Ausbilder Thomas Hartnegg guckt sich das Werkstück genau an. „Gut gemacht“, sagt er und klopft Napoleon Aniche auf die Schulter. Der greift gleich wieder zum Schweißgerät und fügt die nächsten Metallplatten aneinander. Aniche ist Elektroingenieur und ehemaliger Schulleiter aus Nigeria und wird in Zukunft eine neue Berufsschule in der Stadt Okigwe leiten. Im September hospitiert er in Ravensburg und im Bodenseekreis in Handwerksbetrieben und Berufsschulzentren. „Wir unterstützen das gern, das ist eine gute Sache. Schweißen verbindet“, sagt Hartnegg.

Handwerker spenden drei Lehrwerkstätten, Schüler jobben für Transport

Mit dem Projekt „Beweg was“ der Bodensee-Schule St. Martin startete die Idee vor zwei Jahren. Schon lange engagieren sich Schüler, Eltern und Lehrer in Zusammenarbeit mit dem nigerianischen Pfarrer Josephat Nwanko für zwei Schulen in der Region um Okigwe. „Aber es gibt dort für Schüler und auch für fertige Studenten keine Berufsperspektive, es fehlt der Mittelstand“, sagt Elternvertreterin Alexandra Jelitte-von Ow. Eine Berufsschule nach deutschem Vorbild soll den Schülern die Chance geben, sich vor Ort eine Existenz aufzubauen. Dafür haben Handwerker der Region drei komplette Lehrwerkstätten für Schreiner, Schlosser und Maurer gespendet, Schüler der Bodensee-Schule jobbten für den Transport.

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„Mir gefällt die Verbindung von Theorie und Praxis hier, das werde ich auch so machen.“
Napoleon Aniche

Im nächsten Schritt informiert sich der zukünftige Leiter Aniche über die berufliche Ausbildung in Deutschland. „Mir gefällt die Verbindung von Theorie und Praxis hier, das werde ich auch so machen. Und mich hat beeindruckt, wie diszipliniert und fokussiert die Deutschen sind“, sagt er. Er hat nach einem Studium der Elektrotechnik als Lehrer gearbeitet, war Rektor eines Gymnasiums und in der Lehrergewerkschaft aktiv. Mit 60 ist er eigentlich Rentner. „Ich könnte jetzt Geld als Elektroingenieur verdienen. Aber ich ziehe es vor, einen Dienst an den Menschen und an Gott zu tun“, sagt er.

Sein Lehrergehalt wird von den Lehrern der Bodensee-Schule gespendet. Für Lehrer Andreas Glatz, der die Zusammenarbeit koordiniert, ist er die ideale Besetzung: „Napoleon Aniche hat das technische Verständnis und Erfahrung in Pädagogik und Verwaltung.“

Napoleon Emenike Aniche (Mitte) berichtet Susanne Schwaderer (links), Alexandra Jelitte-von Ow und Andreas Glatz von seinen Erfahrungen in Deutschland.
Napoleon Emenike Aniche (Mitte) berichtet Susanne Schwaderer (links), Alexandra Jelitte-von Ow und Andreas Glatz von seinen Erfahrungen in Deutschland. | Bild: Corinna Raupach

Besondere Herausforderungen warten in Nigeria

Das alles wird Aniche brauchen, denn er fängt in Nigeria ganz von vorn an. Dort gibt es keine formale Handwerksausbildung, keine Qualitätssicherung und wenig gutes Werkzeug. „Eine besondere Herausforderung wird es sein, die Verhältnisse hier an die Verhältnisse in Nigeria anzupassen“, sagt Jelitte-von Ow.

