Wer in der Schweiz Vater wird, bekommt einen Tag frei – so viel wie für einen Umzug. Kita-Plätze für Kinder bis zu vier Jahren gibt es laut Gewerkschaft im Kanton St. Gallen für rund sechs Prozent der Knirpse, auf dem Land auch mal gar keine – dafür horrende Kosten für die Betreuung. In Vorarlberg haben laut der Kindertagesheimstatistik Austria 55 Prozent der Kitas nur bis 15.30 Uhr geöffnet und an 36,5 Werktagen pro Jahr ganz zu. Väter haben keinen Rechtsanspruch auf eine Familienauszeit. In Liechtenstein gibt es wenigstens vier Monate Elternurlaub – aber nur unbezahlt.

Aufholbedarf in Nachbarländern

"Wenn wir von einer besseren Vereinbarkeit von Beruf und Familie sprechen, haben wir in der Schweiz sicher enormen Aufholbedarf", sagt Felix Birchler vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund (SGB). Der derzeitige Präsident des Interregionalen Gewerkschaftsrats (IGR) Bodensee beklagte am Freitag bei einem Pressegespräch in Friedrichshafen die starre Haltung der eidgenössischen Bundesregierung. Selbst eine Initiative von 160 Organisationen in der Schweiz für einen wenigstens 20-tägigen Vaterschaftsurlaub scheiterte, obwohl laut Umfragen 80 Prozent der Schweizer für eine solche Regelung wären.

Auch in Deutschland noch Luft nach oben

Familie und Beruf unter einen Hut zu bringen, da haben die Familien in Deutschland mittlerweile ganz andere Rahmenbedingungen als die Nachbarn am Bodensee. Das gibt auch Jens Liedtke zu, der für den DGB Südwürttemberg am Tisch sitzt. Aber auch der Deutsche Gewerkschaftsbund sieht noch Luft nach oben. Er setzt sich aktuell für eine gesetzliche Partnerfreistellung von sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt ein – nicht als Ersatz, sondern zusätzlich zum Mutterschutz. Die Elternzeit soll hälftig zwischen den Elternteilen aufgeteilt und finanziell so abgesichert werden, dass das Elterngeld so hoch ist wie das Nettogehalt des Elternteils, der zu Hause bleibt.

Große Herausforderungen für Beschäftigte

In einem ist sich das IGR-Präsidium einig: Der Wunsch der Wirtschaft nach flexiblen Arbeitszeiten, eine zunehmende Arbeitsverdichtung und Digitalisierung im Beruf stellen Beschäftigte in allen vier Ländern rund um den Bodensee vor große Herausforderungen, gerade wenn es um die Vereinbarkeit von Familie und Beruf geht. Aus diesem Grund hat der IGR eine Resolution verabschiedet, in der ein Teilzeitanspruch für bestimmte Lebensphasen genauso gefordert wird wie ein Ausbau der Kinderbetreuung, eine langfristige Planbarkeit von Arbeit und Freizeit oder der Rechtsanspruch für Väter auf Freistellung nach der Geburt des Kindes mit finanziellem Ausgleich.

12-Stunden-Arbeitstag in Austria

Wie schnell sich die Spielregeln ändern können, erläuterte Norbert Loacker, Landesvorsitzender des Österreichischen Gewerkschaftsbunds in Vorarlberg. Ab heute gilt ein neues Arbeitszeitgesetz, obwohl im Juli 100 000 Österreicher dagegen in Wien auf die Straße gegangen sind, "und wir sind keine Streithanseln", so Loacker. Die Kurz-Regierung habe die Höchstarbeitszeit auf zwölf Stunden pro Tag und 60 Stunden pro Woche heraufgesetzt und sich damit vom Ziel einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf "meilenweit wegbewegt".

Arbeitszeit selbst gestalten

Auch in Deutschland versuchten Arbeitgeberverbände beharrlich, den Achtstundentag zu knacken, sagt Jens Liedtke. Die Koalition habe sich auf "Experimentierräume" verständigt, um Öffnungsklauseln zu testen. "Das Arbeitszeitgesetz bietet genug Flexibilität", so der Gewerkschaftsvertreter. Beschäftigte bräuchten stattdessen Modelle zur selbstbestimmten Gestaltung der Lebensarbeitszeit, um in unterschiedlichen Lebensphasen mehr Zeit für Familie, Pflege oder Weiterbildung zu haben. Wichtig wäre ebenfalls ein gesetzlich verbrieftes Rückkehrrecht zur Vollzeitbeschäftigung, um der Teilzeitfalle zu entgehen.