Die Grundschule war für Pia* ein Spießrutenlauf. Eine Mitschülerin begriff, dass sie leicht einzuschüchtern war. „Sie hat meine Tochter nicht in Ruhe gelassen. An einem Tag hat sie gesagt: „Du hast einen doofen Pulli an und du bist so hässlich!“ Am nächsten hieß es 'du bist meine Freundin' und am dritten hat sie sie links liegen lassen“, erzählt Pias Mutter. Bald spielte niemand mehr mit ihr oder lud sie ein. Die anderen Mädchen hatten Angst, selbst zur Zielscheibe zu werden. „Pia hat nur geheult, bekam Wutanfälle und wollte nicht in die Schule“, sagt ihre Mutter. Eine Therapie beim Psychologen half dem Mädchen, Selbstbewusstsein aufzubauen. In den Pausen flüchtete sie ins Büro der neuen Schulsozialarbeiterin. Doch besser wurde es erst, als eine neue Mitschülerin sich nicht beeindrucken ließ. Die beiden wurden Freundinnen. Plötzlich trauten sich auch die anderen Mädchen aus der Klasse, freundlich zu Pia zu sein.

Mobbing kann es schon an Grundschulen geben, das wissen die Schulleiter. „Wir machen in den ersten Klassen ein Sozialtraining, das die Klassengemeinschaft stärkt“, sagt Christine Waggershauser, Rektorin der Grundschule Fischbach-Schnetzenhausen in Friedrichshafen. „In einem guten Klassenklima hat Mobbing keine Chance“, sagt sie, warnt aber vor Dramatisierungen. "Wenn sich zwei Mädchen streiten, ist das kein Mobbing."

"Alle waren gegen mich"

Tatsächlich dramatisch war war das erste Schuljahr für Lena*. Sie hatte sich auf die Schule gefreut, doch dann sagte die Lehrerin: „Du bist dumm, so dumme Kinder wie dich mag ich nicht unterrichten.“ Dadurch angespornt, zerbrachen ihre Klassenkameraden ihre Stifte, rissen ihrer Puppe den Kopf ab und beschimpften sie als „blöde Kuh“ und „Fettsack“. „Das war das Schlimmste für mich, dass alle gegen mich waren“, sagt Lena. Sie bekam Bauchschmerzen und verweigerte den Schulbesuch. „Ich hatte Angst, ich konnte nicht mehr denken“, sagt sie. Sie lernte nicht mehr, sodass die Lehrerin zur Sonderschule riet. Statt dessen wechselte sie auf eine andere Grundschule. „Die Kinder haben mich sehr nett aufgenommen, sie hatten gerade Schulprojekt, da konnte ich mitmachen. Wir hatten auch eine tolle Lehrerin“, sagt Lena. „Ich bin dann viel fröhlicher in die Schule gegangen und habe den ganzen Schulstoff aufgeholt.“ Auf der weiterführenden Schule wurde sie sogar Klassensprecherin.

Bodensee-Schule Friedrichshafen betreut ihre Kleinsten engmaschig

„Dass Kinder andere ausgrenzen und hänseln, hat es immer gegeben“, sagt Wolfgang Panzner, Rektor der Überlinger Burgbergschule. An seiner Schule ist ein wöchentlicher Klassenrat etabliert. „Da wird reflektiert, was war gut, gibt es Beschwerden“, sagt er. Bei groben Verstößen gegen die Klassenregeln steht eine Wiedergutmachung an. Die Bodensee-Schule Friedrichshafen betreut ihre Kleinsten engmaschig. „Die ersten Wochen dienen hauptsächlich dem Einfügen ins Sozialgefüge“, sagt Konrektorin Isabella Emhardt. Klassenlehrer oder Betreuer sind nicht nur im Unterricht dabei, sondern gehen mit den Kindern auch Mittag essen. „Da hören und sehen sie viel“, sagt sie.

Schulsozialarbeiter wie Christan Kraus von der Pestalozzischule und Claudia Hildebrand von der Ludwig-Dürr-Schule, beide in Friedrichshafen, unterstützen Schulen auch bei der Mobbing-Prävention.
Schulsozialarbeiter wie Christan Kraus von der Pestalozzischule und Claudia Hildebrand von der Ludwig-Dürr-Schule, beide in Friedrichshafen, unterstützen Schulen auch bei der Mobbing-Prävention. | Bild: Corinna Raupach

Schulsozialarbeit hilft bei der Prävention

Die Schulsozialarbeit hilft bei der Prävention. Christian Kraus startet an der Häfler Pestalozzischule mit Schulanfängern ein ganzes Programm. „Es geht darum, wie verhalten wir uns, wie gehen wir miteinander um, wie drücken wir Gefühle aus“, sagt er. Er arbeitet viel draußen, baut Spiele und Erlebnispädagogik ein. „Wir trainieren die Resilienz der Kinder, indem sie sich auf ihre Stärken besinnen“, sagt er. Auch danach bleibt die Schulsozialarbeit nah an den Kindern. „Beziehungsarbeit ist wichtig, die Kinder lernen, dass sie uns vertrauen können“, sagt seine Kollegin Claudia Hildebrand von der Ludwig-Dürr-Schule. Sie hält regelmäßig Klassenrat in allen Klassen, bespricht Anliegen und Wünsche und überprüft Verabredungen. „Wir starten mit der freundlichen Runde, da muss jedes Kind Lob, Dank oder Freude aussprechen“, sagt sie. Meistens lernen die Kinder so, sich gewaltfrei zu bewegen. In zehn Jahren kann sich Hildebrand nur an einen Fall von Mobbing erinnern. „Da muss man eingreifen, da braucht die Klasse die Hilfe Erwachsener.“

Mit psychosomatischen Beschwerden kommen Mobbing-Opfer auch zu Kinder- und Jugendfachärztin Anita Renz (rechts) und Susanne Schwarz, Medizinerin im Weiterbildungsjahr.
Mit psychosomatischen Beschwerden kommen Mobbing-Opfer auch zu Kinder- und Jugendfachärztin Anita Renz (rechts) und Susanne Schwarz, Medizinerin im Weiterbildungsjahr. | Bild: Corinna Raupach

Das sagt die Kinderärztin

Kinder, deren Leid übersehen wird, landen möglicherweise mit Bauchweh, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen beim Kinderarzt. „Ich kläre natürlich erst die körperlichen Symptome ab, aber wenn da nichts ist, stelle ich Fragen“, sagt Kinder- und Jugendfachärztin Anita Renz aus Bermatingen. Sie kennt ihre kleinen Patienten von klein auf, kennt ihre famliäre Situation und genießt ihr Vertrauen. „Ich nutze auch die Ultraschallsituation. Es ist dunkel, die Mutter steht hinter dem Kind, und da frage ich, wann die Bauchschmerzen am schlimmsten sind, und was passieren müsste, damit sie weggehen“, sagt sie. Verdichten sich Hinweise auf Mobbing, rät sie den Eltern, mit der Schule zu sprechen. Natürlich sollten auch die Widerstandskräfte des Kindes gestärkt werden. Zum Therapeuten schicken würde sie es nicht. „Das Mobbing muss aufhören“, sagt sie.

* Zum Schutz der Kinder haben wir die Namen verändert.