Herr Hahn, Sie sind mit Ihrer Wahl ins Präsidium für die inhaltliche und strategische Führung der SPD zuständig. Was sagen Sie zu diesem Amt und was bedeutet es für Sie?

Ich empfinde es als große Ehre und Privileg, als mit Abstand jüngstes Mitglied Teil der engen Parteiführung dieser bedeutenden Sozialdemokratie im Land sein zu können. Aber für mich bedeutet das auch eine große Verantwortung, Impulse zu setzen. Politische Führung übernimmt man letztlich nie zum Selbstzweck. Man muss eine klare Vorstellung davon haben, wie das Land und die Partei besser aufgestellt werden können. Das zu leisten, haben mir wohl viele der Delegierten zugetraut.

Wie beurteilen Sie insgesamt die Lage der SPD momentan?

Die SPD war lange viel mit sich beschäftigt und wirkte unsicher, ob sie überhaupt regieren will. Wir werden alles daran setzen, der Partei ihr Selbstvertrauen zurückgeben und anhand von richtigen Themen und durchdachten Reformansätzen deutlich machen, dass sich für die Menschen etwas Greifbares verbessert, wenn sie uns die Regierung übertragen.

Leon Hahn während seines Wahlkampfs im Wahlkreis Bodensee.
Leon Hahn während seines Wahlkampfs im Wahlkreis Bodensee. | Bild: Leon Hahn

Wie wollen Sie die Partei neu ausrichten?

Ich will Visionär in den Zielen sein und pragmatisch bei der Umsetzung. Wir werden sehr genau hinterfragen, welche Positionen der SPD für den immensen Vertrauensverlust im Land gesorgt haben. Aus diesen Fehlern, wie beispielsweise dem Verkauf von Sozialwohnungen oder der nicht erkennbaren Haltung aus Angst vor einer gespaltenen Wählerschaft bei der Flüchtlingsfrage, werden wir ohne übertriebene Selbstgeißelung erkennbare Konsequenzen ziehen. Wir werden wieder Mut zur politischen Gestaltung ausstrahlen, statt Selbstmitleid oder reine Selbstbeschäftigung.

Mit welchen Themen kann das gelingen?

Statt über Dinge zu sprechen, die geringe Teile der Bevölkerung tangieren, wird die SPD im Land eine unmissverständliche Haltung entwickeln zu Fragen, wie der des bezahlbaren Wohnraumes, zu Fragen von Integration und im Kontext dazu konkreten Maßnahmen, damit sich Menschen nicht bedroht fühlen, oder zu Fragen der Pflegekrise, die viele Familien, Pflegende und Gepflegte in Existenznöte bringt. Die SPD hat außerdem auf Dauer keine Existenzberechtigung, wenn sie keine Visionen und Lösungen zum Wandel unserer Gesellschaft und Wirtschaft in Zeiten von Digitalisierung und notwendigem Klimaschutz und dem Rückzug des Staates im ländlichen Raum, etwa durch weniger Krankenhäuser oder Polizeidienststellen, liefern kann. Den Anfang auf dem Weg zu einem klareren Profil machen wir mit einem Volksbegehren für gebührenfreie Kitas, das wir als SPD im Land auf den Weg bringen wollen. Das Geld hierfür ist, teils auch vom Bund, durchaus vorhanden. Wenn Grüne und CDU andere Prioritäten setzen, sollten die Bürger entscheiden, was ihnen wichtig ist.

Leon Hahn bei einer Veranstaltung seiner Partei am Rednerpult.
Leon Hahn bei einer Veranstaltung seiner Partei am Rednerpult. | Bild: Benjamin Stollenberg

Welche Vorteile hat Ihre Wahl für den Bodenseekreis?

Bereits während der Bundestagswahl habe ich deutlich gemacht, dass dieser Wahlkreis hörbarere Vertreter in Land und Bund braucht, als das aktuell der Fall ist. Ich arbeite eng mit unserer Landtagsfraktion, Abgeordneten und SPD-Regierungsmitgliedern im Bund zusammen und werde dort die Interessen des Bodenseekreises nachdrücklich einbringen, egal ob bei der Bodenseegürtelbahn und unseren Bundesstraßen, bei der Wohnungsnot oder beim besonderen Schutz des Trinkwasserspeichers Bodensee. Damit hat der Kreis eine zusätzliche Vertretung, die dringend nötig ist.

Warum erreicht die SPD ihre klassischen Stammwähler nicht mehr und wohin wandern diese ab?

Unsere politische Landschaft verändert sich radikal, das erkennen wir in den USA oder Brasilien, in Europa aber auch in unserem Land. Die als abgehoben wahrgenommenen Debatten der "Führungselite" führen dazu, dass sich immer mehr Menschen als Verlierer des politischen Systems fühlen, egal wer die Wahlen gewinnt. Diese Entwicklung ist – auch von den Volksparteien – zum Teil sicher selbstverschuldet, aber populistische und radikale Parteien verstärken diesen Trend mit teils unsäglichen Mitteln. Nicht selten handeln sie dabei übrigens im Interesse und mit Unterstützung aus dem Ausland, wie es bei der AfD vermutlich der Fall ist.

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Apropos AfD: Sie haben Strafanzeige gegen Alice Weidel und die AfD in der Spendenaffäre gestellt. Hat das zum Ziel geführt?

Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft haben die AfD und Alice Weidel wohl ausreichend unter Druck gesetzt, weitere offenkundig illegale Spenden zu veröffentlichen. Letztlich geht es mir aber nicht um das Werfen mit Dreck. Sollte die AfD gerade in Zeiten von versuchter Wahlbeeinflussung, unter anderem durch Russland, von illegalen Spenden profitiert haben, ist es von größter demokratischer Bedeutung, zu ermitteln, woher diese Gelder stammen und warum die AfD sie nicht öffentlich angegeben hat. Ein Versehen halte ich für kaum glaubwürdig. Wenn die Mittel im Wahlkampf eingesetzt wurden, ist auch eine vermeintliche Rückzahlung nicht entscheidend. Die Frage, ob die AfD das Geld auch zurückgezahlt hätte, wenn Frau Weidel den Einzug in den Bundestag verpasst hätte, ist die entscheidende. Diese Frage kann natürlich rückwirkend nicht beantwortet werden und zeigt, warum diese Spenden in jedem Fall problematisch waren.

Was ist in diesem Fall der aktuelle Stand?

Die Ermittlungen laufen und wir werden die Ergebnisse in Ruhe abwarten. Schließlich gilt auch für die AfD der Rechtsstaat, und das bedeutet hier, die Entscheidung von Gerichten abzuwarten. Wenn es zu einer Verurteilung von Frau Weidel und dem geschäftsführenden AfD-Kreisvorstand käme, wäre das für eine Partei, die "Kriminelle abschieben" will und selbst ständig mit dem Finger auf andere zeigt, allerdings zutiefst beschämend.

"Stellen Sie sich der inhatlichen Debatte in Ihrem Wahlkreis": Leon Hahn hat im Bundestagswahlkampf diese an Alice Weidel gerichteten Plakate aufgehängt.
"Stellen Sie sich der inhatlichen Debatte in Ihrem Wahlkreis": Leon Hahn hat im Bundestagswahlkampf diese an Alice Weidel gerichteten Plakate aufgehängt. | Bild: Corinna Raupach

Wie waren die Reaktionen?

Ich habe großen Zuspruch und Dank erhalten, aber natürlich geht es auch mit Bedrohungen und Beleidigungen einher, wenn man sich diesen rechten Kräften in den Weg stellt. Das kenne ich bereits aus meinem Eintreten gegen die AfD im Bundestagswahlkampf und im Land und es spornt mich eher an, weil es zeigt, dass diese Partei nicht durch demokratischen Diskurs, sondern durch Drohungen und Einschüchterungen an die Macht zu gelangen versucht. Das werde ich ihr nicht zugestehen.

Die Landes-SPD hat jüngst eine Auseinandersetzung um den Landesvorsitz erlebt. Sie haben mit Lars Castellucci den Gegenkandidaten zur damals amtierenden Vorsitzenden Breymaier, mit der Sie auch während des Bundestagswahlkampfs Auseinandersetzungen hatten und der Sie Ihren hinteren Listenplatz ankreideten, unterstützt. War diese Auseinandersetzung ein Grabenkampf?

Wir haben zwei Jahre nach dem Wahldebakel mit 12,7 Prozent im Land festgestellt, dass es mit der damaligen Aufstellung nicht weiter aufwärtsgegangen ist und vor allem Binnenfokus und Streit zugenommen haben, ohne dass die SPD ihr Profil geschärft hat. Ich habe Castellucci unterstützt, weil ich darauf vertraut habe, dass es uns so gelingt, die Partei zusammenzuführen und Inhalte in den Fokus zu rücken. Einen Zusammenhang meiner Unterstützung mit meiner Platzierung auf der Liste zur Bundestagswahl gab es jedenfalls nicht, Breymaier und Castellucci haben sich damals beide für den anderen Kandidaten auf dem vorderen Listenplatz ausgesprochen. Dass letztlich auf dem ParteitagAndreas Stoch als Kompromisskandidat angetreten und gewählt worden ist, nachdem der Mitgliederentscheid kein Ergebnis gebracht hat, ist Demokratie und er hat nach seiner Wahl nun den absoluten Rückhalt in der Partei. Wir haben außerdem jetzt einen jungen und begeisterungsfähigen Landesvorstand. Dieser neuen SPD wird es sich also lohnen, zuzuhören.

Hatte Ihre Wahl ins Präsidium auch damit zu tun, dass Sie zum Unterstützerteam von Lars Castellucci gehört haben?

Die Delegierten der Landes-SPD haben mich schon seit vielen Jahren mit sehr guten Wahlergebnissen ausgestattet und mir ihr Vertrauen geschenkt. Gleiches gilt auch für viele, die eher Frau Breymaier unterstützt haben. Ich glaube, dass dieses Lagerdenken nicht die Realität in der SPD abbildet. Gewählt werden hoffentlich diejenigen, die das beste inhaltliche und persönliche Angebot machen können.

Wie sieht Ihr Alltag aus und wie ändert sich Ihr Leben durch die Wahl?

Bereits als damaliger Juso-Landesvorsitzender habe ich viel Zeit ehrenamtlich für die Visionen und Politikansätze der SPD eingesetzt, jetzt bin ich voll berufstätig und berate Unternehmen bei nachhaltigen und wirtschaftlichen Lösungen für betriebliche Altersvorsorge. Insofern wird sich die Anzahl an Feierabenden und freien Wochenenden noch weiter reduzieren, aber ich würde das nicht tun, wenn ich nicht davon überzeugt wäre.

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Welche Rolle spielt der Bodenseekreis in Ihrem Leben und wie oft sind Sie vor Ort?

Der Bodenseekreis ist meine Heimat, hier habe ich Teile meiner Familie und Freunde und bin hier in der SPD engagiert. Beruflich bin ich im ganzen Bundesgebiet unterwegs und politisch nun – wieder – in ganz Baden-Württemberg. Da bleibt wenig Zeit, länger vor Ort zu sein aber wenn dann genieße ich unsere wunderschöne Region so viel wie irgendwie möglich.