In Überlingen-Lippertsreute ist die Welt noch in Ordnung: Die Kinder tollen in der Pause auf der Wiese herum oder klettern auf den Spielgeräten. Auf dem großen Außengelände der Grundschule kann jeder den Frühlingstag nach seinem Temperament nutzen. „Ein Unterschied zu größeren Schulen ist, dass unsere Kinder ausgeglichen aus der großen Pause kommen“, sagt Carmen Kindler. „Die Zeit, in der sie sich austoben und entspannen sollen, ist leider oft ein Konfliktfeld.“ Die Leiterin der Grundschule hat Erfahrungen an kleinen und größeren Schulen gesammelt und sich aus persönlichen Gründen für den ländlichen Standort mit 48 Kindern in zwei altersgemischten Klassen entschieden.

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Als Carmen Kindler im Sommer 2018 den lange Zeit unbesetzten Posten übernahm, waren alle erleichtert. Die größte Last fiel von Wolfgang Panzner ab. Er hatte vier Jahre lang kommissarisch die Leitung inne – neben seinen Aufgaben als Rektor der Überlinger Burgbergschule. In einem Jahr musste dabei wegen der Erkrankung einer Lehrkraft eine Klasse täglich nach Überlingen gefahren werden. „Wir haben uns an alle Stellen gewandt und viel Verständnis bekommen, aber keine Hilfe!“, erinnert sich Hendrik Wocher vom Elternbeirat. „Wenn Frau Kindler nicht gekommen wäre, hätten wir die Schließung wahrscheinlich nicht mehr verhindern können.“

203 Schulleiterposten nicht besetzt

Lippertsreute ist kein Einzelfall: In Baden-Württemberg waren zu Beginn des aktuellen Schuljahres 203 Schulleiterposten nicht besetzt, davon 132 an Grundschulen. „Das Problem haben wir seit vielen Jahren und große Schwierigkeiten, Leiter an die kleinen Grundschulen zu bekommen“, erläutert Christine Sattler, Pressesprecherin des Kultusministeriums. Kein Wunder also, dass Carmen Kindler bei ihrer Einsetzung von allen Verantwortlichen als „Glücksfall“ bezeichnet wurde. Sie hatte als Konrektorin in Albstadt bereits kommissarisch eine Schule geleitet und entschied sich nach ihrem familiär bedingten Umzug an den Bodensee auch aus pragmatischen Gründen für eine Bewerbung in Lippertsreute. Als junge Mutter schätzt sie kurze Wege.

Hendik Wocher ist Elternbeirat in Lippertsreute. „Wenn Frau Kindler nicht gekommen wäre, hätten wir die Schließung wahrscheinlich nicht mehr verhindern können“, sagt er.
Hendik Wocher ist Elternbeirat in Lippertsreute. „Wenn Frau Kindler nicht gekommen wäre, hätten wir die Schließung wahrscheinlich nicht mehr verhindern können“, sagt er. | Bild: Sabine Busse

Bei ihrem Resümee nach einem halben Jahr im Amt listet Carmen Kindler viele positive Punkte auf, die vor allem die menschlichen Aspekte und die Zusammenarbeit in der Schulgemeinschaft betreffen. „Ich finde es gut, neben den Leitungsaufgaben trotzdem weiter mit Kindern zu arbeiten“, sagt sie. „Auch der Kontakt zum Schulträger ist sehr positiv.“ Das ist die Stadt Überlingen, wo sie bereits das Geld für einen wöchentlichen Bus zum Schwimmbad nach Mühlhofen locker machen konnte, sodass alle Kinder Schwimmunterricht bekommen.

