Die Grünen hätten allen Grund gehabt, noch einmal gehörig zu feiern bei ihrer ersten Mitgliederversammlung des Kreisverbands nach der erfolgreichen Landtagswahl im März. Fast fünf Wochen danach ist die Euphorie zwar noch zu spüren, nachdem sie in 22 von 23 Kommunen erfolgreichste Partei geworden sind. Lediglich Oberteuringen sei „aus grüner Sicht noch ein schwarzer Fleck“, den man bearbeiten müsse, formulierte die Kressbronner Kreisrätin Christa Hecht-Fluhr.

Doch allmählich schleichen sich schon Sorgen um den bevorstehenden Koalitionsvertrag mit der CDU in die Köpfe. Vor allem wo und inwieweit wichtige grüne Positionen preisgegeben werden müssen. Sollte er zustande kommen, woran keiner zweifelt, so werden die Grünen nach einer Diskussion auf kurzfristigen Regionalkonferenzen am 7. Mai bei der Landesdelegiertenkonferenz in Leinfelden-Echterdingen darüber beraten und befinden müssen.

Sogar Wasser statt Wein gab es für den erfolgreichen Kandidaten Martin Hahn, der sein erklärtes Ziel mit dem Direktmandat nicht nur erreicht, sondern mit dem Stimmenergebnis von über 35 Prozent die kühnsten Erwartungen und das Landesergebnis um gut 5 Prozent übertroffen hatte. „Wenn ich etwas gedämpft wirke, so liegt es daran, dass ich gerade noch faste“, entschuldigte sich Hahn zu Beginn seines Fazits, das allerdings erst am Ende der gesammelten Wahlnachlese stand. In der Regel lebe er seine asketische Phase während der vorösterlichen Fastenzeit, doch während des Wahlkampf sei dies einfach unmöglich gewesen.

Dass der frühzeitig vorbereitet, gut organisiert und sehr professionell geführt worden sei, attestierten nahezu unisono alle 22 Mitglieder, die die Kreisvorsitzende Isolde Riede in Salem begrüßen konnte. „Wir haben wirklich Großartiges geleistet“, freute sich Riede, „wir haben in diesem Wahlkampf toll zusammengearbeitet und mit unserem Kandidaten Martin ein Super-Ergebnis erzielt.“ Schon enorm sei es, wenn die Grünen in einem Teilort wie Beuren mehr als 40 Prozent der Stimmen holen, sagte Hedi Christian aus Salem und verwies auf die vielen „Promis“, die Hahn in den ganzen Kreis gelotst habe.

„Die Grünen sind bei vielen aus der Tabuzone herausgekommen“, resümierte Karl Guter aus Immenstaad. Besonders auffallend gewesen sei dies in Hagnau. Obwohl die Grünen hier nur ein einziges Mitglied hätten, seien sie selbst in dieser konservativen Hochburg beste Partei geworden. Mit dem Kandidaten, der Kampagne und Kretschmann seien einige „positive Dinge“ zusammengekommen, erklärte sich Christ Hecht-Fluhr den unerwartet klaren Erfolg bei der Wahl.

Viel Lob habe es für das Auftreten von Martin Hahn gegeben, insbesondere für seine „Wertschätzung gegenüber Menschen, die anderer Meinung sind“, wie Silke Falch aus Langenargen betonte. „Ich wähle euch zwar nicht“, habe mancher formuliert: „Aber es war eine tolle Veranstaltung.“

Langsam, aber sicher breiten sich die ersten Bedenken gegenüber dem Koalitionspartner CDU aus. So, dass Salemer Eltern schon einen Brief nach Stuttgart geschrieben und ihre Sorge vor Einschränkungen bei der Gemeinschaftsschule formuliert hätten, wie Hedi Christian berichtete. Er könne nur „aus der zweiten Reihe“ berichten, sagte Martin Hahn. Doch der Anfang der Gespräche scheine doch „sehr schwierig“ gewesen zu sein. Ein großer Irrtum sei es, wenn mancher konservative Christdemokrat den Ministerpräsidenten am liebsten in der CDU verorten würde. „Kretschmann ist grasgrün“, erklärte Hahn und nannte eine von dessen jüngsten Formulierungen. Dem Ministerpräsidenten sei es wichtig, dass bei den Koalitionsverhandlungen jede Partei „ihren eigenen Markenkern“ bewahren könne.

 

Delegierte gewählt

Am 7. Mai wird die Landesdelegiertenkonferenz der Grünen in Leinfelden-Echterdingen voraussichtlich über einen Koalitionsvertrag mit der CDU abstimmen dürfen beziehungsweise müssen. Als Delegierte wählte die Mitgliederversammlung jetzt Christa Hecht-Fluhr, Markus Böhlen, Silke Falch und ihren Abgeordneten Martin Hahn. Selbst um die Plätze als Ersatzdelegierte wurde hart gerungen. Gewählt wurden Andrea Rehm, Gerhard Barisch, Isolde Riede und Alina Zimmermann.

Ob die Delegierten angewiesen werden könnten, im Sinne des Kreisverbands zu votieren, wurde nur kurz diskutiert. Eine kritische Debatte mit allen Mitgliedern auf Kreisebene sei schon vom Ablauf her nicht möglich, diese müsse sich auf die noch vor der Entscheidung vorgesehene Regionalkonferenz beschränken.

Dass die Grünen schon wieder auf dem Boden der Realität angekommen sind, bewiesen sie mit einer intensiven Diskussion über einen Wunsch aus Salem/Heiligenberg, jedem Ortsverband zumindest ein kleines Budget zur Verfügung zu stellen.

Der Vorstand habe sich dem gegenüber insofern skeptisch gezeigt, betonten Isolde Riede und Martin Hahn, als jegliche Kostenerstattungen auf den strengen und ganz detaillierten Richtlinien der Partei basierten. Schatzmeister Hans-Günther Moser kenne die Vorgaben am besten, könne im Vorfeld zu konkreten Wünschen und Vorhaben Position beziehen und nehme auch Anträge auf Erstattung entgegen.

Selbst wenn es um „Peanuts“ zu gehen scheine, wie es ein Mitglied formuliert hatte, wollte Martin Hahn nicht von den Regularien abweichen. Schon einem Bundespräsidenten sei ein recht kleiner Betrag zum Verhängnis geworden. „Als Partei müssen wir Griffelspitzer sein.“ Bei zwei Gegenstimmen und vier Enthaltungen folgten die Mitglieder dem Vorschlag des Vorstands, die alten Regelungen beizubehalten.