Kaum kommt die Sonne hinter den dichten Wolken hervor, ist ein erstes Summen zu hören. Zielsicher steuern Wildbienen den Nistkasten an und versuchen durch den feinen Maschendraht zu fliegen, der ihre Niströhren vor dem Zugriff von Vögeln schützt. Manche transportieren Lehmklumpen und Wasser, um nach der Eiablage die Schilfröhrchen oder Bohrlöcher im Holz zu verschließen.

Deutliche Verbesserung nach wenigen Jahren

Ein im Jahr 2010 gestartetes Gemeinschaftsprojekt der Rewe-Gruppe zusammen mit der "Obst vom Bo-densee Vertriebsgesellschaft", der Bodensee-Stiftung und der Imker, um die Lebensbedingungen für Wildbienen zu verbessern und dem Bienensterben entgegenzuwirken, lässt nach acht Jahren einen eindeutigen Trend erkennen: Mit weniger Einsatz von Pflanzenschutzmitteln, ungemähten und unbebauten Flächen, Hecken, Bienenweiden und Nisthilfen können auch intensiv genutzte Obstanlagen einen Lebensraum für eine große Anzahl an Wildbienen bieten.

Der Bau von Bienenhäusern ist eine kleine Kunst: Die Bohrlöcher im Hartholz müssen ohne Splitter und im richtigen Abstand voneinander angebracht sein. Ausgerichtet werden sie nach Süd-Süd-Ost.
Der Bau von Bienenhäusern ist eine kleine Kunst: Die Bohrlöcher im Hartholz müssen ohne Splitter und im richtigen Abstand voneinander angebracht sein. Ausgerichtet werden sie nach Süd-Süd-Ost. | Bild: Anette Bengelsdorf

Wildbienen und Hummeln zugekauft

Andreas von Traitteur baut auf dem Reinachhof in Friedrichshafen-Ailingen Äpfel und Kirschen an. Dabei warfen vor allem letztere die Frage nach der Bestäubung auf. Denn Kirschen blühen früh, oft bevor die "Betriebstemperatur" von Honigbienen erreicht ist.

Andreas von Traitteur ist zufrieden mit der Bestäubungsarbeit seiner Wildbienen.
Andreas von Traitteur ist zufrieden mit der Bestäubungsarbeit seiner Wildbienen. | Bild: Anette Bengelsdorf

"2004 haben wir die ersten Wildbienen beim Wildbienenspezialisten Mike Herrmann in Konstanz bestellt", sagt von Traitteur. Auch Hummeln habe er gekauft und Nisthilfen für die kälteresistenteren Bestäuber gebaut, die in den Obstplantagen inzwischen die Hauptarbeit leisten.

Anders als Honigbienen sind Wildbienen als Singles unterwegs und müssen alleine für ihren Nachwuchs sorgen. Das leisten sie Dank Nisthilfe inzwischen so effizient, dass sie den Job von den Hummeln übernommen haben.

100 Betriebe machen schon mit

Andreas von Traitteur ist nicht der einzige, der sich um das Wohl der kleinen Arbeiterinnen kümmert. Info-Veranstaltungen und Schulungen haben viele Obstbauern begeistert. Waren im zweiten Jahr des Projekts 75 Betriebe beteiligt, sind es inzwischen über 100, die mit Nisthilfen und Blühflächen einen wertvollen Beitrag zur Trendwende leisten.

Sind die Eier gelegt, verschließt die Wildbiene die Röhre mit Lehm. Ein Maschendraht schützt ihre Brut vor Vögeln.
Sind die Eier gelegt, verschließt die Wildbiene die Röhre mit Lehm. Ein Maschendraht schützt ihre Brut vor Vögeln. | Bild: Anette Bengelsdorf

Denn von der Obstblüte alleine kann eine Biene nicht leben und abgemähte Wiesen bieten keinen Lebensraum. Viele Wildbienenarten sind daher vom Aussterben bedroht, denn auch aufgrund ihrer Rüssellänge sind sie oft auf bestimmte Blüten spezialisiert.

