Überraschung zum Saisonende: Die über Jahrzehnte gesuchte Schiffsglocke der einst für den württembergischen König gebauten Hohentwiel tönte erstmals wieder. Damit hat der Schaufelraddampfer jetzt zwei Schiffsglocken: die jetzt aufgetauchte und die, die Reinhard Kloser, damals Projektleiter und später Kapitän der Hohentwiel, in Hamburg zur zweiten Jungfernfahrt des Schaufelraddampfers am 17. Mai 1990 besorgt hatte. Die „ganz alte“ von der Stuttgarter Glockengießerei Heinrich Kurtz gegossene Glocke hat schöne Bordüren und trägt den Schriftzug „Hohentwiel 1913“ sowie den Namen und den Ort der Glockengießerei.

Glocke wurde 1962 ausgebaut

Beim Seenachtsfest in Konstanz am 4. August 1962 war der „Hohentwiel“ im wahrsten Sinne des Wortes der Dampf ausgegangen. Bald wurde sie aus der Schiffsliste der Bodensee-Schiffsbetriebe gestrichen. Wie es eine Aufzählung dokumentiert, wurden aus der Hohentwiel am 5. November 1962 umfangreiche Gerätschaften ausgebaut. Auf Position 1: die Schiffsglocke.

Was mit der Glocke passierte, blieb bisher im Dunkeln – obwohl der am 4. Oktober 1984 gegründete Verein Internationales Bodensee-Schifffahrtsmuseum, Eigner der Hohentwiel, immer wieder in der Öffentlichkeit um Infos über den Verbleib der Glocke bat.

Mann aus Ulm bringt Glocke selbst vorbei

Im Mai wandte sich ein Mann aus der Ulmer Gegend per Mail an die Hohentwiel-Schifffahrtsgesellschaft. Unter dem Titel „Originale Schiffsglocke der Hohentwiel“ schrieb der, dass die Schiffsglocke in seinem Besitz sei. Kapitän Konstatzky ließ ausführlich prüfen, ob es Ansprüche von Dritten gibt, was die Glocke anbelangt. Dem war nicht so, und so brachte der Unbekannte kurz vor Saisonende das wertvolle Stück zum Liegeplatz der Hohentwiel nach Hard.

Schiffsglocke Seele oder Stimme des Schiffs

Experten bezeichnen eine Schiffsglocke als Seele des Schiffs oder auch als ihre Stimme. „Ein Dampfschiff kündigte zum Beispiel die Hafeneinfahrt nicht wie heute mit der Dampfpfeife an“, erinnert sich Josef Mazzel, früher unter anderem Steuermann auf der Hohentwiel. „Gemäß der Internationalen Schifffahrts- und Hafenordnung läutete der Matrose mit der Schiffsglocke, wenn sich ein Dampfschiff einer Hafeneinfahrt näherte, und kündigte mit dem Glockensignal die Hafeneinfahrt an.“

Überraschung bei der Mitgliederversammlung

Die Überraschung bei der Mitgliederversammlung gelang: Im Hecksalon des Schiffs wurde die Glocke präsentiert. Lothar Wölfle, früher Vorsitzender des Internationalen Hohentwiel-Vereins, der in der Versammlung zum Ehrenmitglied ernannt wurde, durfte die Glocke ausprobieren. Anschließend wurde sie an ihrem altgewohnten Platz aufgehängt. Seniorkapitän Reinhard E. Kloser strahlt glückselig, wie sein Nachfolger Adolf F. Konstatzky. „Wir sind unglaublich froh, dass die Glocke wieder auf unserem Schiff ist“, sagen beide.