"Ich mache uns jetzt erst mal die richtige Stimmung", sagt Albert Naß, setzt sich an die Orgel und spielt. "Lobe den Herren, alle die ihn ehren". Der Satz, also die Begleitung zum Choral, ist von seinem Vater. Der Orgelbaumeister Naß ist aus Mittelstenweiler nach Oberuhldingen gekommen, mit dem E-Bike. Die groben Stollenreifen verraten, wo er am liebsten fährt, durch den Wald. Ausgleich zur Arbeit am Computer.

500 Stunden vor dem Computer

500 Stunden hat der Konstrukteur beispielsweise im vergangenen Jahr an einer Orgel für den Konzertsaal einer Musikuniversität in Hangzhou gearbeitet. Die Stadt, etwa zwei Autostunden von Peking entfernt, hat rund 9,2 Millionen Einwohner. In den Konzertsaal passen tausende Menschen und der Preis für diese Orgel dürfte zwischen zwei und drei Millionen Euro liegen, erklärt Naß. Gebaut hat das Instrument mit 64 Registern, eine in der Regel über den gesamten Tonumfang reichende Reihe von Pfeifen gleicher Klangfarbe, die Firma Freiburger Orgelbau. Naß war im Oktober 2018 für vier Wochen vor Ort in China, um die Orgel zu intonieren. Die Augen des Konstrukteurs glänzen vor Freude, wenn er das Gefühl beschreibt, diese Orgel zum ersten Mal spielen zu hören: "Einfach fantastisch", begeistert sich Naß.

In Weiden und Regensburg aufgewachsen

In der Kirche der Uhldinger Laetare Gemeinde steht ein vergleichsweise bescheidenes Exemplar einer Orgel. Albert Naß betreut sie seit ein paar Jahren, ist hier jedoch weder Konstrukteur noch Intonateur. Der Sohn eines katholischen Organisten und Pianisten hört auf den Namen Albert Gereon Maria Naß und wuchs in Weiden und Regensburg auf. Ob er mit einem solchen Namen geradezu prädestiniert war für den weiteren Werdegang, dazu meint Naß lachend, das wäre möglicherweise eine Erklärung.

Begeistert wie am ersten Tag

1982, mit 17 Jahren, entschied sich Naß, an seinem ersten Tag bei dem Orgelbauer Georg Jann im bayerischen Alkofen für den Beruf des Orgelbauers. Der junge Albert Naß machte dort einen Ferienjob. In diesem Jahr erhielt der Orgelbaumeister von der Kreishandwerkerschaft Bodenseekreis seinen silbernen Meisterbrief für 25 Jahre Meisterschaft des Orgelbauhandwerks. "Ich freue mich sehr über diese Auszeichnung und der silberne Meisterbrief bedeutet für mich vor allem, dass ich es ein Vierteljahrhundert lang geschafft habe noch da zu sein mit meinem Handwerk", erklärt Albert Naß trocken. Noch heute wäre er von seinem Beruf so begeistert und mit der gleichen Leidenschaft bei der Sache, wie am ersten Tag, bekennt der Orgelbaumeister.

Die Orgel entwickelt sich stetig weiter

Auf die Frage, was diese Faszination für ihn ausmache, kommt die Antwort sofort: "Menschen haben zu jeder Zeit Musik gemacht und ich glaube nicht, dass sie damit aufhören werden, bevor die Welt untergeht. Die erste Orgel wurde um 250 vor Christus gebaut, die sogenannte Wasserorgel, und seitdem hat sich dieses Instrument unentwegt weiterentwickelt. Im Gegensatz zu einer Geige oder einer Trompete beispielsweise", erklärt Naß.

Heute seien Elektronik- und Computersteuerungen auch in die Orgeln eingezogen und die Klangform sei eine völlig andere, wie zur Zeit seiner Ausbildung. Der damalig herrschende Oberton des Neo-Barocks würde heute als schreiend empfunden. Jetzt wären es die Romantischen Klangbilder, also dunkle und runde Töne, die den Zeitgeist wiedergeben, erklärt der Mann, der für die Klangfarbe dieser komplexen Instrumente zuständig ist.

Diese Aufnahme zeigt die Orgel in der Sagrada Familia von hinten und läßt damit einen imposanten Blick durch das Kirchenschiff zu.
Diese Aufnahme zeigt die Orgel in der Sagrada Familia von hinten und läßt damit einen imposanten Blick durch das Kirchenschiff zu. | Bild: Albert Naß

In Antoni Gaudis legendärer Sagrada Familia im katalonischen Barcelona hatte er sich einschließen lassen, um bei Nacht in vollkommener Ruhe die Orgel zu intonieren. Intonieren ist nicht das stimmen, es geht um den Klang. Eine Pfeife soll klingen wie eine Violine, Trompete oder Flöte und dafür brauche er absolute Stille, verrät der Meister. "Ich höre die Nuancen von jeder einzelnen Pfeife und stimme sie so miteinander ab, dass 60 Töne klingen wie eine Trompete", erklärt Naß. Es wäre für ihn etwas ganz Besonderes gewesen, an der Orgel dieser berühmten Kirche zu arbeiten und gerne erinnert sich der Orgelbaumeister in dem Zusammenhang an diese Zeit im Jahr 2010 und an die Zusammenarbeit mit Franco Sinistra aus Lippertsreute, der die Orgelpfeifen baute. Die Orgel in der Sagrada Familia baute allerdings die Firma Blancafort aus Barcelona. "Die Montage war damals grausig, da standen noch die Bagger in der Kirche und dann kam Papst Benedikt, da war allerdings alles fertig", kommentiert Naß.

"Ich gratuliere dir lieber Albert zu deinem silbernen Meisterbrief und freue mich, wenn wir darauf bei mir mit einem schönen Espresso ...
"Ich gratuliere dir lieber Albert zu deinem silbernen Meisterbrief und freue mich, wenn wir darauf bei mir mit einem schönen Espresso anstossen."Franco Sinistra, vom gleichnamigen Orgelpfeifenbau in Überlingen-Lippertsreute

Die Klosterkirche Montserat, das Auditorium in Teneriffa, die Barockkirche im unterfränkischen Wiesentheid, die Liste der Orgeln, die der Mann aus Mittelstenweiler konstruiert oder intoniert hat, ließe sich lang fortsetzen. Die Reisen, die sein Beruf mitbrächte, reizten ihn besonders, erzählt Naß. "Wen meine Begeisterung für die Orgel jetzt angesteckt hat, der findet das interessanteste Instrument im hiesigen Raum in der Basilika in Weingarten", gibt der Orgelbaumeister zum Schluss noch einen Tipp.