Kurz vor Beginn der neuen Jagdsaison finden derzeit an vielen Orten sogenannte Hegeschauen statt. Dabei werden die Geweihe des im vergangenen Jahr erlegten Wildes ausgestellt. Anhand der Trophäen soll der gesundheitliche Zustand der erlegten Tiere im Jagdgebiet begutachtet werden. In Baden-Württemberg ist die verpflichtende Hegeschau schon vor etlichen Jahren abgeschafft worden, in Bayern, Vorarlberg und der Schweiz dagegen immer noch im Jagdgesetz verankert. Unter Jägern sind die Trophäenschauen umstritten.

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Jäger wenden sich in offenem Brief an den Vorarlberger Landrat

Reinhard Rädler ist Jäger aus Leidenschaft. Mit seinen Jägerkollegen ist er oft im benachbarten Vorarlberg in der Gegend von Möggers unterwegs. Rädler und seine Kollegen protestieren regelmäßig gegen die Hegeschauen. In einem offenen Brief an den Vorarlberger Landrat Erich Schwärzler schreiben sie: "Die gesetzlich vorgeschriebene jährliche 'Hegeschau', die ihrem Wesen nach eine Trophäenschau ist, ist im Hinblick auf die Problematik alles andere als förderlich. In vielen Fällen wird das Wild mit Fütterungen, welche oft alles andere als wiederkäuergerecht sind, regelrecht herangemästet. Nicht zuletzt dazu, damit auf den sogenannte Hegeschauen eine ordentliche Trophäe präsentiert werden kann."

Reinhard Rädler (ganz links) demonstriert mit einigen Jägerkollegen gegen die verpflichtende Hegschau mit rot bemalten Geweihen.
Reinhard Rädler (ganz links) demonstriert mit einigen Jägerkollegen gegen die verpflichtende Hegschau mit rot bemalten Geweihen. | Bild: Privat

Protest: Rädler und seine Mitstreiter gehen mit rot gefärbten Geweihen zur Hegeschau

Aus Protest ist Rädler gemeinsam mit 15 Mitstreitern mit rot eingefärbten Geweihen zur Hegeschau gekommen. Warum er und seine Kollegen den Wald anders bewirtschaften als üblich, erklärt der Jäger so: "Wir haben die Jagd selbst in die Hand genommen und sind von der herkömmlichen Jagdverpachtung auf Eigenbewirtschaftung umgestiegen. Seit diesem Zeitpunkt, und das sind mittlerweile doch schon über 30 Jahre, haben wir sehr viel Erfahrung gesammelt, und können die schönsten Trophäen des Landes vorzeigen, nämlich eine flächendeckende, funktionierende Naturverjüngung der Weißtanne, aber auch sämtliche anderen Baumarten kommen standortgerecht durch Naturverjüngung auf. Der Weg war und ist steinig." Als Jäger müsse man sich mitunter viel anhören, vom "Bambimörder" bis zum "Alles-Abknaller" reiche die Spanne der Beleidigungen. Doch "ein funktionierendes Ökosystem Wald setzt ein standort-, wald- und wildgerechtes Verhältnis zwischen Wald und Wild voraus, welches einen relativ hohen Abschuss fordert", sagt Rädler.

Eine Gruppe von Jägern aus dem vorarlbergischen Möggers um Reinhard Rädler demonstriet mit rot angemalten Rehgeweihen gegen die Pflicht der Hegeschauen.
Eine Gruppe von Jägern aus dem vorarlbergischen Möggers um Reinhard Rädler demonstriet mit rot angemalten Rehgeweihen gegen die Pflicht der Hegeschauen. | Bild: Privat

Keine Proteste gegen Pflichthegeschauen in St. Gallen

Im schweizerischen St. Gallen ist die Hegeschau zwar auch verpflichtend, aber Widerstand regt sich laut Dominik Thiel, Leiter des Amtes für Natur, Jagd und Fischerei nicht: "Es gab noch nie Proteste, ist mir fremd", sagt er. Bei den Hegeschauen könne man anhand der abgelieferten Trophäen das Alter der erlegten Tiere bestimmen und somit Rückschlüsse auf die Bestände ziehen, erklärt er den Sinn der Veranstaltungen.

Kreisjägermeister Hartmut Kohler aus Überlingen: Trophäen haben Bedeutung verloren

Hartmut Kohler, Kreisjägermeister im Kreisverein Badische Jäger Überlingen dagegen weiß, wie es ohne die verpflichtende Hegeschau aussieht. Bereits seit elf Jahren gibt es im Verein keine Trophäenschauen mehr. Der Kreisjägermeister ist der Meinung: "Trophäen von Rehböcken sind nach meiner Ansicht kein zuverlässiges Merkmal für den Gesundheitszustand und die körperliche Entwicklung des männlichen Rehwildes. Wechselnde Faktoren für die Geweihbildung sind Klima, Beunruhigung, Rivalität und Biotopqualität. Früher wurden die Trophäen als Maßstab für weidgerechtes Jagen angesehen. Fehlabschüsse wurden gerügt. Heute legen die Förster, Behörden und Grundeigentümer vor allem Wert auf Bestandsreduktion, zumindest auf eine wildschadensbezogene Bejagung." Damit hätten die Trophäen an Bedeutung verloren.

In Bayern, der Schweiz und Österreich sind Hegeschauen noch Pflicht, in Baden-Württemberg dagegen seit einigen Jahren freiwillig.
In Bayern, der Schweiz und Österreich sind Hegeschauen noch Pflicht, in Baden-Württemberg dagegen seit einigen Jahren freiwillig. | Bild: Susanne Hogl

Bayerischer Jagdverband hält an Hegeschauen fest

In Bayern, wo die Hegeschau Pflicht ist, regt sich in einigen Gegenden auch Widerstand. Eine im bayerischen Landtag eingebrachte Petition, die die Abschaffung der Trophäenschau gefordert hatte, wurde vom Landwirtschaftsausschuss jedoch im vergangenen Jahr abgelehnt. Jürgen Vocke, Präsident des Bayerischen Jagdverbandes, begrüßte die Entscheidung. "Die Pflichthegeschau ist eine optimale Informationsbörse und ein perfektes Instrument, mit dem die Jäger ihrer Verpflichtung für das Allgemeinwohl nachkommen können", ist in einer Stellungnahme auf der Internetseite des bayerischen Jagdverbands zu lesen.

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Auch Vorsitzender des Kreisjagdverbands Lindau betont Bedeutung der Schauen

Rudolf Fritze, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Lindau, findet Hegeschauen wichtig – auch für den Austausch zwischen Jägern und Behördenvertretern.
Rudolf Fritze, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Lindau, findet Hegeschauen wichtig – auch für den Austausch zwischen Jägern und Behördenvertretern. | Bild: Susanne Hogl

Auch Rudolf Fritze, Vorsitzender des Kreisjagdverbandes Lindau, betonte kürzlich bei der Hegeschau im schwäbischen Heimenkirch: "Meiner Meinung nach ist die jährliche Hegeschau ein wichtiger Treffpunkt, damit sich die Jäger zwanglos mit Vertretern der Forstämter und anderer Behörden, wie beispielsweise Vertretern des Landratsamtes austauschen können."