In der Lehrwerkstatt der ZF steht ein nagelneuer 3D-Drucker. „Für die Serienfertigung ist das nichts, aber Einzelteile produzieren wir schon so“, sagt Meister Jörg Machan. Daher gehört der 3D-Druck zur Ausbildung zum Industriemechaniker. Heidi Harrer und Nils Ruf, Azubis im ersten und zweiten Lehrjahr, machen unter Machans Anleitung erste Erfahrungen damit. „Man hört immer in der Schule von 3D-Druck. Ich finde es cool, dass wir diese Einblicke bekommen“, sagt Harrer. „Ich freue mich, dass wir selbst damit etwas machen können“, ergänzt Ruf. „Ausbildung ist das beste Mittel gegen Fachkräftemangel“, betont auch ZF-Ausbildungsleiter Stefan Haas.

Georg Beetz: „Die Betriebe suchen Leute und finden keine"

Der Mangel an Fachkräften ist im Bodenseekreis überall Realität: Pflegestationen in Krankenhäusern und Seniorenheimen schließen, weil das Personal fehlt. Handwerker kommen mit der Auftragserfüllung kaum hinterher. Personalberater und Arbeitsagentur haben Mühe, Bewerber für die zahlreichen Anfragen der Unternehmen aufzutreiben. „Die Betriebe suchen Leute und finden keine. Sie können sich niemanden aussuchen, weil sie oft gar keine Bewerbungen bekommen“, sagt Georg Beetz, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft Bodenseekreis.

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Die Industrie- und Handelskammer Bodensee-Oberschwaben (IHK) sieht im fehlenden Personal ein Hauptrisiko für die wirtschaftliche Entwicklung. Jedes zehnte Unternehmen verlagere deshalb bereits Tätigkeiten ins Ausland oder schränke Produktion oder Service ein. Mehr als 60 Prozent haben Probleme bei der Stellenbesetzung. Sie suchen vor allem Menschen mit dualer Ausbildung. Gerade bei betrieblich aus- und fortgebildeten Kräften müsse für Nachwuchs gesorgt werden, sagt IHK-Hauptgeschäftsführer Peter Jany: „Wir müssen dazu alle Potenziale heben, die der Fachkräftesicherung dienen.“ Er plädiert für Aus- und Weiterbildung, Vereinbarkeit von Beruf und Familie und Kinder-Betreuungsangebote.

Peter Jany, Hauptgeschäftsführer IHK Bodensee-Oberschwaben: "Insbesondere Meister, Fachwirte und Techniker fehlen. Aber auch den Bedarf an Fachkräften mittlerer Qualifikation – also Personen, die eine Berufsausbildung, aber keine Weiterqualifizierung gemacht haben – werden die Unternehmen nicht decken können."
Peter Jany, Hauptgeschäftsführer IHK Bodensee-Oberschwaben: "Insbesondere Meister, Fachwirte und Techniker fehlen. Aber auch den Bedarf an Fachkräften mittlerer Qualifikation – also Personen, die eine Berufsausbildung, aber keine Weiterqualifizierung gemacht haben – werden die Unternehmen nicht decken können." | Bild: Corinna Raupach

Selbst für große Firmen wird es eng. „Wir suchen Experten rund um die Themen Autonomes Fahren, E-Mobilität, Vehicle Motion Control und Integrated Safety. Vor allem aber Ingenieure und IT-Spezialisten, die mit Software- und Elektronikkompetenz unsere intelligenten mechanischen Produkte entwickeln“, sagt ein ZF-Sprecher. Für Rolls-Royce Power Systems sagt Pressesprecher Wolfgang Boller: “Fachkräfte sind für einige Gebiete schwer zu bekommen, beispielsweise für Elektrotechnik, Informationstechnologie und Digitalisierung, aber auch für einige Spezialgebiete des Maschinenbaus.“ Auch Airbus Defence and Space in Immenstaad spürt den Mangel: „Insbesondere für berufserfahrene Entwickler und Ingenieure muss mehr Aufwand, auch Zeit-Aufwand, betrieben werden um die Stellen zu besetzen“, erklärt Pressesprecher Mathias Pikelj.

Hart umworbener Talentmarkt

Mit dem Bewerber, der alle Anforderungen erfüllt, können sie nicht immer rechnen. Handwerksbetriebe und Pflegeeinrichtungen ergänzen fehlende Sprach- oder Fachkompetenzen im Ausbildungs- oder Anstellungsverhältnis. "Aber die Grundvoraussetzungen müssen passen", sagt Beetz. „Den hundert Prozent passgenauen Wunschkandidaten gibt es nicht immer – vor allem nicht im hart umworbenen Talentmarkt, auf dem nicht nur die Automobilindustrie kämpft. Ansonsten gibt es die Möglichkeit, die vorhandenen Qualifikationen jobbegleitend oder „on the job“ zu ergänzen“, sagt ein ZF-Sprecher. Auch Rolls-Royce Power Systems bildet Fachkräfte im Unternehmen aus. „Gleichzeitig qualifiziert Rolls-Royce Power Systems Mitarbeiter, die bereits im Betrieb sind, weiter oder schult sie für neue Anforderungen um. Auf diese Weise tun wir selber, was uns möglich ist, um die passenden Fachkräfte für die veränderten technologischen Herausforderungen an Bord zu haben“, so Boller.

Udo Pattner und Stefanie Kraft von der Friedrichshafener Personalberatungsfirma p2b suchen nach passenden Kandidaten für offene Stellen.
Udo Pattner und Stefanie Kraft von der Friedrichshafener Personalberatungsfirma p2b suchen nach passenden Kandidaten für offene Stellen. | Bild: Corinna Raupach

Für manche birgt die Situation auch Chancen: „Derzeit sind Leute gut zu vermitteln, bei denen es vor fünf Jahren schwieriger gewesen wäre“, sagt Stefanie Kraft von der Friedrichshafener Personalberatungsfirma p2b. Alleinerziehend zu sein sei kein Hemmnis, auch Alter spiele keine Rolle. „Jeder, der arbeiten möchte, bekommt eine Arbeit“, ist er überzeugt. Oft seien Arbeitgeber bereit, fehlende Qualifikationen berufsbegleitend nachzuholen.

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Nach Erfahrung von Frank Bühl, Geschäftsführer von Deltacon Friedrichshafen, ist die Persönlichkeit der Bewerber wichtiger als Alter, Geschlecht oder Familienstand. Er weiß aber auch: „Wenn sich auf eine Stelle ein 35-Jähriger und ein 57-Jähriger mit gleicher Qualifikation bewerben, bevorzugen viele den jüngeren Kandidaten. Wenn es sich dabei um eine Frau handelt, erst recht. Wenn sie allerdings frisch verheiratet ist, liegt es daran, wie die Einstellung im Unternehmen zu Familie wirklich ist.“