Eckhard Dossow hilft dem Leben auf die Sprünge. Seit mehr als 30 Jahren leitet der Fischwirtschaftsmeister die Fischbrutanstalt Langenargen. Etwa 28 Millionen Felchenlarven werden dort derzeit in sogenannten Zugergläsern „kalt erbrütet“ – in Seewasser, das auf etwa 1,5 Grad Celsius abgekühlt wurde. Dadurch schlüpfen die Tiere erst im März und April.

Allein rund 30 Millionen Felcheneier reifen derzeit in der Fischbrutanstalt Langenargen heran.
Allein rund 30 Millionen Felcheneier reifen derzeit in der Fischbrutanstalt Langenargen heran. | Bild: Eckhard Dossow

Bei der natürlichen Erbrütung im See wäre es bereits im Februar so weit. Nur: Da gibt es noch nichts zu fressen für die Minifelchen. Die Brutanstalt setzt die Fischchen erst dann aus, wenn im See genügend Nahrung, Plankton, enthalten ist. Ein Teil von ihnen wird bis dahin mit lebendem Plankton oder Trockenfutter „vorgestreckt“. Doch: „95 Prozent der Felchenlarven bekommen von uns gar nichts zu fressen“, betont Dossow. „Es geht nur darum, den Laich gezielt schlüpfen zu lassen.“

Eckhard Dossow, Leiter der Fischbrutanstalt Langenargen, und Fischerin Elke Dilger vor sogenannten Zugergläsern voller Felchenlaich aus dem Bodensee.
Eckhard Dossow, Leiter der Fischbrutanstalt Langenargen, und Fischerin Elke Dilger vor sogenannten Zugergläsern voller Felchenlaich aus dem Bodensee. | Bild: Sylvia Floetemeyer

Den Laich liefern Berufsfischer in den sechs Brutanstalten am See ab. Seit 1964 fahren sie – bis auf den Ausfall 2018 – jedes Jahr zwischen Ende November und Mitte Dezember zum Felchenlaichfang auf den See. Noch auf ihren Booten vermischen sie Rogen und Milch (Samen) gefangener weiblicher und männlicher Felchen. Eine Aufgabe, die Fingerspitzengefühl erfordert. „Die Arbeit, das Leben, beginnt auf dem See“, unterstreicht Elke Dilger, Vorsitzende der Badischen Berufsfischer sowie stellvertretende Vorsitzende des Vereins baden-württembergischer Bodenseefischer, deren Besatzkommission die Fischbrutanstalt betreibt.

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Doch wer entscheidet, ob der Laichfischfang am See freigegeben wird? Eine Arbeitsgruppe der Internationalen Bevollmächtigtenkonferenz für die Bodenseefischerei (IBKF) ist vor dem eigentlichen Fang für die Versuchsfänge verantwortlich.

2018 fiel der Laichfischfang zum ersten Mal seit 1964 aus

Wie Roland Rösch von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen erklärt, konnte die Arbeitsgruppe im Jahr 2018 keinen Zeitpunkt bestimmen, an dem genügend laichreife Tiere konzentriert auftraten – daher fiel der Laichfischfang zum ersten Mal seit 1964 aus. „2019 sah es zunächst ebenfalls grenzwertig aus. Wir haben nicht damit gerechnet, dass viel rauskommen kann, weil die Fischer kaum Felchen gefangen haben“, sagt Rösch. Bei den Versuchsfängen habe sich dann allerdings gezeigt, dass man den Laichfang doch freigeben kann.

Zwei Tage alte Felchenlarven. Die Fischchen bleiben solange in der Fischbrutanstalt Langenargen, bis es im Bodensee genug Nahrung für sie gibt.
Zwei Tage alte Felchenlarven. Die Fischchen bleiben solange in der Fischbrutanstalt Langenargen, bis es im Bodensee genug Nahrung für sie gibt. | Bild: Sylvia Floetemeyer

2019 erbrachte der Laichfischfang 1440 Liter an Laich, das entspricht nach Angaben der IBKF etwa 90 Millionen Eiern. „Außer dem Komplettausfall 2018 ist es noch nie so wenig gewesen. Über viele Jahre hinweg gab es bis zu 4000 Liter Felchenlaich. In den letzten 15 bis 20 Jahren nimmt das allerdings kontinuierlich ab. 2017 waren es noch etwa 2700 Liter“, sagt Experte Roland Rösch.

Weniger Laich: Welche Auswirkungen hat das?

600 Liter reifen momentan in Langenargen heran, 2017 seien es doppelt so viel gewesen, sagt auch Dossow. Was bedeutet es, wenn ein ganzer Jahrgang in den Brutanstalten fehlt? Zunächst einmal nichts, sagt Dossow. Dilger meint hingegen, es mache sich in den Folgejahren schon bei den Fängen bemerkbar. Letztere seien in den vergangenen Jahren stark zurückgegangen.

