Der Schwarzwald hat eine, das Allgäu und die Ammergauer Alpen: Gästekarten sind das Bonbon, das Touristen den Aufenthalt versüßen soll – mit freier Fahrt in Ortsbus oder Bergbahn, kostenloser oder zumindest verbilligter Nutzung von Attraktionen. Meistens zahlen die Gastgeber, die für ihre Urlauber so ein Stück anziehender sein wollen, eine Umlage, aus der die Gästekarten-Angebote finanziert werden. Oder die Urlauber leisten einen kleinen Obolus für die Bonuskarte. Oder Städte und Gemeinden schließen sich wie bei der „Konus-Karte“ zusammen, um den Gästen freie Fahrt mit Bus und Bahn quer durch den Schwarzwald zu ermöglichen. Die finanziert jeder Gast in 147 Ferienorten pro Nacht mit einem Kurtaxe-Aufschlag von 42 Cent. Auch am Bodensee gibt’s Gästekarten. Die Bodensee-Erlebniskarte ist ein All-inklusive-Ticket für 160 Ausflugsziele – ab 41 Euro für den Gast.

Erste elektronische Karte

Seit April gibt es die „Echt Bodensee Card“, die erste elektronische Gästekarte im Südwesten mit Speicherchip zum kontaktlosen Auslesen von Daten. Die verspricht freie Fahrt mit Bus und Bahn im Gebiet des Verkehrsverbunds Bodo und kleine Vergünstigungen bei 100 Ausflugszielen, ohne dass allerdings Top-Highlights wie Affenberg oder die Mainau dabei sind. Die EBC ist das Prestige-Projekt der Deutschen Bodensee Tourismus GmbH (DBT), hinter der drei Landkreise und zwei Kommunen stehen, vorn dran der Bodenseekreis mit 70 Prozent der Anteile. Ihr Ziel: die touristische Kleinstaaterei am deutschen Seeufer zu beenden. Doch der Start misslang. Sieben Kommunen wollten eigentlich am Anfang mitmachen, nur vier unterschrieben die Kooperationsverträge mit der DBT – Langenargen, Eriskirch, Bodman-Ludwigshafen und Sipplingen.

In Kressbronn etwa entschied sich der Gemeinderat doch noch um, weil sich die Gastgeber vor Ort mit großer Mehrheit gegen die Zwangseinführung der Karte stemmten. Denn über die Kurtaxe-Satzung wird jeder Gastgeber verpflichtet, die EBC auszugeben. 2018 sollten weitere Gemeinden hinzu kommen, doch auch Uhldingen-Mühlhofen, Immenstaad oder Hagnau zogen die Reißleine.

Damit hat die DBT ein Finanzproblem, die Rechnung geht nicht mehr auf. Die Gästekarte zahlt jeder Urlauber ab 16 Jahren pro Nacht mit einem Solidar-beitrag von einem Euro, der über die Kurtaxe eingezogen wird. 1,5 Millionen Übernachtungen in sieben Gemeinden waren im ersten Jahr einkalkuliert.

Die Echt-Bodensee-Card ermöglicht Gästen die kostenlose Nutzung des öffentlichen Nahverkehrs. Die Grünen plädieren dafür, dass Friedrichshafen die EBC einführt.
Die Echt-Bodensee-Card könnte untergehen, wenn die Gemeinden das Vertrauen in das System verlören. | Bild: Felix Kästle/DPA

Knackpunkt Datensicherheit

Mehr als 500 000 in vier Kommunen werden es nicht, womit schon im ersten Jahr eine Million Euro in der Kasse fehlen. Und 2018 kommen nach derzeitigem Stand nur Nonnenhorn und Wasserburg in Bayern dazu. Dem Bodenseekreis blieb nichts anderes übrig, als der DBT ein Darlehen von 1,2 Millionen Euro für die Einführung der Gästekarte und ihrer teuren Technik zu gewähren.

Was stimmt nicht mit der EBC? – „Zu teuer, zu unsicher“, sagt Annette Pfleiderer, die in Langenargen Ferienwohnungen vermietet und die Gemeinde wegen der neuen Kurtaxe-Satzung beim Verwaltungsgerichtshof des Landes in Mannheim verklagte. Die Satzung musste vor allem geändert werden, um den elektronischen Datentransfer zwischen Gastgeber, Gemeinde und DBT zu regeln. Doch genau der ist hochproblematisch, weil Meldedaten der Gäste außer vom Rathaus nicht anderweitig genutzt werden dürfen – es sei denn, die Urlauber stimmen zu.

Genau deshalb schreibt die Kurtaxe-Satzung in Langenargen den Vermietern vor, von ihren Gästen auf dem Meldeschein diese Einverständniserklärung einzuholen. Geht nicht, urteilte der VGH am 14. September, dafür gebe es keine Rechtsgrundlage. Genau so wenig dafür, dass der Gast die Karte nur bekommt, wenn er der DBT seine Daten überlässt – die erhöhte Kurtaxe aber zahlen muss. Die Finanzierung der EBC sei auch deshalb nicht rechtskonform, weil der 25-Cent-Anteil des „Solidarbeitrags“, den die DBT als Kartenbetreiberin kassiert, nicht Kurtaxe-fähig ist.

Vergangene Woche wurde bekannt, dass der technische Dienstleister für die Karte pleite ist. Trotz des Gerichtsurteils und der drohenden Insolvenz der Geios AG hat die Gesellschafterversammlung der DBT nun beschlossen, an der umstrittenen Gästekarte festzuhalten. Auch wenn noch keiner weiß, wie der Betrieb der Card letztlich aufrecht erhalten werden soll.

Berater ist Anbieter

2014 engagierte der Bodenseekreis Konstantin Andreas Feustel von der Firma Wiif in Oberstaufen als Tourismusberater, um ein Konzept für die elektronische Gästekarte zu entwickeln. Der 38-Jährige war zuvor ebenfalls als Berater für die Hochschwarzwald-Card tätig. 2015 gründete Feustel die Geios AG, die ein Jahr später nach EU-weiter Ausschreibung von der DBT den Auftrag als technischer Dienstleister für die EBC erhielt. Die Geios AG betreut auch die Systeme der Hochschwarzwald-Card. Mitte Oktober meldete das Unternehmen beim Amtsgericht Kempten Insolvenz an.