Karl-Heinz Mayer erinnert sich noch gut an den Tag, als er die Entscheidung traf. Es war vor gut 25 Jahren, als er von einem Bullen in die Ecke getrieben und attackiert wurde. Nur das beherzte Eingreifen seines Vaters habe ihn vor schweren Verletzungen gerettet, erzählt Mayer: "Ich war froh, dass ich überlebt habe." Für den Owinger Landwirt war klar: So geht es nicht weiter, die Rinder werden künftig enthornt.

Karl-Heinz Mayer, BLHV-Kreisvorsitzender, hält auf den Burghöfen in Owingen rund 60 Kühe. Er enthörnt seine Kälber selbst.
Karl-Heinz Mayer, BLHV-Kreisvorsitzender, hält auf den Burghöfen in Owingen rund 60 Kühe. Er enthörnt seine Kälber selbst. | Bild: Deck, Martin

Mit seiner Angst ist Karl-Heinz Mayer nicht allein. Allein in Deutschland werden jährlich rund 1,4 Millionen Kälber enthornt. Laut Schätzung von der Landesbeauftragten für Tierschutz, Julia Stubenbord, halten in Baden-Württemberg rund 80 Prozent der Landwirte nur noch enthornte Rinder – Tendenz steigend. Die Begründung ist dabei meist dieselbe: Die Landwirte argumentieren, dass sich Kühe bei ihren Rangkämpfen in den Laufställen mit ihren Hörnern verletzen würden. Sie befürchten auch, dass Stallarbeiter durch die Hörner der Kühe gefährdet würden.

Es kommt auf den Platz an

Für Mechthild Knösel sind diese Argumente unverständlich. "Ich kann die Angst vor den eigenen Tieren überhaupt nicht nachvollziehen", sagt die Landwirtin. Zwar gäbe es tatsächlich immer mal wieder Fälle, in denen Kühe auf Menschen losgingen. Dies hänge aber nicht mit den Hörnern zusammen. Außerdem könne man jeden Angriff vorhersehen, wenn man aufmerksam sei. "Die Tiere werden ja nicht ohne Grund nervös", sagt Mechthild Knösel. Sie hält auf dem Hofgut Rengoldshausen in Überlingen rund 60 Rindern, allesamt mit Hörnern, wie das bei Demeter-Betrieben vorgeschrieben ist.

Dass ihre Tiere deshalb aggressiver seien als enthornte Rinder, kann die Landwirtin nicht bestätigen. Im Gegenteil: Durch die Hörner käme es sogar zu weniger Verletzungen bei Rangkämpfen unter den Tieren. Einerseits nutzten die Rinder ihre Hörner, um sich mit dem Gegenüber zu verkeilen, wodurch ein fairer Kampf entstehe. Andererseits würden viele Kämpfe von vorneherein verhindert, da die Kühe mit den Hörnern innerhalb der Herde kommunizierten. "Da reicht manchmal schon ein leichtes Nicken", sagt Knösel.

Mechthild Knösel hält auf dem Hofgut Rengoldhausen 60 Kühe mit Hörnern. Enthörnte Tiere kämen für sie nicht infrage.
Mechthild Knösel hält auf dem Hofgut Rengoldhausen 60 Kühe mit Hörnern. Enthörnte Tiere kämen für sie nicht infrage. | Bild: Deck, Martin

Entscheidend sei, dass den Rindern genug Platz geboten werden, sodass immer ein Fluchtweg für die schwächeren Tiere bleibe. "Wichtig ist, dass die rangniederen Tiere zurechtkommen", erklärt die Landwirtin. Das Problem sei, dass in den meisten Höfen, die auf Wirtschaftlichkeit ausgerichtet sind, dieser Platz fehlt. Um die Effektivität zu steigern, würden immer mehr Rinder enthornt um mehr Kühe auf weniger Raum unterzubekommen. "Man hat die Tiere dem Stall angepasst", kritisiert Knösel. "Eigentlich müsste es andersherum sein."

So wie auf dem Hofgut Rengoldshausen. Dort haben sie im Jahr 2000 einen neuen Laufstall gebaut, der 2012 nochmals erweitert wurde. "Wir haben den Stall um die Kühe herum geplant", sagt die Betriebsleiterin. Pro Kuh stehen rund 15 Quadratmeter zur Verfügung. Das sind mehr als doppelt so viel, wie die sechs Quadratmeter, die die EU für Biobetriebe vorschreibt.

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Für Mechthild Knösel ist diese tierfreundliche Haltung eine Grundeinstellung. Auch sie musste während ihres Studiums die Enthornung lernen. "Heute würde ich mich weigern, das zu tun." Sie betont aber, dass sie diese Entscheidung für sich persönlich getroffen habe, aber keinesfalls andere Landwirte für deren Haltung verurteile. „Man muss bereit sein, anders zu denken. Man kann niemanden zwangsbeglücken.“ Sie akzeptiere auch, wenn sich Landwirte für einen anderen Weg entscheiden.