„Die Aufgaben der Schulleitung unterscheiden sich nicht, egal, um welche Größe und Schulart es sich handelt. Aber die Bezahlung unterscheidet sich deutlich.“

Carmen Kindler

Das zu organisieren kostet Zeit. Hier kommt das kritische Fazit. Als Rektorin bekommt Kindler zehn Lehrerstunden für Verwaltungsaufgaben angerechnet – das reicht hinten und vorne nicht. „Die Aufgaben der Schulleitung unterscheiden sich nicht, egal, um welche Größe und Schulart es sich handelt. Aber die Bezahlung unterscheidet sich deutlich“, sagt Carmen Kindler. Wertschätzung definiere sich auch über den Geldbeutel. Dieser Meinung ist auch Hendrik Wocher: „Wir sind ein reiches Bundesland. Wir können doch nicht nur auf den Idealismus der Lehrer setzen und müssen auch finanzielle Anreize schaffen.“

Kein eigenes Büro, viele Sekretariatsaufgaben

Als Leiterin einer kleinen Grundschule muss sich Carmen Kindler damit abfinden, kein eigenes Büro zu haben und viele Sekretariatsaufgaben zu übernehmen. Dazu muss sie guten Unterricht machen, den Eltern gerecht werden, Beurteilungen schreiben und Statistiken erstellen. Dann sind da noch die Fortbildungen, die in der zweijährigen Probezeit verpflichtend sind, egal, wie viel Erfahrung jemand mitbringt. Carmen Kindler war gerade drei Tage zur Fortbildung weg. Diese Abwesenheit ist in einer kleinen Schule schwer abzufedern. „Kritisch wird es, wenn – wie im Januar – zwei Kolleginnen gleichzeitig krank werden“, sagt Carmen Kindler. „Dann muss ich alles liegen und stehen lassen und unterrichten.“

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Schulleitung als Job für Idealisten

Die Leitung einer Grundschule ist also etwas für Idealisten. „Das Land und die Ministerin bekennen sich ausdrücklich zu den kleinen Grundschulen und wollen keine Schließungen“, sagt Christine Sattler vom Kultusministerium. Um endlich mehr Bewerber für die Leitungsposten zu bekommen, hat Kultusministerin Susanne Eisenmann bereits 2018 ein Konzept zur Steigerung der Attraktivität und Entlastung von Aufgaben vorgelegt. Das würde zurzeit in der Koalition beraten, so Christine Sattler weiter. Sie seien zuversichtlich, dass man sich bald auf die Umsetzung verständigen könne.

Ist die Nähe zum Wohnort das wichtigste Kriterium?

Auch die Kommunen stehen zu der Prämisse „Kurze Beine, kurze Wege“. „Die Stadt Überlingen hat bisher den Erhalt der kleinen Grundschulen als politisches Ziel im Schulentwicklungsplan und in seinen Fortschreibungen beschlossen“, schreibt die Pressestelle. Es gibt aber auch Kritiker, die die Nähe zum Wohnort nicht als wichtigstes Kriterium einer Schule sehen. Der Bundesrechnungshof stellte in einem 2018 veröffentlichten Gutachten fest: „Kleine Grundschulen verursachen überdurchschnittliche Personalmehrausgaben und binden Lehrkräfteressourcen.“

Grundschullehrer sind aber gerade Mangelware und es wird dauern, bis der Ausbau der Studienplätze Wirkung zeigt. In Überlingen werden gerade für zwei weitere kleine Grundschulen Rektoren gesucht, genau wie für die Grundschule Leimbach in Markdorf, die Wildensteinschule in Leibertingen sowie die Grundschule Göggingen in Krauchenwies.

Für die Grundschule Markdorf-Leimbach – hier die Einschulung 2018 – wird derzeit eine Rektorin oder ein Rektor gesucht.
Für die Grundschule Markdorf-Leimbach – hier die Einschulung 2018 – wird derzeit eine Rektorin oder ein Rektor gesucht. | Bild: Heuser, Christoph

Standortfaktor für die Dorfentwicklung

Wie das Lebensmittelgeschäft gehört die Grundschule zur Infrastruktur eines Dorfes. „Wer die Landflucht stoppen will, muss die kleinen Grundschulen erhalten“, sagt Hendrik Wocher. Rektorin Carmen Kindler ist selbst vor Kurzem an den Bodensee gezogen und kennt die Probleme junger Familien, bezahlbaren Wohnraum oder ein Baugrundstück zu finden. Um ins Hinterland ausweichen zu können, benötigen sie dort eine intakte Infrastruktur.

