Wie oft können Menschen nicht zur Arbeit gehen, weil sie krank sind? Einen Überblick darüber bieten die jährlich erscheinenden Gesundheitsreporte der Krankenkassen in Deutschland. Sie analysieren die Daten zur Arbeitsunfähigkeit aller versicherten Berufstätigen anhand gemeldeter Krankheitsfälle, ihrer Dauer und den dazugehörige Diagnosen. Wie häufig sind die Menschen im Bodenseekreis krank und was sind die Ursachen?

  • Krankenstand im Bodenseekreis: Gemäß dem Gesundheitsreport der DAK, einer der größten Krankenkassen in Deutschland mit 16 000 Versicherten im Bodenseekreis, waren 3,5 Prozent der Versicherten im Jahr 2017 in Baden-Württemberg krankgemeldet. Damit liegt der Südwesten unter dem Bundesdurchschnitt. Der Bodenseekreis hebt sich mit 3,1 Prozent, dem zweitniedrigsten Krankenstand im Land, positiv ab. Geringer fiel die Quote nur noch in Stuttgart aus. Im Bodenseekreis ging die Zahl der Krankmeldungen gegenüber dem Vorjahr leicht zurück: Demnach waren an jedem Tag des Jahres von 1000 Arbeitnehmern 31 krankgeschrieben.
Das könnte Sie auch interessieren
  • Die häufigsten Erkrankungen: Verantwortlich für die meisten Fehltage in der Region waren Erkrankungen des Muskel-Skelett-Systems. Bei jedem vierten Arbeitnehmer wurden Rückenschmerzen, Bandscheibenschäden oder Knieprobleme diagnostiziert. Die Zahl der Fälle stieg 2017 um sieben Prozent im Vergleich zum Vorjahr und lag über dem Landesdurchschnitt. Am zweithäufigsten, mit etwa 15 Prozent, machten sich psychische Erkrankungen wie Depressionen, Neurosen und Angststörungen bemerkbar. Die Gründe für den Anstieg sieht Thomas Schäfer, Chef der DAK in Friedrichshafen, in den sich verändernden Arbeitsbedingungen sowie in einem offeneren Umgang mit Erkrankungen dieser Art. Atemwegserkrankungen, also Erkältungen, Bronchitis und Mandelentzündungen, machten ebenfalls und unverändert 15 Prozent aller Arbeitsunfähigkeitsdiagnosen aus. Verletzungen und Vergiftungen, also Unfälle am Arbeitsplatz oder im Haushalt, führten in 12,5 Prozent der Fälle zur Arbeitsunfähigkeit. Der Wert ging im Vergleich zum Vorjahr um sechs Prozent zurück. Mit 5,7 Prozent lagen Infektionen wie Magen-Darm-Grippe auf Rang fünf der häufigsten Diagnosen, gefolgt von Erkrankungen des Nerven-, Verdauungs- und Kreislaufsystems sowie gut- und bösartigen Tumoren.
Das könnte Sie auch interessieren
  • Eine Sonderstellung unter allen Erkrankungen nehmen in Baden-Württemberg Rückenschmerzen ein. Zehn Prozent aller Fehltage sind darauf zurückzuführen. Die Tendenz ist seit Jahren steigend. Zwar lag der Bodenseekreis 2017 auch hier unter dem Landesdurchschnitt, was laut Rupert Diesch, Orthopäde mit Praxis in Friedrichshafen, auf eine hohe Lebenszufriedenheit schließen lässt. Trotzdem waren 2017 pro 100 Beschäftigte 69 Fehltage auf Rückenschmerzen zurückzuführen. Mit einer durchschnittlichen Dauer von 15 Tagen pro Krankschreibung lag die Region sogar über dem Landesschnitt. „Trotz aller Bemühungen, wie zum Beispiel Rückenschule, hat sich in den vergangenen zehn Jahren nichts zum Positiven verändert“, sagt der Arzt.
Das könnte Sie auch interessieren

Bei einer Befragung der DAK gaben 75 Prozent der Beschäftigten an, innerhalb der vergangenen zwölf Monate an Rückenschmerzen gelitten zu haben. 2003 sagten das nur 55 Prozent. In den meisten Fällen gingen die Schmerzen von der Lendenwirbelsäule aus, etwa die Hälfte der Beschwerden wurde von der Halswirbelsäule verursacht. Jeder Dritte gab sogar an, an mehreren Stellen des Rückens betroffen zu sein.

„Trotz aller Bemühungen, wie zum Beispiel Rückenschule, hat sich in den vergangenen zehn Jahren nichts zum Positiven verändert." – Rupert Diesch, Orthopäde
„Trotz aller Bemühungen, wie zum Beispiel Rückenschule, hat sich in den vergangenen zehn Jahren nichts zum Positiven verändert." – Rupert Diesch, Orthopäde | Bild: Anette Bengelsdorf
  • Chronische Schmerzen: Zehn Prozent der Befragten berichteten von sehr starken bis unerträglichen Schmerzen, bei ebenso vielen waren die Beschwerden bereits chronisch. „Ständiges Sitzen überfordert die Wirbelsäule“, sagt Rupert Diesch. Gerade wer am Bildschirm arbeite, habe Probleme im Halswirbelsäulenbereich. Durch die Kopfhaltung komme es zu einem muskulären Ungleichgewicht, zu Verspannungen im Schulter- und Nackenbereich und in der Folge zu Kopfschmerzen. Dabei beklagt der Arzt eine geringe Bereitschaft seiner Patienten, ihre Lebensgewohnheiten zu verändern und sich regelmäßig zu bewegen. "Bandscheiben ernähren sich von Bewegung", sagt er, „und Schonen ist Gift“. Alle passiven Maßnahmen, auch Massagen, würden deshalb eher dazu führen, dass die Beschwerden chronisch werden. Trotzdem gaben neun Prozent der Befragten an, Bewegung zu vermeiden. 60 Prozent behandeln den Schmerz mit Wärme.
Das könnte Sie auch interessieren
  • Angebote für Betroffene: Nur 14 Prozent der von Rückenschmerzen Betroffenen melden sich laut dem DAK-Report krank. Dabei sei die Angst, wegen einer Krankmeldung benachteiligt zu werden, als Grund nicht auszuschließen, sagt Thomas Schäfer. Erst wenn der Schmerz chronisch oder extrem stark geworden sei, dem Beschäftigten die tägliche Arbeit keine Freude mehr mache und er an der Grenze der Leistungsfähigkeit oder dauerhaft in unbequemer Haltung arbeiten müsse, steige der Leidensdruck und damit die Bereitschaft, zum Arzt zu gehen. Der geringen Krankmeldungsquote zum Trotz, wurden in Baden-Württemberg 2017 rund 40 Prozent mehr Patienten mit Rückenschmerzen ins Krankenhaus aufgenommen als noch 2007. Um Menschen mit Rückenschmerzen therapeutisch zu unterstützen, bietet die DAK ihren Mitgliedern ein digitales Programm an, das Informationen, Wissen sowie Übungen zur Entspannung und Stressbewältigung enthält und Nutzer zu einer gesunden Lebensführung motivieren soll, erzählt Schäfer. Das Angebot ersetze jedoch nicht die ärztliche Diagnostik, betont er. Darüber hinaus bezuschusse die Kasse entsprechende Präventionskurse, sofern diese zertifiziert sind, mit 80 Prozent der Kursgebühr.