Wer den Bodensee derzeit beispielsweise vom Pfänder aus betrachtet oder am Ufer entlang spaziert, der fühlt sich fast wie in einer schwedischen Schärenlandschaft. Plötzlich entstehen neue Uferwege und vor dem Rheindamm hat sich eine neue Insel gebildet. Der Pegel des Bodensees sinkt weiterhin täglich – der Wasserstand nähert sich dem historischen Minimalwert. Der SÜDKURIER hat bei Experten nachgefragt, welche Folgen der niedrige Wasserstand für die Natur hat.

Wie eine schwedische Schärenlandschaft präsentiert sich das Bodenseeufer in der Nähe der Rheinmündung in Vorarlberg.
Wie eine schwedische Schärenlandschaft präsentiert sich das Bodenseeufer in der Nähe der Rheinmündung in Vorarlberg. | Bild: Susanne Hogl

Rund 300 Meter vom Rheindamm entfernt hat sich nach dem extrem trockenen Sommer eine gut sichtbare Sandinsel gebildet. Laut Aussage vom Martin Wessels vom Seenforschungsinstitut in Langenargen transportiert der Rhein im Jahr zwischen zwei und drei Millionen Kubikmeter Sand und andere feste Stoffe in den Bodensee. Die Insel ist vom vorarlbergischen Eichenberg und vom Pfänder aus gut zu erkennen, ebenso dann, wenn man mit dem Schiff auf dem See unterwegs ist. "Wir können derzeit noch nicht sagen, ob die Insel auf Dauer bestehen bleibt, aber möglich wäre es schon, dass der Rhein sich einen Weg an der Sandinsel vorbei suchen wird", erklärt Martin Wessels.

Die Enten sitzen vor dem Häfler Ufer auf dem Trockenen.
Die Enten sitzen vor dem Häfler Ufer auf dem Trockenen. | Bild: Julian Singler

Wie der Geologe erklärt, werde sich erst im nächsten Frühjahr oder Sommer zeigen, ob es die Insel vor dem Rheindamm weiterhin geben wird. Extrem niedrig seien nach wie vor die Wasserstände in den kleinen Bächen und Zuflüssen des Bodensees. "Dort gibt es seit dem Sommer ein Wasserentnahmeverbot und die Wasserstände sind immer noch so niedrig, dass es für manche Tierarten kritisch ist", erklärt Wessels.

Die Luftaufnahme zeigt eine Vorstreckung, die im Bodensee eine Sandinsel entstehen lassen hat. Diese bildete sich aus Ablagerungen nach der Mündung des Alpenrheins und ist rund 200 Meter lang und 50 Meter breit.
Die Luftaufnahme zeigt eine Vorstreckung, die im Bodensee eine Sandinsel entstehen lassen hat. Diese bildete sich aus Ablagerungen nach der Mündung des Alpenrheins und ist rund 200 Meter lang und 50 Meter breit. | Bild: Internationale Rheinregulierung/dpa

Probleme sieht Wessels auch durch die Tatsache, dass sich am Seeufer durch den niedrigen Pegel neue Fußwege eröffnet haben. Diese würden durch Spaziergänger rege genutzt. "Wenn bald die Zugvögel in die Schilfgebiete kommen, um sich auf dem Weg in den Süden auszuruhen, ist es wichtig, dass die Tiere dort nicht gestört werden", mahnt Wessels an.

Am Alten Campingplatz in Fischbach, wo man im Sommer noch gut schwimmen konnte, sitzen jetzt humorvolle Zeitgenossen auf Campingstühlen im See.
Am Alten Campingplatz in Fischbach, wo man im Sommer noch gut schwimmen konnte, sitzen jetzt humorvolle Zeitgenossen auf Campingstühlen im See. | Bild: Andrea Fritz

Auch die Temperaturen sind noch immer relativ hoch mit knapp 17 Grad. "Das spielt aber keine Rolle, was den kommenden Winter angeht", ist sich Wessels sicher. Seiner Ansicht nach gefriert der See bei niedrigem Wasserstand nicht eher zu als bei einem hohen Pegel. Dafür seien andere Faktoren entscheidend. "Für die Tiere im Bodensee spielt der Pegel keine Rolle, die passen sich auch mal an extreme Situationen an, da gehört Niedrig- oder auch einmal Hochwasser ganz einfach dazu", klärt der Geologe auf.

