Beinahe ging die handgeschnitzte Galionsfigur der „Regina Maris“ im Sturm der Biscaya verloren. Doch die Besatzung konnte die gekrönte Meeresgöttin mit dem Hund unter dem Arm aus den Fluten retten. Gemeinsam, mutig, und mit einem bisschen Glück. Zusammen mit 35 weiteren jungen Menschen aus Europa hat sich Jan Feist dafür entschieden, den 12 000 Kilometer langen Weg von Amsterdam zur UN-Klimakonferenz (COP 25) in Santiago de Chile nicht mit einem 17-Stunden-Flug, sondern mit einer kombinierten Schiffs- und Busreise zurückzulegen. Was sie da noch nicht wussten, die Klimakonferenz in Chile wird Ende Oktober wegen Unruhen im Land abgesagt, später nach Madrid verlegt.

Jan Feist (23) kommt aus Ravensburg und hat in Amsterdam Umweltwissenschaften studiert.
Jan Feist (23) kommt aus Ravensburg und hat in Amsterdam Umweltwissenschaften studiert. | Bild: Sail to the COP

Auch ein komfortables Kreuzfahrtschiff kam für die Klimaaktivisten nicht in Frage. Sie sind seit dem 2. Oktober auf einem traditionellen 48 Meter langen Dreimastschoner mit einer Segelfläche von 600 Quadratmetern unterwegs. „Wir wollen auf die fehlende Berücksichtigung von internationalem Flug- und Schiffsverkehr in den UN-Klimaverhandlungen aufmerksam machen, und darauf, dass nachhaltiges Reisen mit Zug und Bus attraktiver werden muss“, sagte der ehemalige Ravensburger zu seiner Motivation, statt entspannt Tomatensaft über den Wolken zu schlürfen, sieben Wochen lang auf Masten zu klettern, das Schiff zu steuern, mit Sturm, Flaute und Seekrankheit zu kämpfen.

Jan Feist, der am Welfen-Gymnasium in Ravensburg 2014 Abitur machte, hatte schon früh den Traum Pilot zu werden. Bereits mit 14 Jahren begann er mit der Segelflugausbildung und war fasziniert davon, die Thermik und damit das Potenzial der Natur zu nutzen. Beinahe jedes Wochenende verbrachte er in der Luft, entwickelte dabei ein ausgeprägtes Umweltbewusstsein und begann mit 19 ein Studium der Umweltwissenschaften am Amsterdam University College.

In Gruppen arbeitet die Denkfabrik an Bord – Jan Feist im pinkfarbenen T-Shirt – am Thema nachhaltige Mobilität.
In Gruppen arbeitet die Denkfabrik an Bord – Jan Feist im pinkfarbenen T-Shirt – am Thema nachhaltige Mobilität. | Bild: Sail to the COP

„Während meines Studiums war ich an verschiedenen Umweltprojekten beteiligt und vertiefte mich in die Zusammenhänge zwischen Landwirtschaft und der sich zuspitzenden Klimakrise“, erzählte der 23-Jährige. So koordinierte er das Landwirtschafts- und Nahrungsmittelprogramm der ersten niederländischen Jugendklimakonferenz, kehrte für ein Praktikum bei der Solidarischen Landwirtschaft Ravensburg kurzzeitig zurück in die Heimat und leitete nach Abschluss seines Studiums im vergangenen Jahr sechs Monate lang ein experimentelles, vertikales Landwirtschaftsprojekt in Amsterdam.

Die Regina Maris liegt im Hafen von Santa Cruz auf Teneriffa.
Die Regina Maris liegt im Hafen von Santa Cruz auf Teneriffa. | Bild: Sail to the COP

Dann stieß er auf das Projekt „Sail to the COP“, dessen Initiatoren er zum Teil persönlich kannte. Für ihn die perfekte Gelegenheit, sich einen Traum zu erfüllen und dabei einen positiven Beitrag zum Klimaschutz zu leisten. Schon länger träumte er davon, so klimaschonend wie möglich Südamerika zu bereisen, um dort Erfahrung mit regenerativer Landwirtschaft zu sammeln.

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Dazu kam, dass er zwar von der Luftfahrt fasziniert ist, jedoch auch ihre schädlichen Auswirkungen auf das Weltklima kennt und somit aus zwei Blickwinkeln auf das Problem schauen kann. Mit einem kürzlich beschlossenen nationalen Klimaabkommen haben sich die Niederlande zum Ziel gesetzt, bis 2030 ihre Treibhausgasemissionen um 49 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren. Um diesen Plan zu erreichen, sollen unter anderem auf Kurzstrecken Zug- statt Flugreisen gefördert werden. Von „Sail to the COP“ erhofft sich das Ministerium dafür Pläne und Lösungen.

