"Liebe Air Berlin-Mitarbeiter. Kommen Sie runter. Starten Sie mit uns durch": Mit einer eher ungewöhnlichen Aktion via Facebook warb der Rettungsdienst des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) Allgäu-Bodensee-Oberschwaben Ende Oktober 2017 um neues Personal, als die Fluggesellschaft pleite ging. Denn auf Personalsuche ist der Rettungsdienst ständig. Könnte passen, dachte sich Volker Geier, am Stammsitz in Weingarten Geschäftsführer einer der größten Rettungsdienstgesellschaften in Baden-Württemberg. Aber: "Wir hatten nur einige Gespräche ohne Ergebnis. Schade, wir hätten gerne Flugbegleiter zum Rettungssanitäter ausgebildet. Das hätte die Personaldecke wenigstens in diesem Bereich verbessert", sagt er.

Bundesweit ringen die Rettungsdienste um Personal. Ursache ist ein neues Gesetz. Wurden Rettungsassistenten früher binnen zwei Jahren ausgebildet, verfügte der Bund 2014 nun eine erweiterte Ausbildung in drei Jahren zum Notfallsanitäter. Der soll auch lebensbedrohlich Verletzte oder erkrankte Patienten bis zum Eintreffen des Notarztes versorgen und in dieser Zeit Medikamente verabreichen können. Das dürfen Rettungsassistenten nur, wenn sie länger als drei Jahre im Beruf sind und bis Ende 2020 eine Ergänzungsprüfung oder ein staatliches Vollexamen ablegen, um die Berufsbezeichnung Notfallsanitäter zu erhalten. Zusätzlich gibt es keine verkürzte Ausbildung mehr für den Berufseinstieg.

Was mehr Qualität in den Rettungsdienst bringen und dem spürbaren Notarztmangel entgegenwirken soll, wurde erst einmal zum Bumerang. "Ein kompletter Jahrgang an neu ausgebildeten Mitarbeitern fehlt. Aber die Lücke ist deutlich größer", erklärt Volker Geier das Dilemma. Denn alle erfahrenen Mitarbeiter fehlen wochenlang, weil sie nachgeschult werden müssen. Im Gegensatz zu anderen Regionen Baden-Württembergs habe der Rettungsdienst hier aber noch nicht eine Schicht ausfallen lassen müssen. Verschärft wird die enge Personalsituation dadurch, dass immer mehr Rettungswagen gebraucht werden, um die Hilfsfrist einzuhalten. Binnen 15 Minuten soll im Notfall Hilfe vor Ort sein. Dabei werden, um einen Rettungswagen rund um die Uhr zu betreiben, etwa zwölf Mitarbeiter gebraucht. Im Rettungsdienstbezirk sind zwischen Überlingen und Isny 25 im Einsatz.

Aber es dauert seine Zeit, bis die Notfallsanitäter ihre Ausbildung beendet haben. Ende September 2017 haben 44 junge Menschen an der DRK-Landesschule das Staatsexamen bestanden – die ersten Absolventen des neuen Berufs. Für neun von ihnen war der DRK-Rettungsdienst am Bodensee Ausbildungsbetrieb. "Sieben konnten wir fest anstellen, einer ging in den Nachbarlandkreis und einer zum Medizinstudium", zieht Volker Geier Bilanz. Gut drei Mal so viele hätte er einstellen können.

Im Oktober 2017 starteten nun schon 270 Notfallsanitäter im Land ihre Ausbildung. Diesmal sind 33 davon Azubis beim hiesigen Rettungsdienst. Das neue Berufsbild komme bei jungen Menschen sehr gut an, sagt das Innenministerium und spricht von einer guten Bewerberlage. Aber erst seit 2016 ist gesichert, dass die Krankenkassen diese Ausbildung auch finanzieren. Für die beiden ersten Lehrgänge mussten die DRK-Rettungsdienste noch in Vorleistung gehen, was die niedrigen Azubi-Zahlen erklärt. Nun drängt das Land, die Ausbildungskapazitäten für den Notfallsanitäter massiv auszubauen. So hat die DRK-Landesschule inzwischen an elf Standorten in Baden-Württemberg, darunter in Weingarten, Schulen eingerichtet und die Klassengröße von 23 auf 25 für die nächsten fünf Jahre angehoben. Trotzdem sagt Lorenz Menz, Präsident des DRK-Landesverbands, zur Personalsituation: „Wir haben eine Durststrecke vor uns, die uns die nächsten Jahre beschäftigen wird.“

