Bevor Rupert Diesch seinen Tesla startet, zeigt ihm der 17-Zoll-Bildschirm mit Internetzugang die Stromladesäulen in der Umgebung. Nicht nur die genaue Position, auch ob sie frei sind, gibt der Computer mit WLAN-Funktion an. Seine Wahl fällt auf eine „Emma“-Ladesäule vor dem ZU-Gebäude am Seemooser Horn. Eine Berührung und das Navigationsgerät würde ihn zum Ziel führen.

So wird der Ladevorgang gestartet

Denn nicht nur die Säulen in der Region, die in Deutschland, Europa und auf der ganzen Welt sind auf dem Bildschirm zu sehen. Die Tesla-eigenen „Supercharger“ ebenso wie die anderer Betreiber. Die Ladesäule vor der ZU wird vom Stadtwerk am See betrieben. Rupert Diesch steckt sein Ladekabel mit dem Typ-2-Stecker ein, hält seine Emma-Ladekarte im Kreditkartenformat vor den Sensor und der Ladevorgang wird gestartet. Wieder die Karte vor den Sensor gehalten, wird der Ladevorgang gestoppt und der Stecker an der Säule entriegelt. Das Display zeigt die geladenen Kilowatt-Stunden an, bezahlen muss er nicht.

Technologisch inzwischen überholt

„Die Emma-Ladestationen erfüllen nicht die eichrechtlichen Voraussetzungen um abzurechnen“, erklärt Bernhard Schultes, der die Elektromobilität im Bodenseekreis koordiniert. Die Säulen wurden im Rahmen des Bundes-Förderprojekts für Elektromobilität im ländlichen Raum „Emma“ installiert, sind Eigentum der 17 am Projekt beteiligten Kommunen und werden seither vom Stadtwerk am See betrieben. Doch nach fünf Jahren im Dauerbetrieb sind sie technologisch überholt und entsprechen nicht mehr den gesetzlichen Bedingungen. „Wir haben den Kommunen deshalb den Austausch der Ladesäulen empfohlen und angeboten“, sagt Pressesprecher Sebastian Dix. Die Standorte bleiben erhalten und Aufträge wurden neben dem Stadtwerk auch ans Regionalwerk Bodensee und die EnBW vergeben.

Bislang kann kostenlos getankt werden

Seit über fünf Jahren können E-Autofahrer mit einer Emma-Karte im Bodenseekreis kostenlos tanken. Im vergangenen Jahr haben 1100 Emma-Kartenbesitzer rund 160 000 kWh getankt. Zur Diskussion stehe beim Stadtwerk jetzt die Einführung eines verursachergerechten Tarifs, der sich am Strompreis zu Hause orientiert und sich bei 30 Cent pro kWh einpendeln wird, so ein Sprecher. Im Gegensatz zur Kilowatt-basierten Abrechnung des Stadtwerks am See setzt die EnBW auf andere Modalitäten.

Schnellladesäule für Hagnau

Sieben Stationen werden derzeit vom Karlsruher Energieversorger betrieben, eine Schnellladesäule wird in Hagnau installiert. „Wir rechnen inzwischen Zeittarife ab. Das hat sich angesichts der reservierten Parkplätze zumindest in Gegenden mit Parkdruck, wie am Bahnhof Mimmenhausen, fast als ,alternativlos‘ erwiesen“, sagt Ulrich Stark, Sprecher für den Raum Bodensee. Anders als beim Kilowatt-Tanken, bei dem nur abgerechnet wird, was die Batterie aufnehmen kann und ungeachtet der Verweildauer des Steckers in der Säule, wird beim Zeittanken so lange abgerechnet, bis der Fahrer den Stecker zieht. Und, je leistungsfähiger die Säule, desto teurer ist die Minute Laden.

Ohne Vorreservierung ein Auto leihen

An der Ladesäule der ZU spielt der Parkdruck noch keine Rolle. Am zweiten Ladepunkt der Säule hängt ein ehemaliges „Emma“-Auto, ein Renault Zoe, zum Laden. Es ist eines von sechs Elektroautos aus dem Förderprojekt, das vom Stadtverkehr Friedrichshafen als Campusmobil weiterbetrieben wird. Für einen Euro pro Viertelstunde können nicht nur Studenten der beiden Hochschulen in Friedrichshafen und deren Mitarbeiter, sondern alle Bürger, Führerschein vorausgesetzt, mit einer Kundenkarte des Stadtverkehrs Friedrichshafen ohne Vorreservierung ein Auto leihen. Dabei ist man beim Abgeben nicht an die Annahmestation gebunden und kann zwischen Seemooser Horn, Fallenbrunnen, Manzell, Landratsamt, sowie Stadtbahnhof und Charlottenstraße wählen. Abgerechnet wird monatlich per Bankeinzug.

Was ist vom Förderprojekt noch übrig?

Doch nicht nur die Autos aus dem ehemaligen Förderprojekt, auch die dafür entwickelte Software ist weiterhin im Einsatz und findet im Bedarfsverkehr im Bodenseekreis Anwendung. Von den elektrischen Rufbussen, die in Eriskirch, Meckenbeuren und im Deggenhausertal im Einsatz waren, verkehrt nur noch der Rufbus in Eriskirch, jedoch mit Dieselmotor. „Einfach mobil mit Anschluss“ fährt der Bodo-Bus nach Bedarf abgelegene Orte wie Schussenreute, Moos und Bierkeller an, nachdem er telefonisch, per App oder Internet gebucht worden ist. Auch das elektrisch betriebene Bürgermobil in Meckenbeuren ist ein Kind des ehemaligen Emma-Projekts.

Bezahlen noch ziemlich kompliziert

Rupert Diesch ist viel auf Deutschlands Autobahnen unterwegs und ist froh, dass sein Autohersteller ein dichtes Netz an Ladesäulen unterhält, an denen er mit seinem Auto kostenlos Strom tanken kann. Denn das Bezahlen ist noch ziemlich kompliziert und uneinheitlich. Schließt der Elektroauto-Fahrer einen Vertrag mit einem Stromanbieter, bekommt er von diesem eine Kundenkarte, über die der Ladevorgang abgerechnet wird. Bezahlen kann man damit zum vertraglich festgelegten Tarif an Ladesäulen dieses Verbunds. Will man mit dieser Karte bei anderen Anbietern tanken, wird zusätzlich eine Roaminggebühr fällig.

Keine einheitlichen Tarife

Möchte man spontan und einmalig bei einem Fremdanbieter ohne passende Karte tanken, wird mit dem Smartphone ein QR-Code gescannt, der auf eine Bezahlplattform leitet, um das Finanzielle zu regeln. Einen einheitlichen Stromtarif gibt es bei den vielen verschiedenen Anbietern nicht. Doch gemessen daran, dass Fahrer in den Anfangszeiten der Automobile den Treibstoff in Flaschen in der Apotheke kaufen mussten, ist das Ladesäulennetz bereits gut ausgebaut.

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