Die Fischer sehen den Grund für den Rückgang vor allem in der Nährstoffarmut im See. Ironischerweise waren gegenteilige Verhältnisse ein Hauptgrund für die Gründung der Fischbrutanstalt Langenargen 1987, wie Dilger berichtet. Zu jener Zeit sei der Seegrund als Folge der damaligen Eutrophierung, des Nährstoffüberschusses, so verschlammt gewesen, dass die Eier am Boden liegen blieben und sich die Larven mangels Sauerstoff nicht entwickeln konnten.

Der Felchenlaich in den Zugergläsern.
Der Felchenlaich in den Zugergläsern. | Bild: Fischereiforschungsstelle (FFS)

Letztere treibt es nach dem Schlupf nach oben. In den Zugergläsern der Brutanstalt geschieht das dank cleverer Konstruktionen, „ohne dass wir irgendwas anfassen“, wie Dossow stolz erklärt: Die Felchenlarven steigen mittels eines sanften Wasserstroms im Glas nach oben und gelangen dort mittels einer Art Übergangshilfe und eines Rohrsystems automatisch in die folgenden Becken. In der Brutanstalt müssen die Minifische nur so lange ausharren, bis es genügend Plankton im See gibt. Längere Beckenhaltung würden die empfindlichen Felchen, die in Freiheit zwölf bis 15 Jahre alt werden können, nicht überstehen, sagt Dossow.

„Für mich ist ausschlaggebend: Die Brutanstalten steuern den Schlupf“, fasst er deren Aufgabe seit ihren Anfängen zusammen. „Heute haben wir ganz andere Bedingungen mit dem wenigen Phosphat im See.“ Illustrierte man den Gewässerzustand mittels einer Farbskala, dann bedeute: „schwarz: Eutrophierung, weiß: gar keine Nährstoffe mehr.“ Dossow findet: „Ideal wäre, die Zone grau zu erwischen.“ Dass es irgendwann keine Felchen im See mehr gibt, glaubt er nicht, aber „so intensive Fangzahlen wie vor zehn oder 15 Jahren“ dürfe man auch nicht mehr erwarten.

Felchen laichen mittlerweile über längeren Zeitraum hinweg

Elke Dilger unterstreicht: „Wir Berufsfischer sind stolz auf die Brutanstalt und ihre Unterstützung des Fischbestands im Bodensee.“ Wichtig sei es, das Laichverhalten der Felchen genau zu beobachten und den Laichfang gegebenenfalls entsprechend anzupassen, hebt Dilger hervor. Dossow bestätigt das: Die Felchen laichten mittlerweile über einen längeren Zeitraum hinweg. „Diesen Peak ‚Alle sind auf einmal da‘ gibt es nicht mehr.“

Netze für Probefang wurden früher gesetzt

Deshalb ließ die IBKF 2019 die Netze für den Probefang 2019 auch früher als sonst setzen, nachdem das laut Dilger die Fischer angeregt hatten. Bevor sie den Felchenfang zu Beginn der Schonzeit am 15. Oktober einstellen mussten, hatten sie bemerkt, „dass die Eier schon weiter als sonst waren“. Dossow: „Wenn die Fischer am 15. Oktober aufhören, fehlt der Kontakt zu den Fischen.“ Dilger meint: „Eventuell braucht es in den nächsten Jahren eine intensivere Probebefischung, um den richtigen Laichzeitpunkt zu erkennen.“

Felchenlarven.
Felchenlarven. | Bild: Fischereiforschungsstelle (FFS)

Die Probefischereien hatten 2019 Mitte November begonnen, macht Roland Rösch deutlich: Mindestens eine Woche früher als 2018. „Die Fische laichen zu keinem fixen Zeitpunkt, sondern der Zeitraum variiert von Jahr zu Jahr.“ Warum das so ist, könne bislang niemand beantworten. „Rückblickend lassen sich Entwicklungen zwar abbilden, eine Systematik für künftige Zeitpunkte lässt sich allerdings nicht ermitteln“, erklärt Rösch.

Roland Rösch von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen.
Roland Rösch von der Fischereiforschungsstelle in Langenargen. | Bild: Toni Ganter

Und: „Die Termine der Versuchsfischereien 2020 werden anhand der aktuellen Ergebnisse festgelegt. Auch räumlich wird der ganze See abgedeckt.“ Die Berufsfischer sind seinen Angaben zufolge in die Diskussion über die Probebefischung eingebunden. „Die Vertreter der Berufsfischer nehmen an den Besprechungen teil und erhalten die Protokolle.“

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Wie viele Felchen aus den Brutanstalten schließlich groß und fangfähig werden, wird derzeit genauer untersucht. Mit einem mehrjährigen Projekt soll der Besatzerfolg von Bodenseefelchen ermittelt werden. Dafür wird in den Brutanstalten ein Teil der Felcheneier markiert. Später werden Stichproben aus dem See analysiert.

Dank Markierung Altersbestimmung der Fische möglich

Damit wollen die Wissenschaftler den Anteil der Fische aus den Fischbrutanstalten an einem bestimmten Felchenjahrgang beziehungsweise am Fangertrag abschätzen. Außerdem könne durch die Markierung die Altersbestimmung überprüft und weiter verbessert werden. „Erste Proben werden derzeit noch ausgewertet. Die Arbeitsgruppe der IBKF trifft sich dazu demnächst wieder“, so Rösch.