Zu Beginn der Reise war die See rau, erst auf Höhe von Portugals Küste besserten sich die Bedingungen.
Zu Beginn der Reise war die See rau, erst auf Höhe von Portugals Küste besserten sich die Bedingungen. | Bild: Sail to the COP

Am frühen Morgen des 28. Oktober lief die „Regina Maris“ schließlich in den Hafen von Mindelo der Kapverdischen Insel Sao Vicente ein. „Die ersten zwei Wochen auf der Nordsee waren für viele Teilnehmer sehr anstrengend“, berichtete Jan Feist. Erst ab der portugiesischen Küste sei die See immer ruhiger geworden. Nach einem kurzen Stopp in Brest und Casablanca bot sich während eines viertägigen Aufenthalts in Santa Cruz auf Teneriffa den frischgebackenen Seebären Gelegenheit, Landluft zu schnuppern und ihre Seebeine loszuwerden.

Die „Regina Maris“ ist ein Dreimastschoner mit einer Segelfläche von 600 Quadratmetern.
Die „Regina Maris“ ist ein Dreimastschoner mit einer Segelfläche von 600 Quadratmetern. | Bild: Sail to the COP

Nur 24 Stunden wollte der Großsegler bleiben, um mit neuen Vorräten an Bord für die Atlantiküberquerung nach Recife in Brasilien abzulegen. Zwölf Tage lang würde die Gruppe der Aktivisten dann offline sein und nicht mit dem Rest der Welt kommunizieren. Doch Langeweile war nicht eingeplant. Eine Gruppe von sechs Leuten hilft in wechselnden Schichten täglich vier Stunden lang der Crew das Schiff zu segeln, es muss geputzt, gekocht und geflickt werden, weitere vier Stunden arbeiten die Hochschulabsolventen in verschiedenen Gruppen in der Denkfabrik.

Jan Feist (vorn links) ist mit 35 jungen Europäern nach Santiago de Chile unterwegs.
Jan Feist (vorn links) ist mit 35 jungen Europäern nach Santiago de Chile unterwegs. | Bild: Sail to the COP

Ging es dabei zunächst um die Problemanalyse, soll der Schwerpunkt während der Überquerung bereits auf den Lösungen liegen. „Die Arbeit in unserer schwimmenden Denkfabrik soll konkrete Lösungsansätze hervorbringen mit denen wir den politischen Prozess bei der COP25 beeinflussen können“, sagte Jan Feist. Die Ergebnisse sollen als Vision mit klar formulierten Forderungen an Politik und Industrie beim Klimagipfel Anfang Dezember vorgestellt und auch danach kommuniziert werden.

So waren die Tage meist ausgefüllt und obwohl alle auf engstem Raum zusammenleben, könne es sein, dass sich manche Gruppen gar nicht begegnen, berichtete Jan Feist während seines Landgangs auf den Kapverdischen Inseln. Nach der Atlantiküberquerung wäre mit der Fahrt von Recife nach Rio de Janeiro eine weitere Etappe von mehr als 2000 Kilometern bevorgestanden.

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Von dort wären es nur noch 4000 Kilometer mit dem Bus bis Santiago de Chile gewesen, wo am 2. Dezember die UN-Klimakonferenz beginnen sollte. Doch angesichts anhaltender Massendemonstrationen für mehr soziale Gerechtigkeit, Ausschreitungen und Polizeigewalt sagte Chile am 30. Oktober die Klimakonferenz ab. In der Hoffnung, die Konferenz würde in einem anderen lateinamerikanischen Land oder erst 2020 in Bonn stattfinden, setzte die Regina Maris ihre Atlantiküberquerung fort. Dann sprang die spanische Hauptstadt Madrid als Gastgeber ein.

Die Galionsfigur war im Sturm verloren gegangen.
Die Galionsfigur war im Sturm verloren gegangen. | Bild: Sail to the COP

Die Suche nach einem Wunder, einem schnellen Schiff, das die 36 Aktivisten innerhalb von etwa zwei Wochen von Brasilien zurück nach Madrid hätte bringen können, verlief ergebnislos. Und die gekrönte Meeresgöttin ist einfach nicht schnell genug. So veröffentlichten sie am 4. November einen offenen Brief von der Mitte des Atlantiks (13°27.731 N 31°58.935 W), in dem sie an die Teilnehmer der Klimakonferenz appellieren: „Fahrt mit der Bahn!“ „Wir werden nicht rechtzeitig dort sein können. Aber wir wollen, dass ihr nachhaltig reist. Der Vorteil: Ihr könnt nicht seekrank werden.“