Zum Personalmangel kommt ein weiteres Problem, für das der Gesetzgeber verantwortlich ist. Notfallsanitäter sollen zwar Notärzte nicht ersetzen, dürfen aber vor deren Eintreffen beispielsweise schon schmerzlindernde Medikamente verabreichen. Deshalb werden sie nicht nur theoretisch und praktisch auf der Rettungswache geschult, sondern auch in der Klinik. Allerdings fehlt eine klare Rechtsgrundlage, die dafür sorgt, dass Notfallsanitäter das, was sie in der Ausbildung gelernt haben, auch in der Praxis anwenden dürfen. So kommt es zum Kompetenzgerangel zwischen Notarzt und Notfallsanitäter. "Die Ärzte wollen nicht so recht loslassen. Und die Politik lässt uns an dieser Stelle hängen, obwohl man weiß, dass das nicht funktionieren kann", klagt Volker Geier.

Denn auch für Notärzte, die vom Klinikbetrieb nicht freigestellt werden, wächst das Pensum, das sie leisten müssen. Wenn der Piepser ruft, muss auch der diensthabende Anästhesist mitten im Patientengespräch los und binnen zwei, drei Minuten im Auto sitzen, um die Hilfsfrist einzuhalten. Bei durchschnittlich elf Notfalleinsätzen pro Tag in Ravensburg etwa ist der Druck groß.

Rettungsdienst in Zahlen, Daten, Fakten

Der DRK-Rettungsdienst Allgäu-Bodensee-Oberschwaben ist seit über 15 Jahren als Rundumversorger in der Region nördlich des Bodensees und im Allgäu unterwegs.

  • Personal: Mit knapp 450 Mitarbeitern im Einsatzdienst versorgt der Rettungsdienst rund 483 000 Bürger auf einer Fläche von knapp 3000 Quadratkilometer im Notfall. Dazu kommt eine Vielzahl an Urlaubern. Mit jährlich über 1,7 Millionen Gäste-Übernachtungen sind der Bodensee, das Allgäu und Oberschwaben gefragte touristische Ziele.
  • Einsätze: 2017 rückten die hiesigen Rettungsteams zu 104 495 Einsätzen aus – fast so oft wie im Rekordjahr 2016. Dabei ist die Zahl der Einsätze, bei denen einer der 25 Rettungswagen losgeschickt wurde, erneut leicht rückläufig. Im Notfall benötigten die Rettungswagen durchschnittlich 8,29 Minuten bis zum Notfallort. 2016 lag die Eintreffzeit inklusive Notrufabfrage, Alarmierung und Ausrücken bei 8,08 Minuten. In Baden-Württemberg müssen 95 Prozent aller Notfälle in maximal 15 Minuten erreicht werden. Die Anzahl der Krankentransporte sowie der Transporte von Klinik zu Klinik, die der DRK-Rettungsdienst absolviert hat, war mit knapp über 56 000 Einsätzen auf dem bisher höchsten Niveau.
  • Standorte: Die DRK Rettungsdienst Bodensee-Oberschwaben gGmbH betreibt Integrierte Leitstellen in Ravensburg und Friedrichshafen. Hier laufen die Notrufe aus den Landkreisen Sigmaringen, Ravensburg und Bodensee ein. Von hier aus koordinieren die Notrufspezialisten über 224 000 Einsätze pro Jahr. Der DRK-Rettungsdienst betreibt 14 Rettungswachen an den Standorten Ravensburg, Wilhelmsdorf, Überlingen, Salem, Friedrichshafen, Markdorf, Tettnang, Kressbronn, Wangen, Isny, Leutkirch, Bad Waldsee, Bad Wurzach und Altshausen. Zehn dieser Rettungswachen sind anerkannte Ausbildungswachen, auf denen Notfallsanitäter ausgebildet werden.
  • Kosten: Der Rettungsdienst in Baden-Württemberg wird nach Angaben des Verbandes der Ersatzkassen (VDEK) praktisch komplett durch die gesetzlichen Krankenkassen finanziert. Der Anteil des Landes liegt bei rund 2 Millionen Euro jährlich. Nach Angaben der Landesregierung wurden für den Rettungsdienst im Jahr 2016 insgesamt 535 Millionen Euro ausgegeben. 2014 waren es 436 Millionen und im Jahr darauf 507 Millionen Euro. (kck)