Franz-Peter Seidl, der als Rechtsanwalt die Eltern des Opfers in der Nebenklage vertrat, ist mit dem Urteil nicht ganz zufrieden, erklärt er auf Anfrage des SÜDKURIER. Seidl und vor allen Dingen auch die Eltern der 22-Jährigen hätten sich gewünscht, dass der Richter beim Täter von der besondere Schwere der Schuld ausgeht – was er nicht tat. Dann hätte nach Verbüßung der Haftstrafe geprüft werden müssen, ob der Täter auch wirklich entlassen werden kann.

"Wir sind aber alle froh über die Tatsache, dass der Richter die Sicherungsverwahrung angeordnet hat und der Täter wenigstens bereit ist, die Eltern zumindest finanziell so weit wie möglich zu entschädigen," erklärte Franz-Peter Seidl im Gespräch mit dieser Zeitung. Seidl hält es aber für durchaus möglich, dass Marc Siebler, der Anwalt des Täters, gegen die Sicherungsverwahrung vorgehen könnte. Der Verteidiger des Angeklagten hatte nach Angaben der Deutschen Presseagentur erklärte, dass er einen Revisionsantrag beim Bundesgerichtshof prüfen werde. Der Anwalt hatte lediglich acht Jahre Haft wegen Totschlags gefordert.

Verurteilter bestreitet Tat bis zuletzt

Unverständlich ist sowohl Seidl als auch für die Eltern der jungen Frau die Tatsache, dass der Täter bis zuletzt die Vergewaltigung der jungen Frau bestritt. "Alle DNA-Analysen besagen, dass er mit einer Wahrscheinlichkeit von Eins zu 30 Millionen der Täter ist", so Seidl weiter.

Ex-Freundin sollte vermutlich das Opfer sein

Am Tattag, dem 19. Juni 2017, war der Täter beim Arzt. Wie dieser jetzt schilderte, aber nicht, um sich wegen angeblicher Schlafstörungen behandeln, sondern um sich Potenzpillen verschreiben zu lassen. Danach schrieb der 35-Jährige seiner Ex-Freundin eine Mitteilung via Handy und behauptete, dass sie dringend in die ehemals gemeinsam Wohnung kommen müsse, da seine Mutter gestorben sei. Die Ex-Freundin glaubte dies nicht und kam deshalb nicht in die Wohnung. Stattdessen wurde die 22-Jährige, die ebenfalls in dem Haus wohnte, zum Opfer. "Er hatte seine Ex-Freundin schon einmal brutal vergewaltigt, als diese sich von ihm getrennt hatte und wir gehen davon aus, dass sie wieder zum Opfer hätte werden sollen", erklärt Rechtsanwalt Seidl. Er ist sich sicher, dass der 35-Jährige immer dann seine Dominanz mit Gewalt zeigen wollte, wenn er persönlich verletzt und von einer Frau verlassen worden war.

Gutachter sieht verminderte Schuldfähigkeit

Eine günstige Sozialprognose war dem Täter jedoch nach der Vergewaltigung seiner Ex-Freundin vor 15 Jahren ausgestellt worden. Auch nach der Vergewaltigung und Ermordung der 22-Jährigen sprach sich derselbe Gutachter vor Gericht dafür aus, dem Täter eine verminderte Schuldfähigkeit anzuerkennen. Als der 35-jährige vor seiner Verurteilung das letzte Wort hatte, konnte er sich ohne Emotion nur zu einem "Ja, es tut mir Leid" durchringen.

Lebenslang ist nicht ein Leben lang: Was Sicherheitsverwahrung und "besondere Schwere der Schuld" bedeuten

Nach deutschen Rechtssprechung bedeutet der Schuldspruch für lebenslange Haft nicht, dass der Täter nie mehr auf freien Fuß kommen wird. In der Regel werden lebenslänglich Verurteilte nach etwa 15 Jahren entlassen. Wird bei der Verurteilung von einer "besonderen Schwere der Schuld" ausgegangen, gilt diese Regelung nicht. Dann muss zuerst geprüft werden, ob der Täter noch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und davon ausgegangen werden muss, das er in Freiheit möglicherweise wieder ähnliche Straftaten begehen könnte.

Der wegen Mordes verurteilte 35-Jährige ist nicht wegen besonderer Schwere der Schuld verurteilt worden. Gründe für eine besondere Schwere der Schuld kann beispielsweise ein besonderes brutales Vorgehen sein, mehrere Opfer, besonderes verwerfliche Motive oder mangelnde Reue. Der Vorsitzende Richter Gunther Schatz sprach in seinem Urteil aber davon, dass der Täter eine Gefahr für die Allgemeinheit darstelle und verurteilte den 35-jährigen deshalb zu einer Sicherungsverwahrung. Das bedeutet, dass der Täter nach Ende der Haftzeit nicht entlassen wird, sondern weiter in einem Gefängnis untergebracht wird.

Jedoch muss immer nach einem Jahr geprüft werden, ob die Gründe für die Anordnung der Sicherungsverwahrung noch gegeben sind. Das bedeutet, dass die Unterbringung theoretisch unbegrenzt möglich ist. In der Regel kann das Gericht nach zehn Jahren die Aufhebung der Sicherungsverwahrung anordnen, aber auch den weiteren Verbleib hinter Gittern, wenn weiterhin davon ausgegangen wird, dass der Täter eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt. (hog)