Spaziergang durch den Wald gemacht“, sagt Lasch. „Dabei waren wir so gut wie allein.“

Spaziergang zu den Schauplätzen der Auseinandersetzungen

Raphaela Schäufele im Hambacher Forst zwischen den Bäumen, die bis zu 400 Jahre alt sind.
Raphaela Schäufele im Hambacher Forst zwischen den Bäumen, die bis zu 400 Jahre alt sind. | Bild: privat

Beide sind tief beeindruckt von den alten Bäumen, den Resten der Baumhäuser und den Überbleibseln der Auseinandersetzungen zwischen Polizisten und Besetzern. „Da hingen noch Fetzen in den Bäumen, und am Unglücksort, an dem ein Journalist ums Lebe kam, brannten Kerzen“, berichtet Schäufele. „Ich war echt froh, dass der Wald nicht gesperrt war und wir uns selbst einen Eindruck machen konnten.“

Stimmung bei Demo ausgelassen

Dann wird es Zeit, zum Treffpunkt für die Friedensdemo am Bahnhof Buir in Kerpen zu gehen. Immer mehr Menschen kommen, auch weitere Bekannte aus Überlingen. Die Stimmung ist ausgelassen und friedlich. „Ich war schon erleichtert, dass das Verwaltungsgericht das Demoverbot gekippt hat und es schon feststand, dass es einen Rodungsstopp geben wird“, sagt Raphaela Schäufele. „Ich weiß nicht, wie alles ausgegangen wäre, wenn es zu einer Konfrontation mit der Polizei gekommen wäre.“ Eine Freundin von ihr sei wenige Wochen vorher am Hambacher Forst bei einem Sitzstreik gewesen und festgenommen worden. Sie habe berichtet, dass die Polizei Schlagstöcke und Tränengas eingesetzt habe.

"Worte, die unter die Haut gegangen sind"

Raphaela Schäufele und Lovee Singh aus Überlingen bei der großen Friedensdemo am Hambacher Forst.
Raphaela Schäufele und Lovee Singh aus Überlingen bei der großen Friedensdemo am Hambacher Forst. | Bild: privat

Am Samstag hingegen verwandelt sich die Friedensdemo in eine riesige Friedensfeier, der Demonstrationszug zu einem Siegeszug mit einigen Musikgruppen. „Das klang schon wie Guggenmusik“, sagt die Überlingerin schmunzelnd. Am Waldrand ist eine große Bühne aufgebaut, auf der Redner von Umweltorganisationen sprechen, auch ein Aktivist, der sechs Jahre lang im Hambacher Forst lebte. „Es waren wirklich Worte, die unter die Haut gegangen sind.“

Team vom Haslachhof in Deggenhausertal backt vor Ort Pizza

Aus Deggenhausertal ist ein Team von der Gemeinschaft Haslachhof dabei, das vor Ort Pizza backt. „Die haben zwei Öfen und die Zutaten mitgebracht.“

Der Einsatz habe sich auf jeden Fall gelohnt, sagt Schäufele: Sie sei ein Teil der bislang größten Umwelt-Demonstration in Deutschland gewesen. Laut Veranstalter hätten 50 000 Menschen teilgenommen.