Anders als in Deutschland sollen in Okigwe Universal-Handwerker ausgebildet werden. Sie müssen nicht nur verschiedenste Arbeiten etwa beim Bau ausüben können, sondern auch damit zurechtkommen, dass es immer wieder keinen Strom gibt. „Wir haben in den Lehrwerkstätten daher auch moderne Handbohrer“, sagt sie. Vier Jahre soll die Ausbildung dauern, sagt Aniche. „Dann haben die jungen Leute gute Perspektiven bei uns.“ „St. Martin Hope Institute of Technology“ heißt seine neue Schule.

Viel Unterstützung für Napoleon Aniche

„Das ist die beste Entwicklungshilfe“, sagt Susanne Schwaderer, die bei der Handwerkskammer Ulm für die Bildungsakademien zuständig ist. „Wir haben von der Handwerkskammer schon nach ähnlichen Projekten gesucht, um in Afrika zu helfen. Aber wir haben keins gefunden.“ Die Handwerkskammer hat den Besuch und die Ausbildung Aniches in Deutschland mitorganisiert, das Berufsbildungswerk Adolf Aich in Ravensburg hat ihn in die Klassen der Schreiner, Maurer und Metaller geschickt und den Kurs an der Akademie in Friedrichshafen samt Ausrüstung finanziert der Deutsche Verband für Schweißer. Jelitte-von Ow sagt: „Es wäre natürlich toll, wenn sich auf Dauer auch eine Art Duales System in Nigeria entwickeln würde, sodass die an der Schule Ausgebildeten selbst Lehrlinge anleiten.“

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Berufsschulcampus für 80 Auszubildende geplant

18 Plätze hat die Schule bisher, von 120 Bewerbern hat Aniche Jungen und Mädchen im Alter von 14 bis 16 Jahren ausgewählt. Er ist optimistisch, dass es zügig weitergeht. Die Schule entsteht auf dem Areal eines ehemaligen Krankenhauses. Bisher wird erst eins der vier Gebäude renoviert, dort sind auch die gespendeten Lehrwerkstätten eingerichtet. 15 Lehrer hat Aniche schon eingestellt und plant einen Berufsschulcampus für 80 Auszubildende. Zur offiziellen Eröffnung im Mai werden auch sechs Ehrenamtliche vom Bodensee nach Okigwe reisen.

Partnerschaft mit der Bodensee-Schule

  • Seit 2001 unterhält die Bodensee-Schule St. Martin eine Partnerschaft mit der Schule „Bethel Catholic Academy“ in der nigerianischen Stadt Ihube. Initiator war Pfarrer Josephat Nwanko, der mehrfach in Laimnau die Urlaubsvertretung im Pfarramt übernahm. Mit Unterstützung des Elternvereins gründete er in Ihube zunächst eine Grundschule. Zu Beginn lernten dort 40 Kinder, heute besuchen 1000 Schüler an zwei Orten Grundschule, Gymnasium und Internat. Auch ein Krankenhaus mit Frauenheilkunde, Allgemeinmedizin, Zahn- und Augenarztpraxis entstand.
  • Doch nach Schule oder Studium gibt es für die Absolventen keine Jobs in Nigeria. So entwickelte sich 2017 der Plan für eine Berufsschule in der Nachbarstadt Okigwe. Der Elternverein startete das Projekt „Beweg was“. Schüler der Bodensee-Schule verdienten mit Haushalts- oder Gartenarbeiten 5000 Euro, Handwerksbetriebe aus dem Bodenseekreis spendeten drei komplette Lehrwerkstätten für Schlosser, Schreiner und Maurer. Ein Lastwagen brachte das Material nach Afrika.
  • Die Sanierung der Gebäude für die neue Berufsschule kostet 40 000 Euro. Mit 8000 Euro haben die Ehrenamtlichen am Bodensee die Mittel für das erste Gebäude fast zusammen. Im Mai sollen die ersten 18 Schüler loslegen – 120 haben sich beworben.
  • Spenden sind willkommen auf das Konto der Bodensee-Schule St. Martin. Stichwort: Ihube, IBAN: DE86 6905 0001 0020 1061 00, BIC: SOLADES1KNZ