Die Wahrscheinlichkeit, im Bodenseekreis Opfer einer Sexualstraftat zu werden, sei gering, sagt Kriminalhauptkommissar Peter Köstlinger. Betrachtet man die Statistik des Polizeipräsidiums Konstanz der vergangenen zehn Jahre, fällt jedoch auf den ersten Blick eine Tendenz nach oben auf. Wurden im Jahr 2009 im Bodenseekreis noch 75 Delikte erfasst, waren es im Jahr 2013 bereits 114 Fälle.

Mehr Straftaten fließen in die Statistik ein

2015 wurden 84 Straftaten registriert, 2017 waren es 116, im Jahr 2018 bereits 121. Mit durchschnittlich 100 Fälle in den vergangenen fünf Jahren liegt der Wert deutlich über dem von 2009. Auch in den Landkreisen Konstanz (von 180 auf 224 Delikte) und Ravensburg (von 157 auf 193) stiegen die Fallzahlen zwischen 2017 und 2018 an.

Überstreckt man die Fingergelenke des Täters, wird er durch den Schmerz abgelenkt.
Überstreckt man die Fingergelenke des Täters, wird er durch den Schmerz abgelenkt. | Bild: Polizei Baden-Württemberg, Peter Köstlinger

Neue Straftatbestände geschaffen

Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Konstanz sagt zu diesen Zahlen: „Ein Vergleich der Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung der Jahre 2017 und 2018 ist nicht beziehungsweise nur eingeschränkt möglich.“ Denn mit Inkrafttreten des 50. Gesetzes zur Änderung des Strafgesetzbuchs, „Verbesserung des Schutzes der sexuellen Selbstbestimmung“, im November 2016 wurden im Sexualstrafrecht bisherige Straftatbestände geändert und neue Straftatbestände geschaffen. Diese spiegeln sich in den Zahlen der Jahre 2017 und 2018 wider.

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Unter anderem wurde in Paragraf 184 i des Strafgesetzbuchs die sexuelle Belästigung als Straftat gegen die sexuelle Selbstbestimmung eingeführt. Zuvor waren derartige Delikte als Beleidigung auf sexueller Grundlage statistisch anders zugeordnet. In der Folge stiegen die Straftaten im Bereich Sexualdelikte in der Statistik an.

Mehr Bereitschaft zur Anzeige von Sexualstraftaten

Auch könne der Anstieg der Fallzahlen mit einer Veränderung der Anzeigebereitschaft in der Bevölkerung erklärt werden, meint der Sprecher des Polizeipräsidiums. Dennoch haben Vorfälle wie in der Kölner Silvesternacht 2015/2016 und die Vergewaltigungen in Freiburg zunehmend für Verunsicherung gesorgt.

Mit solchen Flaschenverschlüssen lassen sich Getränke vor fremden Substanzen schützen.
Mit solchen Flaschenverschlüssen lassen sich Getränke vor fremden Substanzen schützen. | Bild: Polizei Baden-Württemberg

Landeskriminalamt entwickelt Präventionskonzept

Als Reaktion darauf entwickelte das Landeskriminalamt ein Präventionskonzept, das als Vortrag landesweit den Polizeipräsidien zur Verfügung steht. Der Vortrag soll Frauen helfen, Risiken realistisch einzuschätzen und Handlungskompetenzen zu entwickeln.

Das rät die Polizei Frauen

Prävention:

  • Sind Frauen abends allein unterwegs, sollten sie sich grundsätzlich Gedanken über das Transportmittel machen, besonders im Hinblick auf den Rückweg. Fuß- und Radwege sollten so gewählt werden, dass sie durch bewohnte Gebiete führen.
  • Wer mit dem Auto unterwegs ist, sollte so parken, dass der Weg nicht über dunkle, einsame Straßen führt.
  • Auch die Heimfahrt mit Bus oder Zug kann kritisch sein. Täter warten oft auf dem Weg zur Haltestelle auf ihr potenzielles Opfer. Sind die meisten Passagiere ausgestiegen, bleibt eine Frau vielleicht mit der falschen Person zurück. Besser ist es, mit dem Taxi oder in Begleitung nach Hause zu fahren. Täter suchen sich einzelne, schwache Personen aus.
  • Lässt es sich nicht vermeiden, allein Bus oder Zug zu fahren, rät die Polizei, den Waggon mit den meisten Passagieren zu wählen oder im Bus vorn in der Nähe des Fahrers zu sitzen. Dabei nie den Fensterplatz wählen, sondern immer den Platz am Gang, damit der Fluchtweg offenbleibt.
  • In Diskotheken werden Frauen gelegentlich mit K. O.-Tropfen bewusstlos gemacht. Daher sollten Frauen grundsätzlich ihre Getränke beim Servicepersonal bestellen und nie einen Fremden bitten, etwas mitzubringen. Das Getränk keinesfalls unbeaufsichtigt lassen. In Abwesenheit sollte es eine Vertrauensperson im Auge behalten. Bunte Flaschenverschlüsse mit einem kleinen Auslass verhindern, dass K. O.-Tropfen in die Flasche gelangen.

Arbeit mit dem Täter:

  • Wird sie angesprochen oder beleidigt, sollte sie die Person grundsätzlich ignorieren. Auch mit Fragen wie nach der Uhrzeit oder nach Wechselgeld versuchen Täter, ihr Opfer anzulocken. Sie sollten, wie alle Provokationen, nicht beachtet werden.
  • Ist eine Frau allein unterwegs, sollte sie nie einen fremden Mann für ein Fehlverhalten kritisieren, da sie sich damit in dessen „Magnetfeld“ begibt.
  • Eine Frau sollte einen Angreifer niemals beleidigen, sondern klar formulieren, was sie stört. Dabei sollte sie ihren Angreifer nicht Duzen, sondern Siezen. So bemerken auch Umstehende, dass es sich um eine Auseinandersetzung mit einem Fremden handelt.
  • Hilft das nicht, sollten Frauen schreien. Hilfreich sind auch Trillerpfeifen oder ein Schrillalarm, um einen Alarmton auszusenden. Damit der Täter das Gerät nicht zerstören kann, muss es nach der Aktivierung für ihn unerreichbar weggeworfen werden.

Notwehr:

  • Gelingt es nicht, den Täter in die Flucht zu schlagen, hilft nur körperliche Gewalt:
  • Von Elektroschockern, Pfefferspray und Schreckschusspistolen rät die Polizei grundsätzlich ab. Mit einem kleinen Waffenschein darf man zwar eine Waffe dabeihaben. Diese kann jedoch auch der Täter gegen sein Opfer einsetzen.
  • Effektiv ist es, den Täter am Kopf wegzuschieben und ihm dabei die Daumen in die Augen zu bohren. Ein Schlag gegen die Nase oder mit den flachen Händen gleichzeitig auf die Ohren sowie Tritte gegen das Schienbein oder die Genitalien sind ebenso wirksam wie das Überstrecken von Gelenken. Durch den Schmerz wird der Angreifer kurzzeitig abgelenkt und das Opfer kann eventuell entkommen.
  • Gelingt die Flucht, sollten Frauen immer zu einem belebten Ort hinlaufen und nie versuchen, sich im Dunkeln zu verstecken.