"Danke, dass man mit uns spricht und wir die Möglichkeit haben unsere Situation darzustellen", so der Vorsitzenden des Kreisbauernverbands, Dieter Mainberger. Der Dank war dem Kreisobmann am Freitag Sekunden seiner knappen Redezeit wert, weil die Landwirte sonst, so sagt er, nämlich meist in der Ecke der nahezu Alleinverantwortlichen für das Artensterben landen. Aber genau darum ging es beim Biodiversitäts-Regionalkongress in Kluftern: Alle Seiten zu Wort kommen zu lassen und gemeinsam auf Chancen und Möglichkeiten zu schauen.

Der baden-württembergische Grünen-Landtagsabgeordnete Martin Hahn brachte Bauern und Umweltschützer, Behörden, Marktgemeinschaft und Imker, Straßenbauamt, Förster, Vertreter von Kommunen und Organisationen an einen Tisch und räumte jedem Sprecher zehn Minuten Redezeit ein. "Bei diesem Thema müssen wir noch viel mehr miteinander reden als bei jedem anderen Thema", sagte er zu seiner Motivation für diesen Kongress. Was bei den Referaten herauskam, war keine Überraschung: Natürlich steht beim Straßenbauamt die Verkehrssicherheit im Vordergrund, die Landwirte müssen vom Ertrag ihrer Arbeit leben können, Förster kämpfen um gesunde Gehölze und der Biotopverbund hätte am liebsten ein Biotop in jeder Kommune. Aber Bemühungen zum Erhalt der Biodiversität gibt es schon überall und die Vernetzung wird dichter.

Die Kurzreferate zeigten eindrücklich: Es sind schon viele verschiedene Projekte unterwegs, sie werden aus vielen Töpfen gefördert und tragen bereits Früchte. Es gebe"sehr gute Ergebnisse", die laut Patrick Trötschler, dem stellvertretenden Geschäftsführer der Bodenseestiftung, demnächst veröffentlicht werden sollen. Was eine Kommune tun kann sieht man am leuchtenden Beispiel der Stadt Bad Saulgau. Der Umweltbeauftragte Thomas Lehenherr stellte die umgesetzten Maßnahmen vor. Sieben Naturlehrpfade, Gewässerrenaturierung, Pflanzbeete in der Stadt, Verkehrsinseln wurden zu Insektenweiden, Pflanzkübel zu Kräuter- und Gemüsegärten, es gibt Grün auf Dächern und rund um Industriegebäude, die Stadt kaufte von den Landwirten Randstreifen auf und verwandelte sie in Wildflächen – und vieles mehr. Das alles hat der Stadt den Titel "Bundeshauptstadt der Biodiversität" eingebracht.

Davon ist Friedrichshafen noch weit entfernt. Hier vermehren sich zum Leidwesen von Tillmann Stottele, dem Amtsleiter Umwelt und Naturschutz, und Hans-Jörg Schrailte vom Amt für Bürgerservice, Sicherheit und Umwelt noch immer Schottergärten. Jetzt könnte ein städtischer Fördertopf von je 17 500 Euro in diesem und im nächsten Jahr Grundstückseigentümern, Mietern, Vereinen und Kirchen Anreiz bieten, Gärten naturnah zu bepflanzen, Fassaden und Dächer zu begrünen oder Biotope anzulegen. Die Stadt ist auch Mitglied im Bündnis "Kommunen für Biodiversität", wo es weitere Ansatzpunkte und Ideen für naturnahes Stadtgrün gibt.

Bauern und Umweltschützer, Behörden, Marktgemeinschaft und Imker, Straßenbauamt, Förster, Vertreter von Kommunen und Organisationen haben sich mit dem Thema Biodiversität beschäftigt.
Bauern und Umweltschützer, Behörden, Marktgemeinschaft und Imker, Straßenbauamt, Förster, Vertreter von Kommunen und Organisationen haben sich mit dem Thema Biodiversität beschäftigt. | Bild: Fabiane Wieland

Der Bodenseekreis ist auch der erste Landkreis in Baden-Württemberg, in dem es eine Kooperation zwischen Straßenbauamt und Forstamt zugunsten von mehr Qualität am Straßenrand, also Biodiversität im sogenannten Straßenbegleitgrün gibt. Warum eine Böschung gerodet oder ein Baum gefällt werden muss, erschließe sich dem Laien oft nicht, deshalb sei hier wie überall Öffentlichkeitsarbeit enorm wichtig.

Deshalb will die Bodenseestiftung "Blüh-Botschafter" ausbilden und Modellkommunen nach dem Vorarlberger Modell einrichten. Bürger sollen wo es geht beteiligt werden, zum Beispiel beim Wildbienen-Monitoring. Zudem strebt die Stiftung einen regionalen Dialogprozess zur Reduktion von Pestiziden und Extensivierung von Grünland an, womit wir wieder bei der Landwirtschaft wären.

Dieter Mainberger, Vorsitzender des Kreisbauernverbands, sagt, er könne weniger mulchen und später mähen, aber dann kämen Schädlinge auf. Er könne einen Bach aufmachen, brauche dann aber auch Abstandsstreifen für den Gewässerschutz. Er könne Büsche und Bäume pflanzen oder stehen lassen, dann aber habe er mehr Mäuse, Schatten und Infektionsquellen an den Anlagen. Er könne den Pflanzenschutz reduzieren, aber dann müssten auch Handel und Verbraucher mitziehen.

Einfache Lösungen gibt es auch nicht für die Bienen, Wespen und Hornissen, deshalb setzt auch Siegfried Wehrle auf Information, Vernetzung und Kommunikation. Wenn jeder – und da sind sich alle Beteiligten einig, ein klein wenig zum Erhalt der Artenvielfalt beiträgt, können irgendwann alle Städte so artenreich sein wie Bad Saulgau, überall Biotope entstehen wie der Heinz-Sielmann-Weiher, an jeder Ecke Bienenweiden sprießen und Bauern von ihren Erträgen leben können, obwohl sie Artenschutzmaßnahmen umsetzen. Die Fördertöpfe sind jedenfalls ganz gut gefüllt und laut Martin Hahn sollen Dreiviertel der Landesmittel auch wirklich ins Operative fließen.

 

Die Referenten

Veranstalter des Regionalkongresses Biodiversität war Politiker Martin Hahn, die Referenten waren Robert Spreter, Geschäftsführer des Vereins der "Kommunen für biologische Vielfalt", Thomas Lehenherr, Umweltbeauftragter der Stadt Bad Saulgau, Hans-Jörg Schraitle, Amtsleiter Amt für Bürgerservice, Sicherheit und Umwelt Stadt Friedrichshafen, Tillmann Stottele, Abteilungsleiter Umwelt- und Naturschutz der Stadt Friedrichshafen, Gerhard Miez, Betriebsreferent des Straßenbauamts im Bodenseekreis, Martin Roth, Baumsachverständiger Forstamt Bodenseekreis, Dieter Mainberger, Vorsitzender des Kreisbauernverbandes, Katja Röser, Beraterin der Marktgemeinschaft Bodenseeobst, Siegfried Wehrle, Vorsitzender des Imkerverbandes, Patrick Trötschler, stellvertretender Geschäftsführer der Bodenseestiftung, Jasmin Seif, stellvertretende Geschäftsführerin des Kreis-Landschaftsverwaltungsverbands und Sindy Bublitz, Leiterin des Sielmann-Biotop-Verbunds Bodensee. (afr)