Wirtschaftlichkeit zählt

Karl-Heinz Mayer hat eben diesen anderen Weg beschritten – und ist glücklich damit. Er sei "felsenfest davon überzeugt", dass die Enthornung die richtige Maßnahme sei: „Es ist besser für die Tiere und die Landwirte.“ Mayer enthornt selbst. In der Ausbildung hat er den Umgang mit dem Brenneisen und die Verabreichung von Schmerzmitteln gelernt. Auch wenn der Eingriff mittlerweile zur Routine geworden ist, falle ihm dieser Schritt immer wieder schwer: „Das ist keine schöne Arbeit. Es kränkt mich jedes Mal.“ Aber es sei eben notwendig.

Um wirtschaftlich überleben zu können, bietet Mayer auf seinem Hof unterhalb des Turms von Hohenbodman seit einigen Jahren Ferienwohnungen an. Die Besucher seien auch immer wieder im Kuhstall zu Gast. "Da können wir kein Risiko eingehen."

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Mit 60 Kühen sind die Burghöfe in Owingen alles andere als ein Massenbetrieb. Kleinere Betriebe hätten es immer schwerer, auf dem Markt zu bestehen, beklagt Mayer. Um größere Ställe für behörnte Rinder zu bauen, fehle es häufig am Geld und vor allem auch an der Fläche. Dennoch hat Mayer 2013 in den Umbau und die Technisierung seines Stalls investiert und darf nun das Prädikat "besonders tiergerecht" tragen. Das Wohl seiner Kühe liegt dem Kreisvorsitzenden des Badischen Landwirtschaftlichen Hauptverbands (BLHV) am Herzen – allein schon, weil sein Familienbetrieb auf die Erträge aus der Milchviehhaltung angewiesen ist. "Wenn es meinen Tieren nicht gut geht, habe ich ein Problem."

2013 hat Karl-Heinz Mayer einen neuen Stall für seine Kühe gebaut.
2013 hat Karl-Heinz Mayer einen neuen Stall für seine Kühe gebaut. | Bild: Deck, Martin

Auf seinem Hof werde wie auf den meisten anderen mittlerweile alles detailliert kontrolliert und protokolliert. Das seine Rinder durch die Enthornung einen Schaden davongetragen hätten, weist er daher zurück. "Man muss ein Stück weit Vertrauen haben in Landwirte, die das gelernt haben."

Preisunterschiede im Handel

Tatsächlich sind die Vor- oder Nachteile einer Enthornung wissenschaftlich nicht eindeutig geklärt. Es gibt Studien wie recht aktuell von der Universität Bern, die davon ausgehen, dass die Tiere einen langfristigen Schaden davontragen. Und es gibt Untersuchungen, die dem widersprechen. Am Ende muss der Konsument entscheiden, welches Modell er unterstützen möchte. Das ist auch eine Frage des Geldes. Die Milch von Karl-Heinz Mayers Kühen kostet im Handel derzeit 1,19 Euro pro Liter, wovon 36 Cent an den Bauern fließen. Die Vorzugsmilch von den behörnten Kühen des Hofguts Rengoldshausen kostet im Direktverkauf im Hofladen 1,85 Euro. Beide Landwirte betonen aber, dass die Preise von deutlich mehr abhängen, als nur von der Stallgröße und Hörnern.

"Das Horn ist nur die Spitze des Problems"

Julia Stubenbord ist Tierschutzbeauftragte des Landes Baden-Württemberg. Sie beobachtet die Entwicklung, dass viele Landwirte auf enthornte Rinder setzen, mit Sorge.

Wie ist der Vorgang der Enthornung aus Tierschutzsicht zu beurteilen?

Leider ist es mittlerweile der Regelfall, dass Landwirte systematisch enthornen. Natürlich gibt es diese Unfälle, das kann man nicht schönreden. Dennoch ist das ein Eingriff, der vermieden werden sollte, weil er für die Tiere schmerzhafter und traumatisierend ist. Man muss bedenken, dass das Horn stark durchbluttet ist und einen direkten Zugang zur Schädeldecke hat.

Wie stehen Sie zur Züchtung von hornlosen Rassen?

Zum einen ist das von der Tierschutzseite aus wünscheswert, da kein Eingriff mehr notwendig ist. Andererseits bringt das andere Probleme mit sich: So wird etwa der Genpool deutlich kleiner. Mit Sicherheit wird es dadurch nicht besser.

Haben Sie die Hoffnung, dass es nochmal ein Umdenken geben wird?

Leider kann ich mir das nicht vorstellen. Die Landwirtschaft ist mittlerweile hochindustrialisiert und die Tiere wurden in den letzten 50 bis 60 Jahren nur auf Leistung gezüchtet. Die Hörner sind im wahrsten Sinne da nur die Hornspitze des Problems. Viele Kühe leiden durch die Massenhaltung auch an Klauen- oder Euterkrankheiten.

Können Kunden ihren Beitrag leisten?

Bei einer Rechnung "Mehr Geld für die Landwirte, gleich mehr Investitionen in die Ställe und mehr Platz für behörnte Rinder" vielleicht schon. Das Problem ist aber, dass viele Verbraucher gar nichts über die Haltungsbedingungen wissen – oder es mit Blick auf die Preise wieder vergessen. (mde)

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