Die Schülerzahlen der Grundschulen im Bodenseekreis im laufenden Schuljahr 2018/19

  • Grundschule Bermatingen: 149
  • Grundschule Deggenhausertal: 154
  • Grundschule Eriskrich: 171
  • Grundschule FN-Ailingen: 214
  • Außenstelle Berg: 46
  • Grundschule FN-Fischbach: 240
  • Außenstelle Schnetzenhausen: 63
  • GWRS FN, Ludwig-Dürr: 206
  • GWRS FN, Pestalozzi: 295
  • Grundschule FN, Albert-Merglen: 168
  • Grundschule FN-Ettenkirch, Don-Bosco: 43
  • Grundschule FN-Kluftern: 114
  • Grundschule Frickingen: 92
  • Grundschule Hagnau: 43
  • Grundschule Stetten: 29
  • Grundschule Heiligenberg: 82
  • Grundschule Immenstaad: 194
  • GWRS Kressbronn: 70
  • Grundschule Kressbronn (Nonnenbach): 177
  • Grundschule Langenargen: 239
  • Grundschule Markdorf: 371
  • Grundschule Markdorf-Leimbach: 138
  • Grundschule Meckenbeuren, Albrecht-Dürer: 137
  • Grundschule Meckenbeuren, Eduard-Mörike: 42
  • Grundschule Meckenbeuren-Brochenzell: 113
  • Grundschule Meckenbeuren-Kehlen: 128
  • Grundschule Neukirch: 106
  • Grundschule Owingen: 167
  • Grundschule Oberteuringen: 200
  • Grundschule Salem-Mimmenhausen: 157
  • Grundschule Salem-Beuren: 74
  • Grundschule Salem-Neufrach: 110
  • Grundschule Sipplingen: 54
  • Grundschule Tettnang, Schillerschule: 235
  • Grundschule Tettnang, SG Argental, Hiltensweiler: 88
  • Außenstelle Obereisenbach: 85
  • Grundschule Tettnang-Kau: 96
  • Grundschule Uhldingen-Mühlhofen: 142
  • Außenstelle Mühlhofen: 62
  • Grundschule Überlingen-Burgberg: 243
  • Grundschule Überlingen-Hödingen: 69
  • Grundschule überlingen-Lippertsreute/Deisendorf: 46
  • Grundschule Überlingen-Nußdorf: 80

Quelle: Regierungspräsidium Tübingen

Die Schülerzahlen der Grundschulen im Kreis Sigmaringen im laufenden Schuljahr 2018/19

  • Grundschule Bad Saulgau-Renhardsweiler: 82
  • Grundschule Bad Saulgau, Berta-Hummel: 540
  • Grundschule Bingen: 61
  • Grundschule Gammertingen-Feldhausen: 36
  • GWRS Gammertingen: 155
  • Grundschule Herbertingen: 160
  • Außenstelle Hundersingen: 18
  • Außenstelle Marbach: 12
  • Grundschule Herdwangen-Schonach: 57
  • Grundschule Herdwangen-Großschonach: 57
  • Grundschule Hettingen: 56
  • Grundschule Hohentengen: 113
  • Außenstelle Völlkofen: 45
  • Grundschule Illmensee: 98
  • Grundschule Inzigkofen-Vilsingen: 50
  • Außenstelle Inzigkofen: 62
  • GHS Krauchenwies: 75
  • Außenstelle Ablach: 60
  • Außenstelle Hausen: 17
  • Grundschule Krauchenwies-Göggingen: 60
  • Grundschule Leibertingen: 65
  • Grundschule Mengen, Ablachschule: 327
  • GWRS Meßkirch, Conradin-Kreutzer: 248
  • Grundschule Meßkirch-Rohrdorf: 38
  • Grundschule Neufra: 47
  • GWRS Pfullendorf: 65
  • Grundschule Pfullendorf am Härle: 220
  • Außenstelle Löwen: 82
  • Grundschule Pfullendorf-Montessorischule Linzgau: 56
  • Grundschule Pfullendorf-Denkingen: 31
  • GHS Saulgau-Rast: 89
  • Grundschule Scheer: 69
  • Grundschule Schwenningen: 75
  • GWRS Sigmaringen Bilharz: 155
  • Grundschule Sigmaringendorf: 120
  • Grundschule Sigmaringen-Laiz: 129
  • Grundschule Sigmaringen Geschwister Scholl: 210
  • Grundschule Veringenstadt: 66

Quelle: Regierungspräsidium Tübingen