Blühende Pflanzen auf 246 Hektar

So wurden mit der Aussaat von weiteren 54 Hektar Bienenweide im vergangenen Jahr mit rund 246 Hektar mehr- und einjähriger Blühflächen, 8800 gepflanzten Bäumen und Sträuchern, 550 installierten Insekten-Nisthilfen sowie Vogel- und Fledermauskästen die Biodiversität in den Niederstamm-Obstanlagen verbessert.

Wissenschaftler begleiten das Projekt

"Die Zusammenarbeit mit den Bauern hat gezeigt, dass mit Geduld etwas erreicht werden kann", sagt Patrick Trötschler von der Bodenseestiftung. Doch werden die Bienenweiden, so dekorativ sie sind, nicht für die Fotogalerie gemacht. Um ihren Nutzen nachzuweisen, wurde sowohl 2013 als auch zuletzt 2017 überprüft, wie wirkungsvoll die Hilfsmaßnahmen in der Bodenseeregion sind.

Viermal im Jahr untersuchte das Büro für angewandte Tierökologie und Botanik in Konstanz 25 Flächen, um Bienen zu zählen und ihre Arten zu bestimmen. Ergebnis: Von 470 in Baden-Württemberg heimischen Wildbienenarten wurden in der Region 117 gezählt, darunter 25 gefährdete Arten. Ein Viertel der Wildbienenarten hielt sich also in den Obstplantagen auf.

Rewe investiert eine Million Euro

Rewe hat auch die lokalen Nabu-Gruppen ins Boot geholt. "Die beiden Fronten – Bauern und Naturschützer – sprechen jetzt miteinander anstatt nur übereinander", sagt der für das Projekt zuständige Mitarbeiter Florian Schäfer. Das bringe einen deutlichen Mehrwert. Und der Anfangspunkt Bodensee zieht Kreise. Eine Million Euro investiert die Rewe-Group inzwischen deutschlandweit in 13 Regionen in das Biodiversitäts-Projekt "Pro Planet".

Ein Jahr vergeht von der Eiablage bis zum Schlüpfen

Zurück zum Nistkasten: 13 Brutzellen hat die Wildbiene in ihrem Schilfröhrchen angelegt. Jede ausgestattet mit einem Ei sowie Nektar- und Pollen-Proviant. Nach wenigen Tagen werden die Larven schlüpfen und sich nach zwei bis vier Wochen einspinnen in einen Kokon, in dem sie den Winter verbringen werden. Erst im nächsten Frühjahr werden sie sich verpuppen, um sich nach weiteren drei Wochen als Wildbienen aus dem Nest zu nagen. Zwischen Eiablage und Schlupf vergeht also beinahe ein Jahr.

 

So sieht die Situation von Wildbienen in Deutschland aus

In Deutschland leben etwa 560 Wildbienenarten. Dazu gehören Hummeln, Pelzbienen, Mauerbienen, Scherenbienen, Woll- und Löcherbienen sowie viele kleine, unscheinbare Arten, die man mit Fliegen oder Wespen verwechseln kann. Etwa 95 Prozent gehören zu den Einsiedlerbienen, leben also alleine. Der Rest, wie zum Beispiel Hummeln, leben in Gemeinschaften oder legen ihre Eier in fremden Nestern ab. Knapp die Hälfte der in Deutschland vorkommenden Wildbienen-Arten ist in ihrem Bestand gefährdet. Monokulturen, enge Fruchtfolge, Flächenversiegelung und die Fragmentierung der Landschaft verkleinern die Lebensräume sowie das Nist- und Nahrungsangebot. Da Wildbienen ihren Nachwuchs nicht verteidigen müssen, sind sie friedlich und eher scheu. Sie stechen höchstens, wenn sie mit der Hand gequetscht werden.