Tiefste Nacht. Im Wohnzimmer von Daniel Heß klingelt das Telefon. Heß nimmt den Hörer ab. Am anderen Ende: Eine alte Dame, deren Wasserrohr gebrochen ist. Heß kommt und hilft.

Tiefste Nacht. Im Wohnzimmer von Ortsvorsteher Dietram Hoffmann klingelt das Telefon. Am anderen Ende: Ein Anwohner, der sich vom Licht gestört fühlt. Dietram Hoffmann kümmert sich.

Dietram Hoffmann ist Ortsvorsteher des Überlinger Ortsteils Nußdorf. Daniel Heß ist Bürgermeister der Gemeinde Stetten. Nußdorf hat 1526 Einwohner, Stetten knapp über 1000. Das bedeutet: Dietram Hoffmann erledigt die Verwaltung nicht selbst, sondern gibt seine Anliegen ans Überlinger Rathaus weiter, während Stetten selbst eine Gemeindeverwaltung hat. Wie Dietram Hoffmann erledigte Daniel Heß seinen Beruf bei seinem Amtsantritt ehrenamtlich. Weil Stetten eine selbstständige Gemeinde ist, war er aber nicht Ortsvorsteher, sondern ehrenamtlicher Bürgermeister. Dann stellte er fest, dass sich das mit der Vielzahl der Aufgaben nicht vereinen lässt und dass es unmöglich für einen Bürgermeister ist, nebenher noch einen Brotjob zu haben. Nun ist Daniel Heß hauptamtlicher Bürgermeister.

Dietram Hoffmann hingegen hätte gern eine stärkere Position. Er sagt: "Ich muss mich immer, wenn etwas geschehen soll, auf die Kollegen im Rathaus verlassen. Ich bin also immer in der Bittstellerposition." Das funktioniere mal besser, mal schlechter.

Und wie viel Zeit nimmt so ein Ortsvorsteherposten in Anspruch? "Das schwankt zwischen zwei und 40 Stunden die Woche." Erreichbar sei man 24 Stunden an sieben Tagen die Woche. Vor allem auf seinen Spaziergängen werde er gern angesprochen. Hoffmann freut sich darüber. Denn manchmal ist es auch genau umgekehrt: Dass sich ein Bürger, der ein Problem hat, an die Verwaltung wendet und nicht an ihn. "Wenn es dann eine größere Sache ist, kommt es zu mir zurück und ich kenne dann oft den Hintergrund nicht. Deshalb würde ich mir wünschen, dass die Stadt, wenn sich ein Nußdorfer Bürger mit einem Problem meldet, mich bei ihrer Antwort gleich in Kopie setzt, damit ich im Bilde bin. Das geht aber aus Datenschutzgründen nicht." Erst, wenn die Sache weitergehe, werde er einbezogen. "Ein Ortsvorsteher könnte dem Rathaus viel Arbeit abnehmen, wenn die Anfragen der jeweiligen Bürger immer an ihn gingen. Wenn zum Beispiel die Stadt gar nicht zuständig ist, kann der Ortsvorsteher den Bürger gleich an die richtige Stelle lenken."

Emil Gabele, Ortsvorsteher von Aach-Linz, dem mit 1350 Einwohnern größten Ortsteil von Pfullendorf, sieht das aber ganz anders. "Das würde gar nicht gehen", sagt er aus immerhin 18-jähriger Erfahrung. "Zumal man zu manchen Sachthemen gar nicht antworten kann." Auch Gabele ist Ortsvorsteher mit Leib und Seele und er sagt: "Ortsvorsteher kann man nur sein, wenn man bereit ist, sich mit dem Ort zu identifizieren."

