Hubert Sträßle hört sein Mobiltelefon nicht. Mit der Kettensäge beseitigt der Landwirt aus Bermatingen die Schäden, die der verheerende Sturm am Samstag angerichtet hat. Teilweise wurden seine Hagelnetze verwüstet. Auch Andreas von Traiteur arbeitet in seiner Plantage auf dem Reinachhof bei Ailingen und gönnt sich nur eine kurze Kaffeepause. „Samstagnacht ist unser Kirschendach weggeflogen“, berichtet er. Es ist aus Folie, um die Kirschen vor dem Regen zu schützen und zu verhindern, dass sie platzen und unverkäuflich werden. Doch die Folie bot dem Wind viel Angriffsfläche und hielt den Naturgewalten nicht stand.

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„Nach den riesigen Frostschäden in 2017 müssen wir handeln“

Schuld an der Zunahme von extremen Witterungsbedingungen ist der Klimawandel, darin sind sich viele Experten einig. Für die Landwirte werden diese Wetterkapriolen mitunter zur Existenzbedrohung. Die staatlichen Ad-hoc-Hilfen, die in den vergangenen Jahren geleistet werden mussten, stoßen zusehends an ihre Grenzen, warnen die Agrarminister aus Bayern und Baden-Württemberg. Gemeinsam haben die Bundesländer eine Gesetzesinitiative erarbeitet, die landwirtschaftliche Betriebe künftig besser gegen witterungsbedingte Risiken absichern soll. In der Sitzung des Bundesrats am 7. Juni wurde der Antrag an die zuständigen Ausschüsse zur Beratung weitergeleitet. An der Initiative mitgewirkt hat auch Martin Hahn, Landtagsabgeordneter der Grünen für den Bodenseekreis. Er sagt: „Nach den riesigen Frostschäden in 2017 müssen wir handeln.“

Eine schützende Eisschicht soll Apfelblüten in extremen Frostnächten schützen.
Eine schützende Eisschicht soll Apfelblüten in extremen Frostnächten schützen. | Bild: Bernhard Waurick

Teure Schutzmaßnahmen

Landwirt Andreas von Traiteur hat nach zwei Totalschadensjahren eine Hagelschlagversicherung abgeschlossen und einen Kredit aufgenommen, um die Obstplantagen mit Hagelschutznetzen zu überbauen. Zunächst habe die Prämie 17 Prozent des zu erwartenden Bruttoerlöses für das Obst entsprochen, erinnert er sich. Bereits 2003, etwa fünf Jahre später, sei die Prämie auf 24 Prozent angewachsen. Dazu kämen drei gasbetriebene Frostwächter für die Kirschen und eine entsprechende Frostversicherung. „Das kann man als Landwirt nicht stemmen“, sagt er. Risiken wie Starkregen oder Dürre seien damit nicht abgedeckt.

Hagelnetze in den Feldern sollen vor Ernteausfällen schützen.
Hagelnetze in den Feldern sollen vor Ernteausfällen schützen. | Bild: Wieland, Fabiane

Ziel ist Abkehr von der Ad-hoc-Hilfe

Die Initiative schlägt deshalb staatlich geförderte Mehrgefahrenversicherungen vor. So soll es dem Landwirt ermöglicht werden, sich gegen alle für ihn relevanten Gefahren für eine bezahlbare Prämie abzusichern. Wie in Österreich bereits üblich, soll diese Prämie durch staatliche Unterstützung abgesenkt werden. Derzeit werden Versicherungen gegen Sturm, Frost, Starkregen, Überschwemmungen und Hagelschlag durch einen ermäßigten Steuersatz von 0,03 Prozent auf die Versicherungssumme gestützt. Eine Dürreversicherung ist dagegen noch mit 19 Prozent versteuert. Auch das soll angepasst werden.

„Wir wollen keine Initiative, um Versicherungen zu füttern, wir wollen von der staatlichen Ad-hoc-Hilfe wegkommen.“ – Martin Hahn, Landtagsabgeordneter
„Wir wollen keine Initiative, um Versicherungen zu füttern, wir wollen von der staatlichen Ad-hoc-Hilfe wegkommen.“ – Martin Hahn, Landtagsabgeordneter | Bild: SK

Etwa fünf Prozent solle den Landwirt eine Versicherungsprämie dann zukünftig kosten, die andere Hälfte vom Staat getragen werden, erklärt Martin Hahn die Idee und betont: „Wir wollen keine Initiative, um Versicherungen zu füttern, wir wollen von der staatlichen Ad-hoc-Hilfe wegkommen.“

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Kaum Gewinne wegen Apfelüberangebots

So ähnlich stellt sich das auch Hubert Sträßle vor: „Ich will keine Förderung, sondern einen vernünftigen Preis für mein Obst“, sagt er. Denn derzeit verdiene nur der Einzelhandel. Und dem sei egal, ob die Früchte vom Bodensee oder aus Neuseeland stammen. Bei 30 Cent lägen seine Produktionskosten für ein Kilogramm Elstar, rechnet er vor. Im vergangenen Jahr habe er 31 Cent dafür bekommen und aufgrund des Apfelüberangebots habe er einen Teil für 18 Cent als Mostobst abgeben müssen. „Im Jahr davor haben wir alles durch den Frost verloren und dieses Jahr war es während der Blüte so kalt, dass die Äpfel Rost bekommen haben.“ Gewinn sei unter diesen Umständen wieder kaum in Sicht.

Dieser Apfel hat es 2018 nicht in den Supermarkt schaffen: Er hat einen Sonnenbrand.
Dieser Apfel hat es 2018 nicht in den Supermarkt schaffen: Er hat einen Sonnenbrand. | Bild: Andreas Strobel

Initiative wünscht sich steuerbegünstigte Risikoausgleichsrücklage

Doch genau darauf basiert die zweite Forderung der Initiative. „Wir wünschen uns vom Finanzministerium eine steuerbegünstigte Risikoausgleichsrücklage nach dem Prinzip der Gewinnrücklage in einer GmbH“, sagt Martin Hahn. So soll eine zweckgebundene Klimagefahrenrücklage in Höhe von einem halben bis einem Jahresumsatz in den Ansparjahren das Einkommen des Bauern steuerlich mindern und die Versteuerung würde erst bei Auflösung der Rücklage in Kraft treten. Vorausgesetzt, der Landwirt hat sich versichert. „Im Prinzip sinnvoll“, findet Sträßle, „aber seit Jahren sind die Einnahmen im Obstbau so schlecht, dass wir dazu nicht in der Lage sind“.