Wie hier vor dem bayerischen Wasserburg bilden sich an vielen Stellen im Bodensee neue kleine Sandinseln.
Wie hier vor dem bayerischen Wasserburg bilden sich an vielen Stellen im Bodensee neue kleine Sandinseln. | Bild: Susanne Hogl

Derzeit liegt der Pegel des Bodensees in Konstanz bei 2,87 Metern, das sind im Vergleich zum Vorjahr fast 80 Zentimeter weniger. Nur noch 27 Zentimeter fehlen bis zum historischen Tiefststand von 2,60 Metern. Nach Einschätzung der Landesanstalt für Umwelt Baden-Württemberg (LUBW) dürfte der Pegel auch in den nächsten Tagen weiter sinken.

Das Seebecken liegt auch in Friedrichshafen durch das Niedrigwasser brach.
Das Seebecken liegt auch in Friedrichshafen durch das Niedrigwasser brach. | Bild: Julian Singler

Zugleich gibt Werner Schulz, Hydrologe in Diensten der LUBW in Karlsruhe, eine Entwarnung. Bezogen auf die Beobachtungsphase 1997 bis 2010 bewegt sich zumindest der Pegel des Untersees immer noch über dem mittleren Niedrigwasser von 2,48 Metern. Anders am Obersee. In Konstanz sank der Pegel 2009 auf 2,88 Meter, 1986 sogar auf 2,81 Meter, wie Werner Schulz erläutert.

Mit Blick auf die Stadt Friedrichshafen können Fußgänger an der Rotachmündung derzeit weit reinlaufen.
Mit Blick auf die Stadt Friedrichshafen können Fußgänger an der Rotachmündung derzeit weit reinlaufen. | Bild: Julian Singler

Auch bei der Bodensee-Wasserversorgung wird der Wasserpegel beobachtet. Nein, der sinkende Wasserstand habe keine Auswirkungen auf die Entnahme des Trinkwassers, teilt Maria Quignon mit, Sprecherin des Zweckverbands Bodensee-Wasserversorgung. Die Entnahmestelle befindet sich in 60 Metern Tiefe. Die Förderanlagen seien auf niedrigen Wasserstand ausgelegt.

Die Rotachmündung in Friedrichshafen ist durch den niedrigen Wasserpegel komplett trocken gelegt.
Die Rotachmündung in Friedrichshafen ist durch den niedrigen Wasserpegel komplett trocken gelegt. | Bild: Julian Singler

Die Kursschiffe der Bodensee-Schiffsbetriebe (BSB) fahren seit dem Saisonende am vergangenen Wochenende nicht mehr regelmäßig. Bei Sonderfahrten können jetzt jedoch längst nicht mehr alle Häfen angelaufen werden. Auch in den Sportboothäfen herrsche vielerorts Niedrigwasser.

Reichlich Treibgut bleibt zurück. Hier in Friedrichshafen fotografiert.
Reichlich Treibgut bleibt zurück. Hier in Friedrichshafen fotografiert. | Bild: Singler, Julian

Nach Angaben des Hafenmeisters der österreichischen Marina Wetterwinkel am Alten Rhein, Hans Schmidt, können derzeit nur noch Boote bis zu einem Tiefgang von maximal 1,20 Metern anlegen. Ähnlich sieht es im bayerischen Nonnenhorn aus. Dort mussten trotz des herrlichen Herbstwetters viele Bootseigener ihre Schiffe frühzeitig aus dem Wasser nehmen oder an andere Stege verlegen, soweit dies möglich war. Auf den Strecken am Untersee, zwischen Kreuzlingen, Konstanz und der Insel Reichenau, können ebenfalls nicht mehr alle Häfen angefahren werden. Wann und ob der große Regen kommt, damit der Pegel des Sees wieder steigt, weiß derzeit niemand. Unerschrockene können sich bei 17 Grad Wassertemperatur auch Mitte Oktober noch in den See wagen.

Anfang Oktober führte die Rotachmündung in Friedrichshafen noch mehr Wasser. Die Sandbänke sind jedoch schon deutlich zu erkennen.
Anfang Oktober führte die Rotachmündung in Friedrichshafen noch mehr Wasser. Die Sandbänke sind jedoch schon deutlich zu erkennen. | Bild: Gerhard Plessing