Als Bittsteller, wie Hoffmann das schildert, fühle er sich nicht, sagt Emil Gabele. "Wenn eine verkehrssichernde Maßnahme notwenig ist, erwarte ich, dass das gemacht wird und das passiert dann in der Regel auch." Anders sei es bei Themen mit niedrigerer Dringlichkeit. "Aber Politik ist eben kein Wunschkonzert, im Großen wie im Kleinen nicht." Da gehe es dann drum, mit Geduld, aber auch der notwendigen Zähigkeit dranzubleiben. Das Modell des Ortschaftsrats und des Ortsvorstehers hält Gabele für ein ausgesprochen wichtiges: "Die Themen werden wachgehalten und gegenüber dem Gemeinderat vertreten. Wenn ich so was nicht mehr habe, werden die Ortsteile sich verlieren."

Das bestätigt Antoinette Kieback, Ortsvorsteherin des Frickinger Ortsteils Leustetten (445 Einwohner). Die Zusammenarbeit mit der Gemeindeverwaltung funktioniere gut, sagt sie, allerdings empfinde sie es als Diskrepanz, dass sie zwar im Gemeinderat sitzt, aber kein Stimmrecht hat. "Ich kann mit meiner Stimme also keinen Einfluss für den Ortsteil nehmen, den ich vertrete", bringt sie es auf den Punkt.

Daniel Heß, der Bürgermeister einer Gemeinde, die kleiner ist als die Ortschaften, denen Heß und Gabele vorstehen, sagt: "Sicherlich haben die Ortsvorsteher den großem Vorteil, dass viele Aufgaben von der Stadt oder von der Gemeindeverwaltung erledigt werden." Aufgrund der kleinen Personalstruktur müsse man in einer kleinen Gemeinde wie Stetten als Bürgermeister ein Allrounder sein. Aber erstens finde er genau das besonders charmant und zweitens vermische sich in einer kleinen Gemeinde politische Souveränität mit persönlichen Strukturen. Und eben das, sagt Heß, mache den Reiz aus.

Verschiedene Formen von Ortschaften

Es gibt verschiedene Formen von Ortschaften – nämlich solche mit und solche ohne Ortschaftsverfassung. Die Ortschaften, in denen Ortsvorsteher und ein volksgewählter Ortschaftsrat vorhanden sind, sind diejenigen mit Ortschaftsverfassung. Wie der Gemeindetag mitteilt, gab es bei der Kommunalwahl 2014 in Baden-Württemberg exakt 1640 Ortschaften mit Verfassung in 407 Gemeinden. Die Zahl der Ortschaften ohne Ortschaftsverfassung lasse sich nicht feststellen, da diese statistisch nicht erfasst wird, erklärt die Pressesprecherin des Gemeindetags, Kristina Fabijancic-Müller.

Befürworter der Ortschaftsverfassungen führten beispielsweise an, dass diese ein wichtiges Mittel zur Integration der Ortschaft in die Gemeinde sind und dass sie die Vielfältigkeit in der Gemeinde erhalten und zur Geltung bringen können, sagt Fabijancic-Müller. Außerdem könnten Ortschaftsverfassungen auch ein Instrument zur Förderung des Bürgerengagements sein. "Es kann aber auch vorkommen, dass man vor Ort überlegt, ob die Ortschaftsverfassung aufgrund verschiedener Entwicklungen noch die passende örtliche Struktur ist: Beispielsweise wenn das Zusammenwachsen der Ortsteile bereits gelungen ist und die Bürger sich stark mit der Gesamtgemeinde identifizieren." Es müsse möglich sein, über die Weiterentwicklung der örtlichen Strukturen zu sprechen – ob man etwas verändert und welche Veränderungen man vornimmt, bleibe aber der Beurteilung der örtlichen Akteure überlassen.

Die Ortsvorsteher erhalten für ihre Arbeit eine Aufwandsentschädigung, deren Höhe vom jeweiligen Gemeinderat festgelegt wird. "Dabei sind die Größe der Ortschaft und der Umfang seiner Beschäftigung maßgebend", erklärt die Pressesprecherin. "Es gibt hierfür keine Vorgaben."